Computeranimierte Meereswellen wabern grau und unscharf durch das Bild. Statisten wälzen sich lustlos auf dem Boden. Unbekannte Schauspieler schauen so ausdruckslos wie Goldfische in die Kamera. Die Dramatik überschlägt sich, ein Schauspieler ruft: "Sieht so aus als würde sich die Geschichte wiederholen." Dann geht das Schiff unter. Nicht irgend ein Schiff, sondern die "Titanic 2", auf ihrer Jungfernfahrt 100 Jahre nach der echten "Titanic".
Im Film "Titanic 2", der zwar von grausiger Qualität, aber dennoch erfolgreich ist - wirtschaftlich zumindest. Gemacht hat ihn das US-Filmstudio The Asylum, Spezialist für sogenannte Mockbuster. Wer die nicht kennt: Mockbuster sind billige DVD-Filme, die stets auffällige Ähnlichkeit zu zig Millionen Dollar teuren Hollywood-Blockbustern haben, die gerade im Kino laufen. "Die großen Hollywoodstudios verpassen etwas.
Hier ist das wirkliche Geld zu holen", sagt Paul Bales, Partner beim dreisten Nachmacherfilmstudio. Wer glaubte, dass eine Fortsetzung von "Titanic" unmöglich ist oder ein "Indiana-Jones"-Sequel niemals mit lediglich ein paar Zehntausend Dollar gedreht werden kann, wird von The Asylum eines Besseren belehrt. Dreht Hollywood "Transformers", legt die kalifornische Produktionsfirma The Asylum mit dem dritten Teil der Billigkopie "Transmorphers" nach. Und wenn in wenigen Tagen der Action-Kinofilm "Battleship" startet, liegt die Asylum-Version "American Battleship" bereits in den Videotheken.
Die Asylum-Filme sind Kassenschlager. "Wir haben noch nie mit einem Film Geld verloren", sagt Bales, der sich selbst nicht als Chef sondern als Corporate Tool - als Konzernwerkzeug - bezeichnet. Das Studio beginne erst mit dem Dreh, wenn der Film schon an einen Vertrieb verkauft sei und die Produktionskosten finanziert seien. "Mit manchen Filmen machen wir sogar 100 Prozent Rendite."
Paul Bales hat das gefunden, wonach Hollywood derzeit mit aller Gewalt sucht: ein risikoloses, planbares Geschäftsmodell ohne Millionenflops. Zwar konzentrieren sich auch große Studios wie 20th Century Fox und Disney verstärkt auf Fortsetzungen und 3D-Neuveröffentlichungen von erfolgreichen Filmen. Trotz aller Vorsicht, riskieren sie dabei weiter teure Misserfolge, der finanzielle Einsatz ist einfach zu hoch. Nachdem der Blockbuster "John Carter" schwächer startete als erwartet, musste Disney jüngst 200 Mio. Dollar abschreiben. Bei The Asylum kann so etwas nicht passieren.
Das Mini-Studio gibt nämlich kaum Geld für seine Filme aus. Die Dreharbeiten dauern nicht Monate sondern zwölf bis 15 Tage. Ein Hollywoodstudio lasse zwei Seiten Drehbuch am Tag verfilmen, erklärt Bales. "Wir drehen 15 Seiten." Die Regisseure sind Newcomer, die Schauspieler oft ehemalige bekannte Gesichter, die Jobs suchen. So wie Lance Henriksen oder Carl Weathers. Letzterer hatte einmal eine bedeutende Rolle in "Rocky". Und während Hollywoodstudios zig Millionen für Marketing ausgeben, bekommt The Asylum Werbung über den Originalfilm umsonst.
Die Erfolgsformel entstand 2005. Damals entwickelte The Asylum eine Billigversion von H.G. Wells "Krieg der Welten". Dabei stellten die Produzenten fest, dass Steven Spielberg gerade eine Blockbusterversion des Stoffs plante. "Wir überlegten uns erst, ob wir die Produktion abbrechen", erinnert sich Bales. Doch The Asylum drehte den Film und verkaufte allein an die US-Videothekenkette Blockbuster Video 100.000 DVDs. "Das war wahrscheinlich unser erfolgreichster Film", meint Bales.
Die Zuschauer kauften die Filme nicht aus Versehen, sagt der Asylum-Chef. Nur ein Prozent der Zuschauer forderten ihr Geld zurück. "Wenn die Leute gerne einen Film über riesige wandelbare Roboter aus dem Weltall sehen, dann wollen sie gerne noch einen zweiten Film darüber sehen", glaubt Bales. Egal wie miserabel die Qualität ist.
Nun steht The Asylum vor seiner bisher größten Herausforderung: Die DVD-Umsätze brechen ein. Das Studio benötigt neue Einnahmequellen. Deshalb dreht The Asylum nun Filme für Fernsehsender, wie den US-Kabelkanal Scify. Keine Mockbuster, sondern eigene Ideen, über riesige Fische, Naturkatastrophen und Zombies. Bales hat die Filme auch schon nach Deutschland verkauft. "Mega Piranha" lief auf Tele 5. Der nächste große Film von The Asylum trägt den Titel "Abraham Lincoln vs. Zombies". Der Inhalt: Abraham Lincoln schlachtet Horden von grummelnden Zombies ab. Dafür hat The Asylum sogar in eine Werbemaßnahme investiert. Auf der Programmmesse Mip TV in Cannes sind sie derzeit mit eigenem Stand vertreten. Wenn das mal kein Erfolg wird.