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Merken   Drucken   27.01.2006, 14:00 Schriftgröße: AAA

Schöne neue Technikwelt: Mein Leben mit der DVB-T-Set-Top-Box Gigaset M740

Ich wollte sie entdecken, die "gesamte Vielfalt des Home-Entertainment". Die DVB-T Set-Top Box Siemens Gigaset M740 AV sollte sie mir zeigen. Leider sind wir beide gescheitert. von Nicolai Kwasniewski, Hamburg
Siemens Gigaset M740 AV   Siemens Gigaset M740 AV
Ich gebe zu, ich bin drauf reingefallen. Nicht auf den Werbespruch "Entdecken Sie die gesamte Vielfalt des Home-Entertainment", sondern auf die Beschreibung der Gigaset M740 AV. Die Box soll mir digitales Antennenfernsehen empfangen, zeitversetztes Fernsehen ermöglichen, Dolby Surround abspielen und Sendungen digital aufzeichnen. Darüber hinaus soll M740, wie ich sie nur noch nenne, "alle gängigen Mediadaten wie Filme, Bilder und Musik vom PC auf den Fernseher bzw. die HiFi-Anlage" holen.
"Dieses Gerät", heißt es bei Siemens, "ist ein echter Alleskönner und setzt neue Horizonte im Bereich des Home Entertainment, die totale Vernetzung von Video, Audio und Datenwelt zum Fernsehgerät und eine Set-Top-Box fürs Digitalfernsehen". Ich bin ja ein Freund von Siemens Gigaset, mein schnurloses Telefon Gigaset 900 hält seit mittlerweile mehr als zehn Jahren - allerdings muss ich damit auch heute noch nur telefonieren.
Zurück zu M740. Das Design ist ein guter Versuch. Von Apples iPod abgeschautes Weiß, klare Linien. Von nahem betrachtet wirkt das weiß und silber lackierte Plastik leider wie, na ja, Plastik und etwas billig. M740 soll aufrecht neben dem Fernseher stehen. Dort will ich es eigentlich nicht haben, neben Videorekorder und DVD-Player passt es aber nicht. Hinlegen ist aber verboten, denn M740 besitzt keinen Lüfter und würde zu heiß - mal abgesehen davon, dass sie auf der halbrunden Oberfläche wackeln würde.
Die totale Vernetzung
Das Stichwort zeitversetztes Fernsehen - Timeshift heißt es bei Siemens - gab für mich den Ausschlag, M740 zu testen. Eigentlich bevorzuge ich dafür ja einen DVD-Festplattenrekorder. Um meine digitalen Fotos auf dem Fernseher anzusehen muss ich dann allerdings CDs oder DVDs von meiner Sammlung brennen, für Musik vom Computer gilt das Gleiche. Zudem verspricht mir M740 die Integration meines Computers (hätte ich keinen von Apple) in ein drahtloses Netzwerk.
Zurück zur totalen Vernetzung. Trotz der Design-Inspiration durch den iPod müssen Apple-Anwender - wie bei den meisten Produkten - bei der Vernetzung mit M740 draußen bleiben. Zuerst also die Scart-Verbindung mit Fernseher und Videorekorder und die Cinch-Verbindung zur Stereoanlage. Da M740 einen "Twin Tuner" besitzt, kann ich ein Programm anschauen, während ein zweites aufgezeichnet wird - z. B. von meinem Videorekorder.
Da ich einen Kabelanschluss besitze, ist M740 meine erste DVB-T-Erfahrung. Leider kann ich das nicht sofort testen - eine Antenne ist bei dem Gerät ebenso wenig dabei, wie Scart- oder Cinch-Kabel. Zum Preis von 299,95 Euro (UVP) addieren sich also 4,99 für ein durchschnittliches Scart-Kabel und 9,95 Euro für eine DVB-T-Stabantenne. Als die besorgt ist, schalte ich alles ein - und warte. M740 braucht eine gute Minute zum Starten. Ein orangefarbener Streifen leuchtet und pulsiert dabei fröhlich. Schnell mal den Fernseher anschalten geht also nicht mehr.
Erste Maßnahme: Sender suchen und programmieren, alle Einstellungen so anpassen, wie es mir gefällt. Mit der übersichtlichen und vergleichsweise schönen Fernbedienung und dem übersichtlichen Menü ist das schnell erledigt. Ich kann zudem zwischen den Sprachen Deutsch, Englisch und Türkisch wählen. So weit so einfach.
Zeitversetztes Fernsehen mit kleinen Hürden
Jetzt will ich sofort das zeitversetzte Fernsehen ausprobieren. Das bedeutet, ich sehe das aktuelle Fernsehprogramm - zum Beispiel die Nachrichten - und zeichne es gleichzeitig auf. Werde ich nun unterbrochen, kann ich das Programm anhalten und später an derselben Stelle weiterschauen. Der Vorteil gegenüber einem Videorekorder: Ich kann die Aufnahme schon ansehen, während die Sendung noch aufgezeichnet wird. Leider, so wird mir jetzt erst klar, besitzt M740 gar keine Festplatte. Die muss ich per USB-Kabel extra anschließen. Günstige kompatible USB-Festplatten bekommt man ab 100 Euro.
Glücklicherweise besitze ich eine USB-Festplatte und muss sie nicht extra kaufen. Dafür muss ich sie (Apple-Benutzer) komplett löschen und formatieren. Das geht über das Menü von M740, genauso wie die Angabe, wohin künftige Aufnahmen gespeichert werden sollen. Danach geht alles reibungslos. Ich beginne den Tatort, drücke auf Aufnahme, wähle 120 Minuten Aufnahmedauer, auch wenn der Tatort nur 90 Minuten dauert, ich bin ein vorsichtiger Mensch, und stoppe den Film kurz nach dem Vorspann. Ich telefoniere und lese ein wenig Zeitung, bis ich um 21 Uhr den Tatort weitersehe.
Statt auf die USB-Festplatte kann ich diese Daten auch auf meinem Computer speichern, wenn ich ihn mit M740 verbinde. Für die WLAN-Anbindung braucht M740 allerdings noch einen WLAN-Repeater (z.B. Siemens Gigaset WLAN-Repeater 108, UVP: 89,- Euro), den ich in den M740-Netzwerkanschluss einstecke. Ich kann allerdings einen Windows-Computer auch direkt mit einem Netzwerk-Kabel anschließen und das tue ich dann, damit ich nicht noch mehr Geräte herumstehen habe.
Eingeschränkte Netzwerkfähigkeit
Die Anleitung für die Verbindung von M740 mit einem Netzwerk ist ausführlich und relativ verständlich. Dass ich trotzdem scheitere, führe ich auf meine mangelnde Erfahrung mit der Freigabe von Windows-Ordnern in einem Netzwerk - oder ähnliche Dinge - zurück. Theoretisch sollte es klappen. Dann könnte ich direkt auf meinem Computer das Fernsehprogramm aufnehmen und Fotos und Musik von dort über M740 auf dem Fernseher ansehen beziehungsweise auf der Stereoanlage anhören. Leider könnte ich die aufgenommen Sendungen wiederum nicht auf DVD brennen, weil die Daten in einem Format gespeichert werden, die kein DVD-Player erkennen kann. Es soll im Internet aber Software-Lösungen dafür geben.
Wenn ich aber alles richtig verstanden habe, muss man jede Datei, die man über M740 auf seinem Fernsehbildschirm oder seiner Stereoanlage wiedergeben will, einzeln mit Fernbedienung und Menü im "Media Locator" zu einer Liste (Playlist) hinzufügen. Wenn man sich mal eben die 250 Urlaubsbilder anschauen oder zwei CDs hintereinander anhören will, ist das vermutlich recht mühsam.
Die Programmierung ist durch eine Elektronische Programmzeitschrift (EPG), die über das DVB-T-Signal übermittelt wird, einfach und bequem. Per Knopfdruck wird angezeigt, welche Sendung gerade läuft und worum es dort geht. Genauso kann ich mich aber durch das gesamte Tages- und Wochenprogramm klicken und entscheiden, was ich davon aufnehmen will. Das geht dann mit einem einfachen Klick.
M740 gegen Multimedia-PC
Ich vermute, M740 ist der Versuch von Siemens, einen Fuß in das vernetzte Wohnzimmer zu bekommen. Für mich ist das allerdings nichts. Denn M740 ersetzt weder den DVD-Player noch Videorecorder oder Computer. Die Funktionen, die über das Fernsehen hinausgehen, sind etwas mühsam zu konfigurieren und erfordern eine intensive Beschäftigung mit anderen Geräten - etwas, das ich gerade im Wohnzimmer nicht will.
Entweder kaufe ich mir doch noch einen DVD-Rekorder mit Festplatte, der sowohl zeitversetztes Fernsehen als auch die Speicherung auf DVDs ermöglicht. Dann muss ich von meinen Fotos und Musikalben weiterhin CDs und DVDs brennen. Oder ich warte ein wenig und lege mir ein vollwertiges Multimedia-PC-Set zu. Das gibt's dann hoffentlich auch bald von Apple.
Noch ein Wort zu meinem Tatort: Als es nach weiteren Pausen gegen 22 Uhr 15 so richtig spannend wird, friert das Bild ein. Meine verzweifelten Versuche, Vor oder Zurück zu spulen, führen zu einem Totalabsturz von M740. Nach dem Neustart steht ein dickes Ausrufezeichen in einem roten Warndreieck neben dem Listeneintrag der Tatort-Aufnahme. Er lässt sich trotzdem wieder abspielen - gerade noch Glück gehabt.
  • FTD.de, 27.01.2006
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