Auf der Webseite www.ich-gehe-nicht-hin.de toben sich Nicht-Wähler und Wähler aus
"Ich finde, dass Wählen gar nichts ändert. Weder für mich, noch für unsere gesellschaftliche Entwicklung", begründet ein Student seine Entscheidung, nicht wählen zu gehen. Er gehört mit seiner Meinung zu den moderaten Nichtwählern. Ein Anderer will nicht mehr "von Schwulen, Wehrdienstverweigerern und Chaoten regiert werden". Häufig anzutreffen ist die Meinung, dass sich Politiker vor allem die eigenen Taschen füllen.
Die Zahl der Nichtwähler ist in den 90er Jahren stark angestiegen. Bei der letzten Bundestagswahl 2002 verweigerten 20,9 Prozent der Wahlberechtigten die Stimmabgabe. Bis in die Mitte der 80er Jahre hinein hatte der Prozentsatz der Wahlabstinenzler bei zehn bis elf Prozent gelegen. Seitdem haben die hohe Massenarbeitslosigkeit und Skandale wie die Parteispendenaffäre das Vertrauen in die Politik erschüttert. Als Politik- und Parteienverdrossenheit wird dieses Phänomen häufig beschrieben.
Zwar haben Wissenschaftler schon häufig die Motive der Nicht-Wähler untersucht. Im O-Ton waren die Wahlabstinenzler aber bislang selten zu hören. Das ist das Verdienst, der eigens für den Wahlkampf gestarteten Webseite. Seit dem Start der Webseite vor zwei Wochen haben auf www.ich-gehe-nicht-hin.de über 1800 Teilnehmer ihre Beweggründe kundgetan. Betreiber der Seite ist der Verein für eine demokratische und digitale Entwicklung der europäischen Informationsgesellschaft (poldi-net), der auch durch seine Seite www.politik-digital.de bekannt ist. Vorbild ist ein ähnliches Projekt, das im britischen Unterhaus-Wahlkampf den Nicht-Wählern auf der Insel ein Forum bot.
Erregte Debatte
Die Betreiber betonen, dass es nicht ihre Absicht ist, die Besucher zum Nicht-Wählen aufzufordern. Auch sollen die erklärten Wahlfeinde nicht vom Gegenteil überzeugt werden. Sinn und Zweck der Seite sei es allein, den Nicht-Wählern eine Plattform für ihre Beweggründe zu geben, heißt es auf der Webseite. Die Teilnehmer müssten sich lediglich gefallen lassen, dass ihre Beiträge kommentiert werden.
Mit ihrem Projekt haben die Betreiber eine zum Teil erregte Debatte über das Thema Wählen ausgelöst. Die Spannbreite der Beiträge reicht von der Kritik am politischen System über persönliche Enttäuschungen bis hin zu wüsten Beschimpfungen von Politikern und Parteien. "Ich gehe nicht wählen, weil ich bereits im Vorfeld diese ganzen Lügen der Parteien nicht ertragen kann", heißt es in einem anderen Beitrag. Offenbar trifft das Konzept der Seite den Nerv der Webgemeinde. Anders als bei den häufig langweiligen Politiker-Blogs, die im beginnenden Wahlkampf aus dem Netz sprießen, wird hier lebhaft diskutiert.
Wahlbefürworter halten dagegen
Auch die Wahl-Befürworter kommen auf der Webseite zu Wort. Kaum jemand spricht sich jedoch für die im Bundestag vertretenen Parteien aus. Ein Teilnehmer beschwert sich über das Gejammer der Nicht-Wähler. Ein Anderer fordert die Besucher der Seite eine kleine, nicht-extremistische Partei zu wählen, um den großen Parteien eins auszuwischen.
Ein Problem der Seite sind Versuche von Störern, die vor allem Werbung für ihre eigene Webseite betreiben. Sie müllen das Forum durch massenhaft wiederholte Einträge zu. Auch mit den Umgangsformen ist häufig nicht weit her. Politiker werden in einem Beitrag als "abartige machtgeile Dreckschweine" bezeichnet, auch Wahlbefürworter werden beschimpft. Doch an solchen Auswüchsen krankt so manches Forum.