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  Intelligente Stadt FTD-Serie: Lebensqualität für Millionen

Im Jahr 2050 werden rund 70 Prozent der Menschen in Städten leben. Dies stellt die Metropolen der Erde vor große Aufgaben: Sie müssen Energieversorgung, Verkehr, Sicherheit und Versorgung mit Nahrungsmitteln für zig Millionen Einwohner sicherstellen. Lesen Sie, wie Politiker, Wissenschaftler und IT-Unternehmen sich darauf vorbereiten - und welche Lösungen es schon gibt.

Merken   Drucken   03.03.2009, 09:00 Schriftgröße: AAA

Vernetzt: Alles im Fluss

Verstopfte Innenstädte, Schritttempo auf Autobahnen: Telematik soll aufräumen im Verkehrschaos. Moderne Mautsysteme und neue Navigationsgeräte machen auch die Straßen sicherer und helfen, angemessen zu fahren von Holger Stroemer
Stoßstange an Stoßstange schieben sich die Autos durch den Stadtverkehr. Vollgestopfte Straßen sind während der Rushhour in vielen europäischen Innenstädten immer noch die Regel. Obwohl Experten schon lange warnen, dass das Verkehrsaufkommen weiter zunimmt, ändert sich an den Verhältnissen meist nur wenig. Auch auf den Autobahnen sieht es nicht besser aus. Durchschnittlich mehr als 60 Stunden im Jahr steht jeder deutsche Autofahrer im Stau, heißt es in einer BMW-Studie.
Einige europäische Städte reagieren jedoch auf die Blechlawinen. So fuhren früher mehr als 400.000 Fahrzeuge täglich durch Stockholms Innenstadt. Der Stadtrat der schwedischen Hauptstadt führte Anfang 2006 gemeinsam mit der Swedish National Road Administration (SNRA) versuchsweise ein Mautsystem ein. Ziel war nicht nur, das Verkehrsaufkommen zu verringern.
Die Bürger sollten zudem auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen und so die Umwelt schonen. Dazu richtete die Stadt an den Zufahrtsstraßen ein System aus Lasertechnologie, Kameras und Informationstechnik ein. Passiert ein Fahrzeug die erste Laserschranke, löst es einen Impuls am Transceiver aus. Dieser sendet ein Signal an einen Transponder im Fahrzeug, der Uhrzeit, Datum und die Höhe des fälligen Geldbetrags aufzeichnet. Gleichzeitig nimmt eine Kamera das vordere Kennzeichen des Fahrzeugs auf.
Einfluss eines Mautsystems
Beim Passieren der zweiten Laserschranke löst es einen Impuls an der zweiten Kamera aus, die das hintere Kenn¬zeichen fotografiert. "Wir hatten von Anfang an eine extrem hohe automatische Erkennung, egal bei welchem Wetter", sagt Karin Dürmeyer, Distinguished Engineer bei IBM. Das Unternehmen fungierte bei diesem Projekt als Systemintegrator.
Die Gebühren werden wahlweise vom Konto des Fahrzeugbesitzers eingezogen, der über das Internet oder direkt vor Ort bezahlt. Die Gebühr pro Durchfahrt schwankt mit der Tageszeit zwischen 1,10 Euro und 2,20 Euro. Der Höchstpreis fällt zur Hauptverkehrszeit an. Der Maximalbetrag pro Fahrzeug und Tag liegt bei 6,50 Euro. Das Mautsystem hat erheblichen Einfluss auf das Verkehrsaufkommen.
Am Ende der Versuchsphase war dieses um 25 Prozent zurückgegangen. Im Frühjahr 2006 nutzten im Vergleich zum Vorjahr an einem normalen Arbeitstag 40.000 Personen mehr die öffentlichen Verkehrsmittel - eine Steigerung um sechs Prozent. Während des Versuchszeitraums verringerten sich in der Innenstadt die Abgasemissionen um bis zu 14 Prozent. Der Ausstoß von Treibhausgasen ging um 40 Prozent zurück.
Die Angst der Politiker
Die Testphase dauerte ein halbes Jahr. "Das System läuft jeden Tag ohne Fehler. Wir hatten noch an keinem Tag einen Ausfall", sagt Dürmeyer. Daher entschieden sich die Bürger in einer Volksabstimmung für die Fortsetzung des Mautsystems. "Das System ist extrem flexibel. Das ist der Vorteil. Die Preise werden den Tageszeiten und der Verkehrssituation angepasst", sagt Dürmeyer.
Andere Städte haben vergleichbare Systeme installiert und getestet. In Singapur existiert schon seit 1965 ein Mautsystem. Wenn der Berufsverkehr einsetzt, steigen die Preise. In London führt die City-Maut seit 2003 ebenfalls zu einer deutlichen Verbesserung der Situation. In der britischen Hauptstadt zahlen die Autofahrer zu jeder Zeit die gleichen Gebühren. "Bei einer City-Maut ist es wichtig, dass der Preis zeitlich gestaffelt ist, dann ist sie sinnvoll", sagt Manfred Boltze. Er ist Professor für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der Technischen Universität Darmstadt.
In Deutschland erhitzt das Thema schnell die Gemüter. "Hier haben Politiker Angst, sich die Finger zu verbrennen", sagt Boltze. "In London ist der Bürgermeister zur Wahl angetreten und hat gesagt: ‚Ich schaffe euch die Staus vom Hals.‘ Und er wurde sogar wiedergewählt. Menschen können mit solchen Modellen leben. Sie nehmen es an, wenn sie Geld und Nerven sparen können. Aber es muss sozial verträglich sein", sagt Boltze.

Teil 2: Mautsystem - Beispiel Ruhrpilot

  • FTD.de, 03.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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