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  12.02.2008, 20:04    

Agenda: Brockhaus-Wissen war Macht

Dossier Der gedruckte Brockhaus ist tot. Das traditionsreiche Nachschlagewerk soll künftig nur noch im Internet existieren. Doch dort lauern längst potente Konkurrenten. von Lutz Knappmann und Jennifer Lachman
Brockhaus, der. Es ist ein böses Erwachen. Jahrzehntelang, Jahrhunderte gar, gehörte die Brockhaus Enzyklopädie in die gute Stube. Familiäre Debatten am Abendbrottisch: Irgendwann steht der Vater auf, greift zum Brockhaus und beantwortet die Fragen der Welt. Die Enzyklopädie ist einfach da. Teuer, schwer, vertrauenswürdig. Eine deutsche Institution mit 24.500 Seiten, 70 Kilogramm schwer und 1,70 Meter lang für zuletzt rund 2500 Euro.
Bald wird es sie nicht mehr geben. Das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus in Mannheim stellt seine Enzyklopädie ein. Künftig bietet der Verlag das gesammelte Wissen im Internet an - kostenlos, finanziert durch Werbung. "Der Brockhaus-Verlag wird zum 15.4.2008 mit einem umfangreichen kostenlosen Lexikonportal online gehen", heißt es in einer nüchternen Pressemitteilung des Verlags. "In die Entwicklungsarbeiten von ,Brockhaus online‘ hat der Verlag massiv investiert." Und: Am Standort Mannheim fallen 50 Arbeitsplätze weg.
Bei Bertelsmann herrscht Erstaunen über den Konkurrenten Brockhaus   Bei Bertelsmann herrscht Erstaunen über den Konkurrenten Brockhaus
Nur wer genau liest, erkennt, was eigentlich gemeint ist: Der gedruckte Brockhaus ist tot. Kaum jemand hat ein so rasches Ende erwartet. "Ich bin etwas überrascht über diesen Schritt, da ich dachte, dass es noch eine Zielgruppe gibt, die gedruckte Lexika kauft", sagt etwa Karim Attia, Geschäftführer der Mediaagentur Xenion, die Unternehmen bei der Platzierung von Werbung berät. Selbst beim großen Brockhaus-Konkurrenten Bertelsmann herrscht Erstaunen: "Einen derart radikalen Schritt hätte ich nicht erwartet", sagt Christoph Hünermann, Geschäftsführer der Bertelsmann-Tochter Wissen Media Verlag.
Wie so oft, wenn Menschen etwas für selbstverständlich halten, übersehen sie die Probleme. Die trauernden Kunden, die in Internetforen das Ende der Enzyklopädie bedauern, haben den Niedergang mitverursacht. Denn am Ende hat einfach niemand mehr das Lexikon gekauft.
"In den vergangenen zwei Jahren haben wir alle Anstrengungen unternommen, um unsere klassischen Printwerke erfolgreich zu halten", sagt ein Brockhaus-Sprecher. Seit 2006 ist die 21. Ausgabe der Enzyklopädie auf dem Markt. 20.000 Exemplare wollte der Verlag verkaufen. Mindestens. Am Ende waren es viel weniger. Im vergangenen Jahr startete eine Künstler-Edition - gestaltet von Armin-Mueller-Stahl, limitiert auf 999 Exemplare - für 5000 Euro. Die Nachfrage war viel zu gering. Auch das "Welt-Lexikon", das der Verlag gemeinsam mit der gleichnamigen Tageszeitung für 2 Mio. Euro drucken ließ, war ein Flop. "Wir dachten, wir könnten in der Printwelt noch einmal glänzen", sagt Verlagschef Ulrich Granseyer. "Doch wir mussten einsehen, dass die Leute Informationen im Internet suchen."
"Dem Kunden 1,70 Meter Wissen zu verkaufen ist für die Lexikonverleger vielleicht noch ein Argument, aber die Zielgruppe bricht ihnen weg", sagt Klaus Böhm, Medienexperte der Unternehmensberatung Deloitte.
Es gibt zwar längst ein Brockhaus-Angebot im Internet - für Käufer der gedruckten Ausgabe. Oder als Bezahldienst. "Aber unsere Versuche mit Paid-Content haben gezeigt, dass das nicht funktioniert", sagt Granseyer. Und sein Sprecher fügt hinzu: "Wir galten lange als letzte Speerspitze des Paid-Content. Aber das hilft nicht, wenn es keiner kauft."

Teil 2: Das Geschäft läuft gut - eigentlich

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