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Merken   Drucken   07.01.2003, 20:54 Schriftgröße: AAA

Telekom: Angst vor der Job-Lotterie

Der T-Punkt an der großen Berliner Einkaufsstraße ist leer. Verschnaufpause nach dem Ansturm vor den Feiertagen. Zeit zum Nachdenken: "Eigentlich möchte ich mir gar nicht vorstellen, was dieses Jahr bringt", sagt die junge Verkäuferin, die auf Kundschaft wartet. von Matthias Lambrecht, Hamburg
"Jahrelang hat man hier geschuftet und nun werden wir einfach aufs Abstellgleis geschoben." Die Stimmung unter den Beschäftigten der Deutschen Telekom ist in diesen Tagen auf dem Tiefpunkt. Mehr als 40.000 der weltweit rund 250.000 Beschäftigten werden bis Ende 2005 ihren Arbeitsplatz verlieren, gut 35.000 in Deutschland. Fast jeder dritte Arbeitsplatz in der Festnetzsparte T-Com wird verschwinden. Die Zahlen sind seit einigen Monaten bekannt, in den kommenden Wochen sollen die Beschäftigten erfahren, welche Jobs gestrichen werden sollen.
Zwar ist Stellenabbau im einstigen Staatskonzern nichts Neues: In den vergangenen sechs Jahren mussten 24.000 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze räumen. Bislang ist es aber noch immer gelungen, Mitarbeiter aus schrumpfenden Unternehmenssparten in expandierenden Konzernbereichen unterzubringen. Damit ist es nun vorbei: Die Boomjahre auf den Telekommunikationsmärkten sind vorerst vorbei. Der knallharte Wettbewerb zwingt dazu, die Kosten immer weiter herunterzufahren.
Zehntausende Mitarbeiter werden deshalb in den kommenden drei Jahren das Unternehmen verlassen müssen. Damit auch diesmal niemand auf der Straße landet, baut der Konzern ein flächendeckendes privates Arbeitsamt auf: Eine Arbeitsvermittlung, die mit Hilfe einer Personal-Service-Agentur (PSA) Beamte und langjährige Angestellte ebenso wie Nachwuchskräfte nach bestandener Ausbildung als Zeitarbeits- und Leiharbeitskräfte überall in der Republik vermitteln und - wo irgend möglich - neue, feste Jobs für die Ex-Telekom-Mitarbeiter finden soll.
Klinkhammer will sparen
"Das ist eine gigantische Aufgabe", sagt der Mann, der das eigentlich Unmögliche möglich machen soll. Personalvorstand Heinz Klinkhammer will bis Ende 2005 zusammengerechnet 2 Mrd. Euro sparen. Danach sollen die jährlichen Arbeitskosten des Konzerns, die derzeit bei 13 Mrd. Euro liegen, um 1 Mrd. Euro niedriger ausfallen - eine gute Nachricht für die gebeutelten T-Aktionäre.
Dabei ist der 56-Jährige kein knallharter Vollstrecker, der bei Rationalisierungsmaßnahmen allein den Shareholder-Value im Blick hat. Mit Vollbart und niederrheinischem Dialekt könnte der gebürtige Krefelder auf einer Betriebsversammlung eher als Gewerkschafter durchgehen, denn als oberster Personalmanager von Deutschlands größter Aktiengesellschaft.
Tatsächlich ist Klinkhammer als ehemaliger Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Krupp Mannesmann ein gestandener Vertreter des rheinischen Kapitalismus, ein Manager, der auf Gewerkschaftsversammlungen schon mal als "Kollege Arbeitsdirektor" begrüßt wird und dem Anfang Dezember der "Preis für besondere Verdienste um die Montanmitbestimmung" von der IG Metall Duisburg verliehen wurde.
Viele Beamte
Bis Ende 2004, so hat es Klinkhammer mit den Gewerkschaften im Tarifvertrag vereinbart, wird es bei der Deutschen Telekom keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Die würden in der ehemaligen Behörde ohnehin nur eine Minderheit der Beschäftigten treffen. Denn noch immer sind etwa in der Festnetzsparte T-Com rund die Hälfte der Beschäftigten Beamte, weitere 30 Prozent langjährige, nicht kündbare Angestellte. "Ich halte betriebsbedingte Kündigungen für nicht sehr clever", sagt Klinkhammer. "Sie träfen vor allem einseitig die Jungen."
Deshalb hat der Telekom-Manager mit den Gewerkschaften gleiches Recht für alle vereinbart: Die Personalkürzungen können laut Tarifvertrag jeden treffen. Überall dort, wo etwa weniger Anrufe von Telekom-Kunden eingehen oder Arbeitsprozesse durch den Einsatz leistungsfähigerer Computer optimiert werden, müssen Mitarbeiter gehen - Beamte ebenso wie Angestellte. Wen es trifft, entscheiden Betriebsrat und Management nach einem genau festgelegten Verteilungsschlüssel: Die Gruppe der Mitarbeiter, die in die PSA entlassen wird, soll in ihrer Altersstruktur der des von der Rationalisierung betroffenen Betriebsteils entsprechen. Außerdem werden je zu Hälfte Mitarbeiter mit über- und mit unterdurchschnittlichen Leistungen in die Vermittlungsagentur überstellt.
"Wenn ich jemand herausnehme, der volle Leistung erbringt, ist der sicherlich leichter zu vermitteln, als jemand, der nur eine deutlich geringere Leistung erbringt", beschreibt Klinkhammer die Strategie. Damit, so hofft der Telekom-Personalchef, erhöhten sich die Chancen, die Menschen auch auf einem schwierigen Arbeitsmarkt unterzubringen.
Schnelle Erfolge
Genau darauf aber kommt es an: Nur wenn die PSA schnell auf Vermittlungserfolge verweisen kann, wird es gelingen, die Mitarbeiter von dem im Tarifvertrag vereinbarten Verfahren zu überzeugen. "Wir müssen nun zeigen, das die PSA abhebt und fliegt. Schaffen wir das, brauchen wir uns auch nach 2004 über betriebsbedingte Kündigungen nicht zu unterhalten."
Bislang mögen die Telekom-Beschäftigten die Hoffnungen ihres Personalchefs in das ausgeklügelte Rationalisierungskonzept nicht so recht teilen. "Die Stimmung ist einfach beschissen", sagt Peter Massmann*, kaufmännischer Angestellter in der Nürnberger T-Com-Niederlassung. "Noch weiß keiner, ob er vielleicht gehen muss, und an die angeblichen Supervermittlungschancen glaubt auch kein Mensch."
Dass der Telekom-Vorstand erst nach Abschluss der Tarifverhandlungen im vergangenen Jahr so richtig mit den Zahlen zum Personalabbau herausrückte, hat die Mitarbeiter verärgert; das Warten auf konkrete Maßnahmen hat sie verunsichert. Das Auswahlverfahren ist für viele nicht nachvollziehbar. "Es gleicht einer Lotterie", gesteht Dieter Mielke, der als Betriebsratsvorsitzender der Technik-Niederlassung Bayreuth die Tarifvereinbarung mit umsetzen muss. "Bislang konnten sich die überdurchschnittlich leistungsfähigen Kollegen relativ sicher fühlen. Jetzt müssen sie wegen des Verteilungsschlüssels damit rechnen, dass sie besonders von der Versetzung in die PSA betroffen sind."
Viele Auflagen
Tatsächlich bieten die für die Arbeit in den Service-Agenturen vereinbarten Spielregeln keine allzu rosige Perspektive: Zwar behalten die Versetzten zunächst ihr altes Einkommen, erst nach 41 Monaten sinkt das Gehalt der nicht beamteten Mitarbeiter um 9,5 Prozent. Dafür können sie aber als Leih- und Zeitarbeiter in anderen Unternehmen eingesetzt werden und müssen Arbeitswege von täglich bis zu dreieinhalb Stunden hinnehmen. Einen festen Job in einem anderen Konzernteil, der ihrer Qualifikation und Berufserfahrung entspricht, können sie einmal ablehnen, Angebote aus Unternehmen außerhalb der Telekom zweimal. Dann müssen sie zugreifen - sonst sind sie auch ihren Job bei der PSA los.
"Ich glaube fest, dass wir Erfolg haben werden", sagt Klinkhammer. Dazu will der Personalvorstand Tätigkeiten, die von der Telekom in den vergangenen Jahren an Unternehmen von außen vergeben hat, künftig von PSA-Mitarbeitern erledigen lassen. Darüber hinaus setzt er auf die Mischung aus gut qualifizierten Arbeitskräften und die Möglichkeit, überall im Bundesgebiet Angestellte und sogar Beamte anbieten zu können. Vor allem in Ballungsräumen wie Frankfurt/Main, Stuttgart oder München rechnet sich Klinkhammer gute Vermittlungschancen aus.
Die Gewerkschaften, die dem Tarifvertrag einst zugestimmt, mögen diese Zuversicht längst nicht mehr teilen. "Die Idee der PSA ist nur sinnvoll, wenn genügend Arbeitsangebote da sind. Sonst wird das ein Rohrkrepierer", warnt Josef Falbisoner, bayerischer Landesbezirksleiter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Bereits im November demonstrierten Telekom-Beschäftigte gegen den Personalabbau. Im Frühjahr will Verdi nachlegen, falls die Unternehmensspitze an dem Rationalisierungsprogramm festhält.
Für Klinkhammer könnte es dann kritisch werden. Er weiß:"Wenn sich der Sozialpartner zurücklehnte und sagte: ,So habe ich mir das nicht vorgestellt‘, dann können wir keinen Erfolg haben." Noch aber geht der Telekom-Personalchef davon aus, dass die Gewerkschaften mitziehen: "Denn wir können in jedem Saal die Revolution ausrufen. Aber wenn wir rausgehen und die Tür hinter uns schließen, dann haben wir Marktwirtschaft und Wettbewerb - und da müssen wir bestehen."
*Name von Redaktion geändert
09:50:19 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Deutsche Telekom 7,984 EUR   -0,26%  -0.021
  • FTD, 07.01.2003
    © 2003 Financial Times Deutschland,
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