Bernd Beiser fallen auf Anhieb ein Dutzend Beispiele ein, warum die neuen Internetendungen in einem großen Wirrwarr enden könnten: Was ist etwa mit den Elektronikmärkten von Saturn? Werden sie ihr Recht auf eine Webadresse mit der Endung ".saturn" durchsetzen können? Oder geht der Zuschlag vielleicht doch eher an ein Planetarium? Oder der Buchhändler Amazon: Sichert sich das Unternehmen die Adresse ".amazon", oder setzt sich die brasilianische Regierung durch, die eine Infoseite über das Amazonasgebiet an den Start bringen möchte? Was ist mit Puma: Ist es die richtige Adresse für den Sportartikelhersteller oder doch eher für einen Wildpark? Bernd Beiser kann diese Fragen nicht beantworten.
Der Geschäftsführer von Netnames Deutschland, einem Anbieter für Domainmanagment, ist sich aber sicher: "Für viele Unternehmen werden die zusätzlichen Endungen auch eine neue Belastung darstellen."
Noch ein Jahr
In gut einem Jahr soll es so weit sein, dann können bei der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann) beliebige Top Level Domains (TLDs) angemeldet werden. Die Icann wacht weltweit über die TLDs und ist die einzige Institution, die über zusätzliche Endungen bestimmen darf.
Bislang konnten Interessenten lediglich zwischen etwa 220 TLDs wie ".de", ".com" und ".org" wählen. Die nun geplante Initiative ist die umfassendste Neuordnung in der 25-jährigen Geschichte des Web-Adressverzeichnisses. Neue Erweiterungen gab es bisher nur, wenn die Icann darin einen Nutzen für die Internet-Gemeinde sah, wie zum Beispiel bei ".eu". Jetzt sollen die TLDs jedoch beliebig vergeben werden. Laut Icann sollen die ersten neuen Endungen im Sommer 2010 starten, ursprünglich war der Termin für Ende 2009 geplant.
Bei den bisherigen Erweiterungen wie ".mobi" oder ".biz" bemühten sich die Konzerne stets, ihre Firmennamen mit der neuen Endung schon im Voraus zu reservieren, damit diese nicht missbraucht werden. Auch Adressen mit Tippfehlern kaufen die Konzerne dabei ein, um Nachahmern oder Konkurrenten keine Chance zu geben. So leitet zum Beispiel "gooogle.com" automatisch zum Websuchkonzern weiter, ebenso wie etwa "microsofft.com" auf die Website für die Internetsuche des Softwarekonzerns springt. Das gleiche Spiel müssten die Unternehmen jetzt bei der Einführung neuer Domains wiederholen. Mit einem Unterschied: Anders als bisher sollen die Registrierungen bei der Icann viel Geld kosten - bis zu 500.000 Euro pro TDL sollen anfallen.
Domains sichern
"Auch wenn wir kein Interesse an so einer Domain haben: Wir müssen sie kaufen, damit nicht irgendein Konkurrent auf die Idee kommt, sie uns wegzuschnappen und unsere Marke zu beschädigen", sagt der Sprecher eines großen deutschen Autokonzerns. Die Angst vor der Besetzung der eigenen Marken treibt die Unternehmen heftig um.
VW ,
Porsche und
Audi warnten deshalb kürzlich gemeinsam vor einer Zulassung von ".marke"-Adresszonen durch die Icann.
Andere Unternehmen sehen jedoch Chancen, wie etwa der Reisekonzern TUI: "Es wird bei uns diskutiert," sagte Andree Eckhard, bei TUI zuständig für das Domainmanagement. Mögliche Vorteile sieht man bei TUI darin, eine zentrale Anlaufstelle im Netz zu haben: Nur wo ".tui" draufsteht, ist auch sicher ".tui" drin, lautet das Credo.
Bernd Beiser findet diese Einstellung gefährlich: Sich eine zusätzliche TLD zu sichern heiße nicht, dass man ältere Adressen einfach aufgeben kann. Er warnt: "Damit würde das Unternehmen eine empfindliche Flanke öffnen."