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08.10.2009, 08:30
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Der russische Ulrich Wickert
Das Putin-Regime hat viele Medienunternehmer und Journalisten vertrieben. Ausgerechnet in der Ukraine feiern einige nun ein Comeback - und genießen die Freiheit. Einer von ihnen ist Jewgeni Kisseljow.
von Andrzej Rybak Kiew
Punkt 21.30 Uhr erklingt eine schrille Melodie. Bilder beginnen sich wie ein Karussell zu drehen, ein Lichtergewitter durchdringt das riesige Studio. "Guten Abend", sagt der Moderator hinter dem Rednerpult. "Ich begrüße alle Zuschauer des TV-Senders Inter zu unserem Programm 'Die Große Politik'."
Die Haarmähne, der volle Schnurrbart lassen den Mittfünfziger noch immer jugendlich erscheinen. Er kündigt die Gesprächsthemen an: ein Privatisierungsskandal um eine Raffinerie in Odessa, der Zustand der ukrainischen Armee - und Vitali Klitschko. Der ist hier Teil der großen Politik. Ruhig redet der Moderator, macht kleine Kunstpausen, leistet sich kleine Versprecher. Nach wenigen Minuten hat er Gäste und Publikum im Griff.
Der Mann, der hier spricht, war einmal eine Legende. Im Russland des
Boris Jelzin konnte ihm niemand das Wasser reichen. Er war so populär wie Ulrich Wickert in Deutschland. Dann kam der Absturz. Nun ist Jewgeni Kisseljow wieder auf Sendung. Allerdings nicht in seiner Heimat, sondern im Nachbarland Ukraine, das die Russen als kleinen, verlorenen Bruder betrachten. Im Staatsfernsehen Inter, dem größten ukrainischen TV-Sender, führt der 53-Jährige durch eine zweieinhalbstündige Talkshow.
Jewgeni Kisseljow steht neben einem Foto von ihm
Kisseljow ist wieder im Spiel. Bei Omelett und Cappuccino in einem Kiewer Café schwärmt der TV-Mann von seinem Comeback. "Es ist ein wenig wie eine Reise zurück in die Vergangenheit", sagt er. "Die politische Kultur in der Ukraine erinnert an die 90er-Jahre in Russland. Es gibt unabhängige Thinktanks und NGOs, Dutzende Sender, die unterschiedliche Standpunkte und Ansichten vertreten."
Kisseljow verklärt die Ukraine nicht. Er ist sich der wirtschaftlichen und politischen Probleme seiner neuen Heimat bewusst. Unregelmäßigkeiten bei der Privatisierung von Staatseigentum, Korruptionsaffären sowie der Dauerstreit zwischen Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko erschüttern das Land. "Aber wenigstens kann man offen darüber reden", sagt Kisseljow. "Hier herrscht Pluralismus."
Der Journalist hat diese Meinungsfreiheit schon einmal genossen. Wenige Tage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion startet er beim Moskauer Sender NTV sein Wochenmagazin "Itogi", das in kurzer Zeit zu einer der beliebtesten und gefürchtetsten politischen Sendungen Russlands aufsteigt. Schonungslos prangert Kisseljow die politische Willkür im Kreml und den grausamen Krieg in Tschetschenien an. Dann wendet sich für ihn vieles zum Schlechten.
Teil 2: Unterschlupf bei TV-6
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Aus der FTD vom 08.10.2009
© 2009 Financial Times Deutschland,
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