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Merken   Drucken   20.02.2001, 10:17 Schriftgröße: AAA

Das Internet wird zum Klassenzimmer  

Anbieter von Online-Training machen zwar meist Verlust, aber der Markt wächst rasant. Gefragt vor allem bei Mitarbeiterschulungen. von Helene Laube, San Francisco
Dass Computer die Schiefertafeln in den Klassenzimmern ablösen werden, und Powerpoint-Präsentationen die Overhead-Projektoren - den Traum träumt die Bildungsbranche seit Jahren. Aber bislang ohne großen Erfolg. PC und CD-ROM haben sich bis vor kurzem als Lehrmittel nur in Nischen firmeninterner Fortbildung durchgesetzt.
Mit dem Einzug des Internets in Schulen und Unternehmen kann sich das ändern. Online-Learning - bei dem die Lerninhalte nicht auf Diskette oder CD, sondern über das Internet verteilt werden - ist inzwischen einer der am stärksten wachsende Sektoren der Bildungsindustrie. Während etwa in den USA die gesamten Ausgaben für Bildung - 2000 waren das knapp 800 Mrd. $ - nur auf eine Wachstumsrate von fünf Prozent pro Jahr kommen, gehen Branchenkenner bei Online-Learning von einer jährlichen Verdoppelung aus. Nach Untersuchungen der Marktforscher von IDC lag das Volumen des Online-Learning-Markts 1998 gerade einmal bei 550 Mio. $, 2003 soll es aber auf 11,4 Mrd. $ ansteigen.
"Die Online-Learning-Industrie ist ein noch sehr junger, fragmentierter, aber auch sehr dynamischer Markt", sagt Trace Urdan, Analyst bei WR Hambrecht. Weltweit gäbe es an die 5000 Unternehmen, die alle "erdenklichen" Formen von Online-Training entwickeln. Urdan und andere Analysten erwarten eine Konsolidierung des Marktes, da vor allem kleinere Firmen ihr Überleben nur sichern können, indem sie sich mit einem etablierten Anbieter mit einem Markennamen verbünden.
Zwischen 1990 und 2000 haben Investoren nach Untersuchungen der auf Online-Ausbildung spezialisierten Marktforschungsfirma Eduventures rund 10 Mrd. $ in private Firmen investiert, wovon sich viele auf einen Börsengang vorbereiten. Bisher ist nur knapp ein Dutzend der E-Learning-Unternehmen in den USA börsennotiert und mit Ausnahme der University of Phoenix Online, ein Pionier im Internet-Learning-Bereich, schreiben alle Verluste.
Im Zug der Korrektur der Technologieaktien wurden auch diese Werte in die Tiefe gerissen. So fiel der Aktienkurs von Centra, einem Spezialisten für Live-Training über das Web, vom Jahreshoch bei 40,38 $ auf 7,5 $. Die Aktie von Learn2.com, einem Anbieter von Online-Learning für Verbraucher, Unternehmen und Behörden, stand am Mittwoch gerade noch bei 50 Cent.
So groß ist also der Bildungsnotstand noch nicht, dass die Online-Learning-Branche von der Krise der Internet-Firmen unberührt bliebe. In Schulen und Universitäten beginnt sich das Internet-Lernen auch erst allmählich durchzusetzen - am schnellsten gewinnt die Technologie in Unternehmen Anhänger. Hier löst der Einsatz von PC und Internet bei Schulungen keine bildungspolitische Debatte aus. Zudem steht in vielen Unternehmen schon die Infrastruktur Online-Learning in Form firmeneigener Computernetzwerke.
Wichtiger noch: Für Unternehmen zahlt sich der Einsatz von effizienten Schulungs-Systemen in Mark und Pfennig aus. "Mit dem Internet schaffen wir es, die Schulungen um 20 bis 30 Tage zu verkürzen - das sind bis zu 30 Mio. $ mehr Umsatz", verspricht Mary Alice Cohen vom kalifornischen Online-Trainings-Anbieter Interwise, der die US-Pharmakonzerne Pfizer und Bristol Myers Squibb zu seinen Kunden zählt.
Sicher: Online-Trainings-Anbieter wie Interwise werden den Nutzen ihrer Systeme kaum herunterspielen. Ob die unpersönliche Vermittlung von Wissen tatsächlich auf lange Sicht effizienter ist als die Schulung durch einen - physisch und geistig präsenten - Lehrer, ist nicht erwiesen. Die Branche ist dafür noch zu jung. Zudem müssen Unternehmen beim Einsatz von Online-Learning eine Reihe von Hürden überwinden. So können Mitarbeiter bei der Weiterbildung einfacher kontrolliert werden - was etwa in Deutschland eine Blockade des Online-Systems durch den Betriebsrat auslösen kann.
Aber den Trend zum Online-Learning können sie nicht verhindern. Der Versuch, mit traditionellen Schulungsseminaren auf aktuelle Bildungsdefizite von Mitarbeitern zu reagieren ist - auf Grund von Arbeitsausfall und Reisekosten - teuer. Immer öfter setzen Firmen daher das Internet ein, das es den Mitarbeitern ermöglicht, Zeitpunkt und Tempo selbst festzulegen.
Beim kalifornischen Netzwerkausrüster Cisco, der alle drei Tage mit einem neuen Produkt herauskommt, ginge es gar nicht mehr ohne Online-Learning. "Wie sonst könnte man bei einem solchen Angebot und 37.000 Mitarbeitern effektive Schulung anbieten", sagt Thomas Kelly von Cisco. Dem für das weltweite Training verantwortlichen Vice President zufolge spart Cisco dank Online-Schulung im Fertigungsbereich pro Quartal 1 Mio. $. Für jede Woche, in der er die 10.000 Vertriebsleute nicht in Seminare schicken muss, spart er 24 Mio. $ und der Trainingsterminplan wurde um 80 Prozent gestrafft.


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