Szene aus dem Pixar-Erfolgsfilm "Findet Nemo"
Auf dem Holztisch liegen eine Schere, Klebeband und eine ausgebreitete "Bild"-Zeitung. Daneben ist eine Filmspule entrollt: ein 35 Millimeter breiter Streifen, der sich über mehrere Meter, über Dutzende von mechanischen Rollen, hin zum Projektor zieht. Für Wolfram Weber ist das Vergangenheit. Die Zukunft steht verdeckt dahinter: ein leise surrender blauer Kasten mit einem dicken, silberfarbenen Lüftungsschlauch und angeschlossenem Computer; Webers nagelneuer Digitalprojektor. "Nichts mehr kleben und einspannen. Ein Klick mit der Maus, und ab geht's", sagt der Besitzer stolz.
Wolfram Weber ist Inhaber des Cinecitta in Nürnberg: eines gigantischen Kinokomplexes mit 21 Leinwänden auf 4000 Quadratmetern. Und er ist eifriger Verfechter des digitalen Kinos. Während die Filme vor computererzeugten Trickeffekten strotzen, hat sich bei der Abspieltechnik seit mehr als einem Jahrhundert kaum etwas geändert. 1895 projizierten die Gebrüder Lumière die erste Bildfolge von einem Zelluloidstreifen, 111 Jahre danach arbeiten ihre Nachfolger noch immer nach demselben Prinzip. "Das ist doch ein Anachronismus", schimpft Weber. Er hat sich drei Digitalprojektoren angeschafft. Preis pro Stück: rund 70.000 Euro.
Ausweg aus der Misere
Für Weber zahlt sich diese Investition aus. Seine eigenen Umsätze haben zuletzt deutlich angezogen - ganz im Gegensatz zu den meisten Wettbewerbern. Die deutschen Filmtheater stecken in einer tiefen Krise. In den 90er Jahren wurde hier zu Lande ein Multiplex nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Doch seit der Jahrtausendwende herrscht Flaute: Im vergangenen Jahr kuschelten sich gerade noch 121 Millionen Besucher in die Kinosessel, wie das Marktforschungsinstitut Nielsen EDI schätzt. Gegenüber 2004 wäre dies ein Einbruch um 22 Prozent. Am Mittwoch, einen Tag vor der Eröffnung der Berlinale, legt die Filmförderungsanstalt (FFA) die offiziellen Zuschauerzahlen vor - und dazu einen Bericht zum Thema "digitales Kino".
Von der neuen Technik erhoffen sich Kinobetreiber wie Weber einen Ausweg aus der Misere. Nur wer auf dem aktuellsten Stand sei, könne sich dauerhaft gegen DVD und Heimkino behaupten, glaubt der Nürnberger Multiplex-Inhaber - und schwärmt von den Vorzügen der digitalen Technik: gestochen scharfe Bilder, atemberaubende dreidimensionale Effekte und geringere Personalkosten, da keine Filmrollen mehr gewechselt werden müssen. Selbst Liveübertragungen von Rockkonzerten oder Fußballspielen wären künftig möglich.
Doch noch lässt die digitale Revolution auf sich warten: Nach einer Erhebung des Beratungsunternehmens WHM Cinema Consulting waren Anfang 2006 gerade einmal 18 der knapp 4900 deutschen Kinosäle mit der neuen Technik ausgerüstet. Vielen Besitzern ist die Umstellung zu teuer: Die Branche fürchtet Gesamtkosten zwischen 400 und 500 Mio. Euro.