Politiker und Unternehmer sprechen über Sicherheit bis heute meist nur in ihren eigenen Kreisen. Das, obwohl immer häufiger Bedrohungen von Unternehmen, die zur kritischen Infrastruktur gerechnet werden, im Zentrum stehen, wenn Außen- und Sicherheitspolitiker neue Herausforderungen analysieren. Die Schadsoftware Stuxnet hat deutlich gemacht, dass Cyberkrieger längst große Industrieanlagen angreifen können. Doch mit denjenigen, die diese Anlagen betreiben, kommen die Sicherheitspolitiker nur selten in Kontakt. Das soll sich jetzt ändern. Der Chef der Deutschen Telekom , René Obermann, und der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, haben 50 DAX-Vorstände, Politiker und Wissenschaftler Mitte September nach Bonn eingeladen, um Strategien gegen Cybergefahren zu entwickeln.
Ischinger vertritt eine Institution mit Tradition, bei der schon vor über 50 Jahren über Panzer, Raketen, Sprengköpfe diskutiert wurde. Doch mit der Globalisierung und einer fortschreitenden Vernetzung der Themen hat sich der Fokus ständig erweitert. Seit einigen Jahren reserviert Ischinger eine Reihe der umkämpften 300 Plätze im Bayerischen Hof für Führungskräfte der Wirtschaft. "Es gibt ein Interesse der Sicherheitspolitik an der Sach- und Fachkompetenz der Wirtschaft, und es gibt ein wachsendes Interesse der international tätigen Wirtschaft an strategischen Entwicklungen in der Sicherheitspolitik", sagt er und spricht von "zwei Interessensträngen, die sich aufeinander zubewegen".
Unter dem Stichwort "vernetzte Sicherheit" werden heute Themen wie Piraterie, Zugang zu Rohstoffen oder Netzsicherheit eingeschlossen. "In der letzten Konsequenz verschwimmt die Unterscheidung zwischen äußerer und innerer Sicherheit." Es habe darum keinen Sinn mehr, nur Außenpolitiker, Diplomaten und Generäle über Sicherheitspolitik diskutieren zu lassen. "Wir brauchen den Input und das Know-how der Unternehmen."
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Andererseits sind es die international operierenden Unternehmen, die bei Standortentscheidungen oder Krisen von den Sicherheitspolitikern profitieren können. "Das Thema Cybersicherheit steht dabei klar im Zentrum", hat Ischinger beobachtet. Die Sorgen seien auf beiden Seiten "erheblich gewachsen". Darum hat er vor zwei Jahren die Cybergefahren erstmals auf seine Münchner Tagesordnung gesetzt: "Das Interesse war erstaunlich groß."
Die Bonner Konferenz am 12. September ist für ihn ein Pilotprojekt. "Sollte sie zu einem guten Echo führen, kann ich mir auch vorstellen, es in dieser oder ähnlicher Form noch einmal fortzusetzen." Das Ziel sei zunächst Bewusstseinsbildung "Wir gehen davon aus, dass die IT-Experten alles wissen, aber die Frage ist, ob die Unternehmenschefs ihnen hinreichend zuhören." Sicherheit müsse zu einem strategischen Thema in der Chefetage werden.
Für eine aus sicherheitspolitischer Sicht besonders wichtige Aufgabe hält Ischinger die Einrichtung einer Informationssammelstelle für Cyberangriffe. "Der Gedanke liegt auf der Hand", sagt er, denn nur wenn man umfassend registriert, was im Netz geschieht, könne man angemessen reagieren. "Ich würde mich freuen, wenn wir nach unserer Konferenz in diese Richtung gehen könnten", sagt Ischinger. Aber er weiß: "Viele Unternehmen wollen Hackerangriffe immer noch am liebsten unter der Schamgrenze halten und nicht darüber reden."