Künftig sollen alle rund 200.000 Schüler der neunten Klassen sämtlicher nordrhein-westfälischer Schulen ein Jahr lang täglich kostenlos mit Zeitungen versorgt werden. Das kündigte NRW-Ministerpräsident
Jürgen Rüttgers auf dem Medienforum in Köln an. Das Projekt soll einem Sprecher der Staatskanzlei zufolge schon in wenigen Wochen starten.
Die deutschen Zeitungsverlage verlieren seit Jahren Leser. Vor allem Jugendliche greifen immer seltener zur Zeitung und bevorzugen bei der Nachrichtensuche zunehmend das Internet. Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) liest inzwischen weniger als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen eine Tageszeitung. Bei der Gesamtbevölkerung sind es noch über 70 Prozent.
Mit seinem Vorstoß setzt CDU-Politiker Rüttgers die Verlage unter Zugzwang. Denn die Finanzierung des Projekts ist noch offen. Udo Becker, Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbands Nordrhein-Westfalen (ZVNRW), betonte, dass die Gespräche darüber liefen. In der NRW-Staatskanzlei hieß es, man liege "in den letzten Zügen".
Um die Jugendlichen an das Medium Zeitung heranzuführen, veranstalten viele Verlage schon seit Langem Schulprojekte. So stellt etwa die WAZ Mediengruppe aus Essen im Rahmen des Projekts "Zeus" jährlich rund 50.000 Schülern aller Schulformen sieben Wochen lang Zeitungen und begleitendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Das daran angelehnte Projekt "Zeitungszeit", das unter anderem von der Landesregierung NRW und dem ZVNRW getragen wird, richtet sich an Hauptschüler der neunten Klassen. Die Kosten für diese und andere Projekte tragen die beteiligten Verlage weitgehend selbst.
Das nun geplante ganzjährige Angebot für alle Neuntklässler würde das Engagement der Verlage in den Schulen in eine für Deutschland bislang einmalige Dimension heben. Ob die von der Werbekrise gebeutelten Verlage für Rüttgers umfassendes Vorhaben auch allein die Kosten tragen werden, ist jedoch umstritten. Der ZVNRW deutete an, dass die Zeitungshäuser eine finanzielle Beteiligung der Landesregierung befürworten. "Selbstverständlich finden wir es gut, wenn Schüler an die Zeitung herangeführt werden", sagte ein WAZ-Sprecher.
"Jugendliche sollen ein Gespür für die Qualität einer Information entwickeln", begründete Rüttgers seinen Vorstoß. Das Projekt ähnelt dem Vorbild in Frankreich: Staatspräsident
Nicolas Sarkozy stellt dort im Rahmen eines Hilfsplans für die krisengebeutelten Zeitungen drei Jahre lang jährlich 200 Mio. Euro zur Verfügung, um allen Jugendlichen zum 18. Geburtstag ein einjähriges Zeitungsabonnement zu schenken. Die deutschen Verlage lehnen direkte Staatshilfen bislang strikt ab.