Östlich von Hamburg-Moorfleet beginnen die "Wasserfarben"
Hamburg ist eine Insel. Die Innenstadt ist bei Google Earth in allen Details zu erkennen - aber schon ein paar Kilometer ostwärts verschwimmt das Gelände. Fast ganz Niedersachsen sieht aus wie mit Wasserfarben hingekleckst.
Jeder, der eine Weile in den Satellitenbildern des Gratisprogramms gestöbert hat, weiß: Osama Bin Laden wird man man darauf nicht aufspüren. Oft reicht es nicht mal für einen ordentlichen Blick auf die Heimatstadt. Detaillierte Aufnahmen von Europa gibt es wenige, Afrika und Südamerika existieren fast nur als Schemen. Zudem stellt sich die Frage, wie alt die Bilder eigentlich sind.
Dabei schwirren knapp hundert zivile Erdbeobachtungssatelliten um unseren Planeten. Die Betreiberfirmen und Bildagenturen verkaufen eine riesige Auswahl an Fotos übers Internet, die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt - wenn man bereit ist, ein paar Euro dafür hinzulegen.
Zentrale Sammelstelle
Da ist zum Beispiel Ikonos, ein privater Satellit der US-Firma Space Imaging. Aus 680 Kilometern Höhe macht Ikonos Bilder mit einer Auflösung von einem Meter. Das ist weit mehr als genug, um Autos von Lastwagen zu unterscheiden. Gerade die Schwarzweißaufnahmen sind atemberaubend scharf - manchmal reicht es, um einzelne Menschen auszumachen.
Wenn solche Aufklärungssatelliten ihre Bilder zur Erde funken, hört auch eine deutsche Behörde mit: das Deutsche Fernerkundungsdatenzentrum (DFD), eine zentrale Sammelstelle für alles, was aus dem Orbit kommt. Das DFD-Archiv beherbergt so gewaltige Datenmengen, dass es von einem Roboter organisiert werden muss. Hier wird klar, was Google Earth ist: eine hübsche Spielerei. "Für den ersten visuellen Überblick ist es natürlich nützlich," sagt DFD-Teamleiter Klaus-Dieter Mißling. "Aber wenn ich eine Ernteprognose machen will oder Bilder eines bestimmten Zeitraums untersuchen möchte - solche Fragen sind damit nicht zu beantworten."
Auf die Bestände des DFD kann man gegen Bezahlung online zugreifen, etwa auf die Bilder der indischen IRS-Satelliten. Die sind stets aktuell und damit gut geeignet, wenn man es mal eilig hat - dafür ist die Auflösung eher grob.
Faszinierendes Wetter
Dagegen wirken die feinen Ikonos-Fotos, als schwebte man selbst über den Häusern: Schornsteine auf den Dächern sind erkennbar, die Markierungen auf dem Tennisplatz nebenan wirken klar und deutlich, und selbst die Wellenriffel auf dem Meer sind von gestochener Schärfe.
Auch diese Fotos kann man online bestellen. Nicht beim DFD, sondern bei Carterra, dem Suchportal der Betreiberfirma. Bei jeder Anfrage werden Dutzende Vorschaubilder angezeigt, die sich in Aufnahmetermin, Blickwinkel, und Bewölkungsgrad unterscheiden.
Gerade das macht die Bilder so faszinierend: das Wetter. "Zwischen der Erdoberfläche und der Kamera liegt die Atmosphäre als Medium", sagt Mißling: Wenn gerade Mistwetter war über Iserlohn, dann ist auf dem Foto eben nur die fluffige Wolkendecke zu sehen. Man bekommt einen Eindruck davon, wie weit man für diese Aufnahmen rauf muss - da unten ist ein Planet, und man sieht ihn von ganz weit oben.
Japan teurer als die USA
Hat man ein Foto gefunden, das die richtige Ecke der Welt zur richtigen Zeit ohne größere Störungen zeigt, kann man es kaufen und herunterladen - oder man kriegt das Datenpaket als DVD zugeschickt. Der Preis hängt von der Erdregion ab: Ein Quadratkilometer USA kostet etwa 7 $, ein Fleck Japan gleich 50 $. Im Grunde ist das wie Pizza bestellen. Nur teurer.
Wem Ikonos noch zu grobe Aufnahmen macht, der sollte es mit Quickbird versuchen. Dieser private Satellit hat eine Auflösung von erstaunlichen 60 Zentimetern. Solche Bilder, fast surreal in ihrem Detailreichtum, kosten 17 $ pro Quadratkilometer. Weil es einen Mindestbestellwert gibt, man also nicht beliebig kleine Fotos bestellen kann, kommt da schnell einiges zusammen: Ein Gebiet wie Bremen zum Beispiel ist 327 Quadratkilometer groß - das wären 5500 $ für ein Stadtbild.
So klappt's aber nur, wenn die gewünschte Aufnahme schon im Archiv vorliegt. Helgoland zum Beispiel, schon gar bei Google Earth nur ein grüner Rotz in der Nordsee, ist auch für Quickbird und Ikonos ein blinder Fleck, ebenso wie Mönchengladbach und viele andere Orte in Deutschland. In solchen Fällen spielen die kommerziellen Anbieter ihre größte Stärke aus: Ihre Satelliten lassen sich fernsteuern. Wer unbedingt ein Bild von Helgoland haben möchte, kann eines in Auftrag geben - Ikonos zum Beispiel würde dann exklusiv für den Kunden ein Bild schießen. "Dafür muss der Satellit genau ausgerichtet sein," sagt Klaus-Dieter Mißling. "Und in Grenzen lässt sich der Sensor auch schwenken."
Natürlich ist das die teuerste Variante: Ein extra geordertes Quickbird-Foto kostet 22 $ pro Quadratkilometer, 2200 $ für ein fitzeliges Porträt von Helgoland. Das ist ein Liebhaberpreis, der auf Dauer ein bisschen hoch sein könnte. Damit sich die Bilder also rentieren, sollte man genau hinsehen. Vielleicht entdeckt man ja einen Mann mit Stock, Bart und Kalaschnikow: Auf die Ergreifung von Osama Bin Laden sind 27 Mio. $ ausgesetzt.