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Mit angriffslustigen Staranwälten wird Richterin Lucy Koh spielend fertig. Das musste auch John Quinn von der einflussreichen Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan lernen. Immerhin gilt er als einer der toughesten Prozessanwälte der USA. Quinn wurde vor ein paar Tagen in einem Gerichtssaal im Silicon Valley von der Richterin abgekanzelt. Zum x-ten Mal wollte er Beweismaterial zugelassen haben, das die Richterin längst für unzulässig erklärt hatte. Koh lehnte ab. Quinn, im dunklen Anzug und mit zerzaustem Haar, bat weiter - bis Richterin Koh bellte: "Mr Quinn, bringen Sie mich nicht dazu, Sie zu bestrafen."
In Kohs Gerichtssaal in San Jose wird seit Beginn dieser Woche einer der größten Patentprozesse der USA ausgefochten. Am Freitag stehen sich die Gegner erneut gegenüber. Apple und Quinns Mandant Samsung beschuldigen sich gegenseitig, beim Bau ihrer Smartphones Patente verletzt zu haben. Apple fordert 2,5 Mrd. Dollar Schadensersatz. Samsung will bis zu 2,4 Prozent der Umsätze aus dem Verkauf von Apple-Geräten, in denen die strittige geschützte Technologie enthalten sein soll.
Vor zwei Jahren schaffte Koh den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere. US-Präsident Barack Obama ernannte sie zur Richterin am Bundesbezirksgericht Nordkalifornien. Sie ist auch die erste koreanisch-amerikanische Bundesbezirksrichterin.
Binnen kurzer Zeit erregte Koh mit ihren Entscheidungen Aufmerksamkeit. Die auffälligste: Auf Betreiben von Apple verhängte sie vor dem Prozess Verkaufsstopps für Samsungs Smartphone Galaxy Nexus und den Tablet-Computer Galaxy Tab 10.1 in den USA. In einem weiteren Verfahren wies Koh Apple, Google , Intel , Pixar und drei weitere kalifornische Firmen in die Schranken. Die Unternehmen wollten ein Kartellverfahren abwenden. Der Vorwurf: Sie sollen sich illegal abgesprochen haben, auf gegenseitiges Abwerben von Softwareentwicklern zu verzichten - was die Gehälter der IT-Experten niedrig hielt.
Das Spezialgebiet der Schnellrednerin aber sind Patente und geistiges Eigentum. Solche Fälle betreute sie acht Jahre für zwei prominente Kanzleien, bis sie 2008 Richterin im Silicon Valley wurde: Kaliforniens damaliger Gouverneur Arnold Schwarzenegger ernannte Koh für das Kammergericht im Bezirk Santa Clara. Ausgebildet wurde Koh an der Harvard Law School. Ihr Ehemann ist der Stanford-Rechtsprofessor Mariano-Florentino Cuéllar, der auch eine Zeit lang die Obama-Regierung beriet.
Koh lebt in einer privilegierten Welt, stammt aber nicht aus einer solchen. Ihre Mutter flüchtete 1945 als Zehnjährige von Nord- nach Südkorea. Zwei Wochen soll der Fußmarsch gedauert haben, das Mädchen bekam Gelbfieber. Kohs Vater emigrierte aus Südkorea in die USA, arbeitete als Hilfskellner und schaffte es, an der Johns Hopkins University in Baltimore zu studieren. Schließlich holte er die Familie nach. 1968 wurde Lucy Koh in Washington DC geboren. Die Familie zog in den verarmten Bundesstaat Mississippi, wo ihre Mutter an einer Universität für die schwarze Bevölkerung lehrte. Viele von Kohs Schulkameraden lebten in Armut.
Die Kindheitserfahrungen beeinflussten ihre Entscheidung, Anwältin zu werden, sagt sie heute. Wenig Geduld bringt sie für die Selbstdarsteller unter den Anwälten in ihrem Gerichtssaal auf. Das zeigt sich im Prozess zwischen Apple und Samsung. Schon in den zähen Vorverhandlungen reduzierte sie den Umfang des Prozesses, Redezeiten und die Anzahl ihrer Beweisstücke. Sie würde "Party machen", sagte sie einmal, sollten sich Apple und Samsung auf einen Vergleich einigen. Stattdessen muss sie das Anwaltsheer mindestens vier Wochen lang im Zaum halten.