Dossier
Auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren die Verlage Tausende neue Bücher. Zugleich werden die alten Werke im Stillen millionenfach digitalisiert. Die Bibliotheken haben ungewöhnliche Helfer: Microsoft, Google und Yahoo. von Titus Kroder (London)
Hier unten gibt es keine Fenster. Im Schummerlicht steht Tony Vijulie an Maschine vier, tief im Bauch der British Library. Der junge Mann tippt kurz auf den Rand des vergilbten Buches, spannt es richtig ein, damit der übermannshohe Scanroboter seine Arbeit erledigen kann. Gerade hat der Arm der Maschine Seite 21 von Anthony Hopes Werk "Die Abenteuer der Lady Ursula" angesaugt und umgeblättert. Nun spreizen Kunststoffleisten das Buch aus dem Jahr 1898 unter kaltem Kunstlicht. Kameras schießen Bilder. Klick, klick - Seite 22 und 23 sind im Kasten, alle Daten auf Festplatte.
Vollautomatisch blättert und knipst sich der Roboter durch das Buch mit dem lindgrünen Einband. "Bis zu 2000 Seiten schafft er pro Stunde", sagt Vijulie. Er arbeitet für CCS, eine Hamburger Technologiefirma, die alle Bücher der British Library aus dem 19. Jahrhundert erfasst. Zwei volle Jahre wird das Projekt dauern. Die Rechnung übernimmt: Microsoft.
Die besten Bibliotheken der Welt sind im Stillen dabei, ihre teils jahrhundertealten Bestände zu digitalisieren
Bits und Bytes statt Leder, Tinte und Papier - ein Megaprojekt nimmt immer mehr Fahrt auf. Während in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse Tausende neuer Publikationen der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind die besten Bibliotheken der Welt im Stillen dabei, ihre teils jahrhundertealten Bestände zu digitalisieren. Die British Library, die Bibliotheca de la Universidad Complutense de Madrid, die Washingtoner Library of Congress oder die Bayerische Staatsbibliothek - sie alle öffnen sich der neuen Welt. Seite an Seite mit bekannten und doch überraschenden Namen: Microsoft, Yahoo, Google. Die Internetriesen rangeln geradezu um die Ehre, den Schatzkammern des Kulturerbes die Reise ins digitale Zeitalter zu bezahlen. Auch wenn bisher ebenfalls im Dunkeln bleibt, was sie eigentlich wollen: Vermarktungsideen haben sie noch nicht vorgestellt.
Mit den Sponsormillionen im Rücken digitalisieren Bibliotheken gigantische Datenmengen. "Der gesamte Auftrag liegt bei 30 Terabyte", sagt CCS-Chef Richard Helle über sein Londoner Projekt. Das entspricht 25 Millionen Seiten, aus 100.000 Werken. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit vor 5000 Jahren erstmals Schrift in Ton geritzt wurde, sind rund 30 Millionen verschiedene Bücher und eine Milliarde Aufsätze und Artikel publiziert worden.
Millionen Klicks auf digitalisierter Bibel
Das Interesse der Leser am digitalen Buch ist gewaltig. Wie etwa bei der berühmten, reich verzierte Bibel aus der Werkstatt des Druckers Johannes Gutenberg. Als die British Library ihr Exemplar kürzlich ins Internet stellte, gab es in nur sechs Monaten eine Million Klicks. Andere Schätze haben die Londoner schon vor Längerem online veröffentlicht. Wie etwa die Erstausgaben von Geoffrey Chaucers "Canterbury Tales" von 1476, das erste englischsprachige Buch der Welt.
Die Hamburger Mittelständler von CCS zählen zu den Spezialisten in ihrem Gewerbe. Sie digitalisieren auch die Bestände der Nationalbibliothek in Oslo und zahlreiche weitere Buchsammlungen. Doch die British Library ist ihr anspruchsvollster Kunde. "Die wollen nicht weniger als ein digitales Original haben, das auch in 50 Jahren noch benutzbar ist", sagt Helle. Ein US-Konkurrent wurde bereits nach Hause geschickt, weil den Briten die Qualität zu schlecht war.
Für die Arbeit von CCS zahlt Microsoft geschätzte 2,5 Mio. $. Konzerngründer Bill Gates erschien für den Deal persönlich in der British Library. Auch sein neues Betriebssystem Vista startete er in den ehrwürdigen Hallen - womit eines der möglichen Motive von Microsoft durchscheint: Die Geldspender kontrollieren so einen Teil der modernen Wissensverbreitung.
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