Carol Bartz bezeichnet sich selbst als "Straight Shooter", eine, die vor Härte nicht zurückscheut und Klartext redet. "Hier geht es nicht um ein Visiönchen, das ich habe, sondern um eine große Vision für ein großartiges Unternehmen", verkündete sie, als sie im Januar 2009 die Leitung des Sanierungsfalls Yahoo übernahm.
Ausformuliert hat Bartz ihrer großen Vision in der Öffentlichkeit jedoch nie. Mehr als zwei Jahre nach ihrem Antritt hat die 62-jährige Managerin Yahoo vor allem auf Effizienz getrimmt, hat das Unternehmen aber noch nicht auf Wachstumskurs gebracht. Der angeschlagene Internetpionier aus dem Silicon Valley weist weiterhin viele der gleichen Schwächen aus, gegen die Bartz' Vorgänger auch nicht ankamen: Der Aktienkurs stagniert, der Umsatz sinkt, die Anteile im Suchmarkt schrumpfen, und Innovation ist Mangelware, besonders in den Zukunftsmärkten soziale Netzwerke und ortsbezogene Dienste, wo Rivalen wie Facebook und Google den Ton angeben. So strapaziert Yahoo mit seiner Richtungslosigkeit weiterhin die Geduld großer Investoren, und immer öfter werden die Fragen laut: Ist Bartz die richtige Person für den Job, und wie lange kann sie sich noch halten? Heute wird sie die neuesten Geschäftszahlen vorlegen, die Erwartungen sind bescheiden.
"Der Turnaround liegt unseres Erachtens ungefähr ein Jahr hinter dem Zeitplan zurück", sagt Colin Gillis, Analyst bei der Investmentbank BGC Partners. Institutionelle Investoren wie Capital World Investors wollen öffentlich keine Stellung zu Bartz nehmen. Hinter vorgehaltener Hand machen die Vertreter der großen Fonds ihrem Ärger Luft. "Hier schließt man Wetten darüber ab, wie lange sie es noch macht", sagt der Chef eines Technologieunternehmens mit Kontakten zu Yahoo-Investoren.
"Ich bin überrascht, wie unbeliebt Carol bei großen Yahoo-Investoren ist", sagt Eric Jackson, Gründer des Hedge-Fonds Ironfire Capital in Florida. "Es ist an der Zeit, dass sie geht, obwohl ihr Vertrag erst Ende Dezember 2012 ausläuft." Der Investor hat auch schon einen Nachfolger im Visier: David Kenny. Seit der Präsident des US-Internetdienstleisters Akamai im Februar in den Yahoo-Verwaltungsrat eingezogen ist, wird darüber spekuliert, ob er möglicherweise Bartz ablösen wird. Kenny hat viel Know-how in für Yahoo interessanten Bereichen: Der frühere Onlinemarketingspezialist ist im Management eines der wichtigsten Internetinfrastrukturunternehmens mit Kunden in der Internet-, Medien- und Werbewelt. Die ehemalige Autodesk-Chefin Bartz wusste bei ihrem Antritt bei Yahoo wenig über das Internet und die für Yahoo wichtigen Bereiche Onlinewerbung oder soziale Medien.
Vergangene Woche gab Kenny sein Debüt auf einer Sitzung des Yahoo-Verwaltungsrats. "Das Thema Vorstandschefin und der enorme Druck institutioneller Investoren wurden garantiert diskutiert", sagt Jon Holman, Gründer der Personalberatung The Holman Group in San Francisco, der seit 30 Jahren Vorstandschefs in der Technologiebranche vermittelt. "Und wenn der Druck zu hoch wird, muss das Gremium möglicherweise bald etwas unternehmen."
Teil 2: Erholung steht auf wackeligen Beinen