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Merken   Drucken   01.07.2005, 14:00 Schriftgröße: AAA

Browserfutter: www.politik-digital.de  

Von Optimisten wurde das Internet schon immer als größte Chance zur Demokratisierung der Welt bezeichnet. Die Internet-Seite www.politik-digital.de nimmt die Herausforderung an - auch zur Bundestagswahl 2005. von Stephan Zimprich, Hamburg
Rein technisch gesehen haben die Verfechter der digitalen Revolution Recht: Das Internet gibt weltweit die Möglichkeit zur Meinungsäußerung und -verbreitung. Nicht ohne Grund bemühen sich autoritäre Staaten wie China und Saudi-Arabien um inhaltliche Kontrolle im Netz - meist ohne durchschlagenden Erfolg.
Diese Regime dürften Politik-Digital als natürlichen Feind betrachten. Die Seite hat ein eindeutiges Programm: Demokratie und Internet. Von eGovernment über eDemocracy zum eConsumer - die moderne Welt bietet genug Probleme, um sie am Leitbild einer funktionierenden Demokratie zu überprüfen.
Auch zur Bundestagswahl 2005 bietet mir die Seite viel Lesestoff: Das Angebot reicht von einer kommentierten Weblog-Liste über den "Wahl-Checker ´05", einem Quiz zu allen bisherigen Bundestagswahlen bis hin zu dem Artikel "Was wir vom Wahlkampf in England lernen können". Der Netzbezug ist den Machern der Seite wichtig: Kaum eines der Angebote kommt ohne das digitale Grundrauschen aus.
Die Eingangsseite bietet zunächst einmal ein gewohntes Bild: Das Thema des Tages groß mit Bild, darunter ältere Texte, links die Navigationsleiste mit den einzelnen Ressorts. Wenn ich einen Menupunkt anwähle, bekomme ich die Inhalte nach Themenpaketen sortiert. Unter "Wahlkampf" finde ich Berichte über die australische Parlamentswahl genauso wie über Kommunalwahlen in Deutschland. Auch ein Paket allgemeiner Betrachtungen zum Einsatz des Internets in Wahlkämpfen ist dabei.
Von texanischen Gefängnissen zur Cyberintifada
Die Texte sind informativ und oft neben dem Mainstream. Ich freue mich über einen Artikel, der die Probleme mit der irakischen Domain-Endung ".iq" beleuchtet: Der offizielle Ansprechpartner für irakische Websites sitzt im Gefängnis "Seagoville Jail" in Texas wegen Unterstützung der Hamas ein. Auch ein Bericht über "Cyberintifada" weckt mein Interesse: Ist der Angriff israelischer Hacker auf Hisbollah-Webseiten tatsächlich die Fortsetzung des Krieges mit elektronischen Mitteln?
Großen Raum nimmt die Sektion "eGovernment" ein. Hier geht es um die Integration von Verwaltung und Demokratie mit elektronischen Mitteln. Ich finde einen Test von 82 deutschen Städten im Hinblick auf die Verfügbarkeit digitaler Bürgerangebote, ein Dossier über das in diesem Sektor als führend geltende Estland und das Themenpaket "eGovernment im Nahen Osten". Politik-Digital zwängt sich nicht in ein deutsches oder europäisches Korsett.
Frappant oder charmant?
Im Ressort "Community" finde ich eine ganze Reihe von Angeboten, bei denen sich der Leser beteiligen kann: Beim "Kand-O-Mat" darf ich für die Mitglieder des Europa-Parlaments Noten vergeben - von 1 für "frappant" bis 10 für "charmant". Unter dem Link "Weblog" finde ich das Weblog "Metablocker".
Inhaltlich lehnt sich das Programm des Metablockers an die Hauptseite an. Wie bei Blogs üblich, darf ich die Einträge kommentieren. Rechts finde ich eine Liste der jüngsten Einträge und Kommentare, eine Linkliste zu anderen Blogs (unter anderem auch zu einem meiner Lieblingsblogs, dem Schockwellenreiter) sowie das Archiv des Metablockers.
Eine weiteres Blog, das von Politik-Digital betrieben wird, ist das "Mierscheid-Blog". Jakob Mierscheid ist ein sagenumwobener Bundestagsabgeordneter, der seit Jahren in jeder Parlamentsliste auftaucht. Nur gesehen hat ihn noch niemand. Deshalb kann sich Mierscheid auch ein wenig mehr herausnehmen als seine realen Kollegen.
Seriöse Online-Chats, polemische Foren
Zurück zur Hauptseite. Politik-Digital veranstaltet auch Online-Chats. Am 6. Juli gibt sich Familienministerin Ulla Schmidt die Ehre, am 14. Juli folgt der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Reinhold Robbe. Bei den moderierten Chats darf sich jeder beteiligen, die Ergebnisse werden später zum Nachlesen ins Netz gestellt.
Natürlich gibt es auch ein Forum. Hier tauschen sich politikinteressierte Leser über die Themen aus, die auf der Seite behandelt werden. Die Meinungen sind hier breit gestreut: Von sozialistischen Diktaturwarnungen über die Legalisierung von Cannabis bis hin zu Detailproblemen - etwa ob eine internationale Vereinbarung eine Regelung zur Akteneinsicht beeinhaltet - reicht die Palette der Diskussionsbeiträge. Wie in anderen Foren auch bedingt die Anonymität einen gewissen Hang zur Polemik. Über den oft harschen Ton wundere ich mich deshalb nicht.
Politik-Digital wird übrigens von der Tagesschau unterstützt. So kann ich mir die unglaubliche Fülle und die hohe Qualität der Artikel schon etwas besser erklären. Leider ist die schiere Masse des Gebotenen auch der größte Schwachpunkt der Seite: Es dauert eine Weile, bis man verstanden hat, worum es der Seite eigentlich geht. Dann macht das Lesen aber großen Spaß - vorausgesetzt, man glaubt an die Macht des Internets. Ich tue das. Zumindest ein bisschen.
  • FTD.de, 01.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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