Endlich legt das soziale Netzwerk viele Details zum lange erwarteten IPO vor. Wie er aussehen soll, wer am meisten profitiert und welche Fragen offen bleiben - eine Übersicht.
von Andreas Albert
Facebook geht an die Wall Street: Mit dem ersten Schritt, der Vorlage konkreter Geschäftszahlen am Mittwoch, hat der voraussichtlich größte Börsengang eines Internetunternehmens begonnen.
Daraus werden viele Details ersichtlich. Unter anderem, dass Facebook schon länger profitabel ist, und woher das Geld kommt. Im Börsenprospekt behauptet Unternehmensgründer Mark Zuckerberg, dass der Gewinn für Facebook nicht im Vordergrund stehe: "Wir entwickeln keine Dienste, um Geld zu machen; wir verdienen Geld, um bessere Dienste zu entwickeln."
Zuckerberg wollte die Kontrolle über sein Unternehmen lange nicht aus der Hand geben. Statt eines Börsengangs sammelte er in mehreren nichtöffentlichen Finanzierungsrunden Geld von großen Investoren ein. Mit Erreichen der Schwelle von 500 Anteilseignern muss Facebook allerdings nach US-Börsenrecht seine Geschäftszahlen offenlegen.
Durch den Börsenprospekt sind viele Details zu dem Unternehmen öffentlich geworden. Beispielsweise, dass Facebook bereits seit 2009 profitabel ist. Damals betrug der Nettogewinn 229 Mio. Dollar, im Jahr darauf 606 Mio. und 2011 lag der Nettogewinn bei 1 Mrd. Dollar. 2007 und 2008 schrieb Facebook noch Verluste von 138 Mio. beziehungsweise 56 Mio. Dollar. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 3,7 Mrd. Dollar nach 1,9 Mrd. und 777 Mio. in den Vorjahren. Die Zahl der Beschäftigten stieg im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf 3200 Mitarbeiter.
Sein Geld verdient das Netzwerk vor allem mit Werbung. 2011 lag der Anteil bei 85 Prozent. Die virtuellen Welten des Onlinespieleanbieters Zynga sind ein wichtiges Element des Geschäfts. Im vergangenen Jahr steuerte der Anbieter von Games wie "Farmville" oder "Cityville" zwölf Prozent der Facebook-Umsätze bei. Wenn Zynga von den Nutzern Geld kassiert - etwa damit sie ihre "Farmville"-Äcker schneller bestellen können, erhält das Netzwerk einen Anteil.
Facebook hat mehr aktive Mitglieder als zuletzt geschätzt. In den Börsenunterlagen werden für Ende 2011 845 Millionen aktive Nutzer im Monat angegeben. 483 Millionen nutzen demzufolge jeden Tag Facebook. Von mobilen Geräten greifen im Monat 425 Millionen Menschen auf Facebook zu. Sie bekommen aktuell keine Werbung zu sehen.
Vergangenes Jahr betrug der Umsatz pro Nutzer 5,10 Dollar. Zum Vergleich: Google verdiente im vergangenen Jahr 27,70 Dollar pro Nutzer.
Das Wachstum im Heimatmarkt USA hat sich zuletzt verlangsamt, wenn auch auf hohem Niveau. Von September auf Dezember 2011 stieg die Zahl der täglich aktiven Nutzer lediglich von 124 auf 126 Millionen. Jeden Tag laden die Nutzer 250 Millionen Bilder hoch.
Facebook ist in fast allen Ländern das größte soziale Netzwerk, ausgenommen Russland und China, wo lokale Unternehmen dominieren. Über einen Markteintritt in China hat Facebook laut Börsenprospekt noch nicht entschieden. Am russischen Konkurrenten Vkontakte ist der Investor DST beteiligt, der auch ein großer Facebook-Anteilseigner ist.
In Deutschland ist Facebook inzwischen die unangefochtene Nummer 1, auch wenn StudiVZ lange vorne lag. Mehr als 22 Millionen Nutzer seien beim Marktführer aktiv, berichtete das Blog Allfacebook.com kürzlich unter Berufung auf den Facebook AdPlanner, ein Werbetool des Unternehmens. Zum Vergleich: 2010 waren es noch 10 Millionen.
Unternehmensgründer Mark Zuckerberg hält mit seinen Aktien der Klasse B, die zehn Stimmen haben, weiterhin die Fäden in der Hand. Anleger bekommen beim Börsengang nur A-Klasse-Aktien mit einer Stimme. Damit wird Zuckerberg auch künftig ein geringer Anteil reichen, um Facebook zu kontrollieren. Zuckerberg hält gut 28 Prozent an Facebook. Wird der Börsenwert wie erwartet bei 100 Mrd. Dollar angesetzt, hätte der 27-Jährige auf einen Schlag ein Vermögen von 28 Mrd. Dollar.
Zuckerberg kann es sich daher leisten, beim Gehalt erst mal zurückzustecken. Ab 2013 soll dieses nur noch bei 1 Dollar jährlich liegen. Im vergangenen Jahr strich er rund 1,5 Mio. Dollar ein.
Interessenten an seinem Unternehmen gab es schon früher genug. Bereits 2006 bot der damalige Yahoo-Chef Terry Semel 1 Mrd. Dollar für das kleine Netzwerk mit damals nicht einmal zehn Millionen Nutzern. Zuckerberg lehnte ab, genauso wie bei späteren lukrativen Angeboten. Auch Google gehörte zu den Interessenten.
Jim Breyer und seine Risikokapitalgeber Accel Partners besitzen rund elf Prozent, die etwa 11,4 Mrd. Dollar wert sind. Als das Unternehmen 2005 mit rund 100 Mio. Dollar bewertet wurde, investierte Accel 12,7 Mio. Dollar. Andere Investoren wie die russische DST Global halten sieben Prozent, Goldman Sachs 3,5 Prozent.
Der Anteil ist abhängig vom Zeitpunkt des Investments. So hält Peter Thiel, der bereits 2004 500.000 Dollar investiert hat, einen Anteil von zwei Prozent an Facebook, T. Rowe Price ist mit einem Prozent beteiligt. Marc Andreessen, der mit seiner Kapitalgesellschaft Andreessen Horowitz 2010 bei einer Bewertung von 35 Mrd. Dollar mit 50 Mio. eingestiegen ist, hält weniger als ein Prozent.
Andere Mitgründer und Angestellte können ebenfalls von dem Börsengang profitieren. So hält Mitgründer Dustin Moskovitz mehr als sieben Prozent, die 7 Mrd. Dollar wert sein dürften. Die genauen prozentualen Anteile könnten sich im Zuge des Börsengangs allerdings noch verändern. Viele der 3200 Mitarbeiter profitieren von Aktienoptionen. Das Netzwerk hat Optionen zum Kauf von 138,5 Millionen Aktien zum Preis von 83 Cent je Papier ausgegeben. Für künftige Optionen wurden 77,2 Millionen Papiere zurückgestellt.
Auch Familienmitglieder wurden bedacht. So bekam Zuckerbergs Vater, der Facebook 2004 und 2005 finanziell unterstützt hat, im Dezember 2009 zwei Millionen Aktien der Klasse B. Molly Graham, Tochter des Verwaltungsratsmitglieds Don Graham, bekam für ihre Arbeit an Facebooks mobilem Auftritt knapp 200.000 Dollar vergütet. Ihr Vater, Chef und Miteigentümer der "Washington Post", hält eine Millionen Anteile.
Hauptkonsortialführer des Börsengangs sind Morgan Stanley, Goldman Sachs sowie JP Morgan. Zudem begleiten die Bank of America, Merrill Lynch und Barclays Capital die Emission.
Facebook führt in dem Börsenprospekt auch einige Risiken an. Dazu zählt das Unternehmen neben einem möglichen Nutzerschwund und fallenden Werbeeinnahmen auch Gerichtsverfahren wegen Patentverletzungen sowie rufschädigende Berichterstattung. Als weitere Risikofaktoren nennt Facebook eine mögliche Sperrung in einigen Ländern durch die jeweiligen Regierungen, den Verlust von Nutzerdaten sowie das Auftauchen von starken Wettbewerbern. All dies könne die Geschäftsentwicklung beeinträchtigen, heißt es in dem Prospekt.
Facebook hat immer wieder mit Bedenken von Datenschützern zu kämpfen. Zuletzt erregte die neue "Timeline", deutsch "Chronik" Anstoß. Bei der Funktion werden alle Informationen angezeigt, die der Nutzer je bei Facebook eingestellt hat.
Verbraucherschutzministerin Aigner fordert mehr Transparenz
Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht das Netzwerk Facebook mit dem angestrebten Börsengang beim Datenschutz noch stärker in der Pflicht. "Als börsennotiertes Unternehmen muss Facebook umso mehr den Anspruch erfüllen, sich an Recht und Gesetz zu halten - und zwar nicht nur in den USA, sondern auch auf wichtigen Auslandsmärkten wie Deutschland", sagte Aigner der Nachrichtenagentur dpa.
Bisher habe Facebook schon viele Datenschutzverbesserungen angekündigt, aber nur Weniges eingelöst.Je öfter und je länger die Nutzer bei dem weltgrößten sozialen Netzwerk verharren, desto mehr Geld bringt das Facebook ein. Ein detaillierter Einblick in die Geschäftszahlen bietet aber erst der Börsenprospekt.
Trotz des umfassenden Börsenprospekts bleiben Fragen offen. So ist die Bewertung des Unternehmens erst beim Börsengang ersichtlich. Der angepeilte Erlös von 5 Mrd. Dollar kann sich noch erhöhen. Es ist üblich, dass Unternehmen zunächst die Reaktion der Investoren abwarten und bei großer Nachfrage später den Preis erhöhen. Auch der genaue Termin für den Börsengang ist noch unklar. Experten rechnen damit für Mai oder Juni.
Eine weitere Frage ist, inwieweit die Einnahmen eine Firmenbewertung von 75 bis 100 Mrd. Dollar rechtfertigen. Facebook selbst lässt in dem Börsenprospekt noch keine Rückschlüsse zu, welchen Wert das Management dem Unternehmen zumisst. Weder wird die Zahl der auszugebenden Aktien angegeben, noch der Preis für das einzelne Papier. Unklar ist auch, von wie vielen Anteilen sich Gründer Mark Zuckerberg selbst trennt.
Unklar bleibt auch, an welcher Börse Facebook notiert sein wird. Zwischen der New Yorker Technologiebörse Nasdaq und der rivalisierenden New York Stock Exchange (NYSE) ist ein heftiger Kampf um das soziale Netzwerk entbrannt.
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