FTD.de » IT + Medien » Medien+Internet » Das Magazin war voll
Merken   Drucken   07.12.2012, 13:51 Schriftgröße: AAA

Agenda: Das Magazin war voll

Zum Gencode der FTD gehörte der Anspruch, täglich auch ein Magazin zu machen: den Agenda-Teil. Er wurde die Wundertüte der FTD mit Porträts, Reportagen, Serien und monothematischen Dossiers. Eine kleine Agenda über Agenda.
© Bild: 2012 FTD
Zum Gencode der FTD gehörte der Anspruch, täglich auch ein Magazin zu machen: den Agenda-Teil. Er wurde die Wundertüte der FTD mit Porträts, Reportagen, Serien und monothematischen Dossiers. Eine kleine Agenda über Agenda.
von und Kathinka Burkhardt

Es war ein schönes Ritual: Am Freitag wurde Bier verteilt. Vor dem Wochenende setzte sich die Chefredaktion zusammen und schaute die Ausgaben der vergangenen fünf Tage durch, um die besten Arbeiten mit einem Sixpack zu prämieren.

Man müsse "noch den Sprit vergeben", hieß es dann in der Konferenz, bevor der "Handwerker der Woche" gekürt wurde für die beste Geschichte: Das konnte eine Reportage sein, ein Porträt, aber auch ein aufwendiges Poster über "10 Jahre New Economy", für das ein Team wochenlang recherchiert hatte. Die sechs Flaschen Beck's sollten sagen: Danke fürs Reinhängen, genau das wollen wir hier machen.

Nichts ist vergänglicher als eine Tageszeitung; und trotzdem soll sie unterhalten, überraschen und mehr bieten als bloße Nachrichten. Deswegen war die FTD vor fast 13 Jahren mit einem neuen Anspruch angetreten: "Als einzige überregionale Tageszeitung in Deutschland bietet die FTD ein Buch, das sich als tägliches Magazin versteht", heißt es in den internen Richtlinien, dem "Stilbuch".

Die großen Magazingeschichten im Agenda-Buch sollten ein Alleinstellungsmerkmal sein, genauso wie die Wochenendausgabe Weekend, die meist gar nicht FTD-Kernthemen behandelte. Der Gedanke: Eine Zeitung landet im Papierkorb, aber eine packende Reportage, ein aufwendiges Poster oder ein Dossier bleiben hängen - in den Köpfen oder an der Bürowand.

Manchmal dauerte es in Nachrichtenzeitrechnung Ewigkeiten von der Idee bis zum Andruck. Wie bei dem dreiseitigen Porträt über die BMW-Erbin Susanne Klatten. 15 Monate hielt der Autor Kontakt zu ihr, die zuvor noch nie ein persönliches Interview gegeben hatte. Auch über den Gewürzkönig Dieter Fuchs gab es kein einziges Porträt - bis eine FTD-Reporterin ihn schließlich weichkochte. Dicht an Personen der Wirtschaft heranzukommen, die Geschichte hinter der Zahl zu finden - darum ging es der FTD im Magazinjournalismus.

Nicht immer mussten die Redakteure dafür reisen: Als die amerikanische Financial Crisis Inquiry Commission, die für die US-Regierung die Ursachen der Finanzkrise untersucht hatte, ihren Bericht vorlegte, arbeitete ein Reporterteam die 575 Seiten innerhalb von zwei Tagen und Nächten durch, um - ja, um "dazu eine große Agenda zu machen". Dieser Satz war Marschbefehl, Leitsatz, Motto.

So weit die Theorie. In der Praxis lief das natürlich auch mal so ab: Das Agenda-Team ging mit einer- so nahm es an - wunderbaren Reportage über das Siechtum deutscher Bahnhöfe in die Konferenz. Dann der Blick der Chefredaktion. "Die Relevanz ist da aber auch auf Meereshöhe oder?" Empörung bei den Edelfedern: "Das sind alte Paläste, die verfallen. Hunderte in Deutschland!" "Und wen interessiert das?" In solchen Fällen half nur ein Trick: Das Agenda-Team nannte es "den Relevanzregler hochdrehen". Mögliche Technik: Bringe einen DAX-Konzern oder ein anderes großes Unternehmen (Mindestumsatz 500 Mio. Euro) ins Spiel, das von der Geschichte betroffen ist. Ein zweiter Kniff war, das Ganze als Trend zu verkaufen. Also so: "Immer mehr Bahnhöfe verfallen in Deutschland, die Deutsche Bahn hat nun ein Riesenproblem und sitzt auf Milliarden totem Kapital." Antwort: "Geile Geschichte."

Mit solchen wummernden Sätzen war die Geschichte fast automatisch im Blatt. Magazinjournalismus ist eben auch eine Frage der Verkaufe.

Die Angriffe der Chefredaktion konnten natürlich nicht immer abgewehrt werden. Selbst bei der schönsten Nahaufnahme eines ivorischen Mönches, der seit 54 Jahren an einem Kloster baut, wurde - wenn es schlechte Zahlen von Siemens gab - die "große Siemens-Sause" verlangt.

Ja, Agenda war immer auch "Sause". Wenn ein Skandal aufflog, wurden schnell Teams gebildet, die innerhalb weniger Stunden eine 280-Zeilen-Geschichte stemmten. Zwei, drei Leute recherchierten, durchfrästen Archive und telefonierten, einer schrieb zusammen, einer "polierte noch mal drüber". Die Entstehung einer großen Geschichte kann sechs Monate dauern - oder sechs Stunden. Nicht immer wussten die Beteiligten, ob das am Ende noch alles gut war. Doch das Prinzip war gut. Teams zu bilden (auch mal aus der Not heraus), um in kurzer Zeit auf große Ereignisse reagieren zu können. Das war eine der Stärken dieser Zeitung.

Es ging bei dem Magazinanspruch aber nicht nur um einzelne Geschichten. Schon früh erfand die FTD Mammutserien: Die "101 Köpfe der New Economy" war 2000 eines der ersten Großprojekte, eine Serie über die Entscheider, die zur Geburtsstunde dieser Zeitung die neue Wirtschaft prägten. Es folgten "101 Frauen der deutschen Wirtschaft", "101 Topmanager der deutschen Wirtschaft" und "101 Haudegen der deutschen Wirtschaft", ein Etikett, mit dem die FTD erstmals eine Gruppe von Leuten verknüpfte, die sich ihres kollektiven Haudegentums gar nicht bewusst waren. Nicht selten tauchten einige Protagonisten gleich in mehreren der Serien auf.

Es gab einen Punkt, an dem die Zahl "101" in der Redaktion zum großen Stöhnen führte. Oh Gott, nicht noch einmal drei Monate! (Zumal Teile der Chefredaktion nur das erste Dutzend Porträts intensiv zu verfolgen pflegte.) Schließlich ließ sich die FTD-Spitze auf 20 bis 40 Folgen herunterhandeln: Es folgten die "Töchter der deutschen Wirtschaft" - die erste systematische Zusammenstellung einer neuen Generation von Töchtern, die Unternehmen führte. Die "Green Minds der Wirtschaft" oder die "Kreativen Zerstörer" über Unternehmer, die ganze Branchen auf den Kopf gestellt hatten.

Agenda Die FTD war voll mit Magazin

Im Mai 2005, 60 Jahre nach Kriegsende, erschien die FTD zum ersten Mal mit einem monothematischen Zeitungsteil. "Die Stunde Null der deutschen Wirtschaft" erzählte, analysierte, kommentierte die Tage nach der Zerstörung, in denen sich das Land neu erfinden musste - auf zwölf Zeitungsseiten. Diese großen Dossiers gab es später auch zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, zu Europa ("Labor Europa") oder zum 11. September 2011.

Falls Sie es bis jetzt - was erstaunlich wäre, da Sie bis zu dieser Stelle der Nabelschau gekommen sind - noch nicht wussten: Journalisten sind eitle Menschen und halten sich im Mittel für furchtbar schlau. Wir sind da keine Ausnahme und glauben, dass wir ab und an mit einem klugen Ansatz einen gewissen Ressourcenmangel ausgeglichen haben.

Journalisten nennen das den "Dreh". Ein Thema kann nicht immer neu entdeckt werden, doch es ist wichtig, es neu aufzuziehen, durch einen neuen Blickwinkel, eine neue These - oder einen ganz anderen Ansatz. Als etwa im November 2008, kurz nach dem Wahlsieg Barack Obamas, der Hype um den ersten schwarzen Präsidenten immer absurdere Züge annahm, brauchte diese Zeitung kaum mehr als ein paar Zeilen, um ihre Haltung zu zeigen. Auf der Seite "Out of Office" erschien eine Anleitung zu einem Starschnitt Obamas, wie man ihn sonst aus der "Bravo" kennt für Popsänger oder Fußballstars - zum Ausdrucken und beinahe in Lebensgröße.

Über die Jahre wurden für diese Magazinideen eine Menge "Handwerker der Woche" vergeben. Und das ist gut so. Denn in der Stunde der Not entpuppte sich dieses Ritual als Rettungsanker. Als die Nachricht von der Einstellung der FTD in die Redaktion sickerte, in vielen Büros Schweigen und Entsetzen herrschte, kam plötzlich die E-Mail einer Kollegin: "Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot...Deshalb besorgt euch doch ein Schirmchen oder Boot, dann treffen wir uns ab 18 Uhr."

Sixpack für Sixpack wurden in das "Politbüro" getragen, jenen Raum, in dem über viele Jahre so viele Ideen für Sausen und Serien entstanden waren. Schön war es - und traurig. Es war wie mit einer guten Geschichte, die man sich in die Schublade gelegt hat: Das Handwerker-Bier trinkt man nicht zu Hause allein auf dem Sofa. Man hebt es sich für den richtigen Moment auf. Und der war gekommen.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, machen wir uns vielleicht gerade eine Flasche auf und stoßen an, auf all die schönen Geschichten, die wir in 13 Jahren geschrieben haben. Und auf die, die wir noch schreiben werden.

  • Aus der FTD vom 07.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler