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Merken   Drucken   24.09.2008, 09:48 Schriftgröße: AAA

Deutsche Verleger: "Wir haben zu viele schlechte Zeitungen"  

Seit Jahren sinken die Auflagen: Verlagsvertreter haben jetzt davor gewarnt, die Verantwortung für die Verkaufsmisere einzig bei der virtuellen Konkurrenz zu suchen. von Lutz Knappmann (Berlin)
"Wir haben zu viele schlechte Zeitungen", sagte Sven Gösmann, Chefredakteur der "Rheinischen Post" am Dienstag in Berlin. Die Redaktionen agierten bisweilen arrogant und arbeiteten an ihren Lesern vorbei. "Die Leser haben häufig nicht mehr das Gefühl, dass wir ihre Zeitung sind", sagte Gösmann unter großem Beifall auf einem Kongress des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).
Mit knapp 26 Millionen Exemplaren täglich ist die verkaufte Auflage deutscher Zeitungen im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 500.000 Stück gesunken. Vor allem junge Leser greifen immer seltener zu Printtiteln. Bei den 20- bis 29-Jährigen sei das Internet mittlerweile die erste Informationsquelle, sagte Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach.
Für einen Abgesang auf das Medium Zeitung sei es indes zu früh, betonten die Verleger. "Das neue Mantra vieler Kommentatoren scheint zu sein, dass die Zeitung längst tot ist", sagte Gavin O'Reilly, Präsident des Weltverbands der Zeitungen (WAN), in dem weltweit rund 18.000 Zeitungsverlage organisiert sind. "Das Bild von einer kriselnden Branche führt jedoch in die Irre", sagte O'Reilly. Bis 2012 werde der Umsatz der Zeitungen weltweit von 186,2 Mrd. $ auf 207,8 Mrd. $ zulegen. In Deutschland lag der Umsatz mit Zeitungen im vergangenen Jahr bei knapp 9,2 Mrd. Euro und damit rund 0,5 Prozent höher als im Jahr zuvor.
Die größte Bedrohung für die Tageszeitungen weltweit sei nicht das Internet, sagte O'Reilly. Ein Großteil der Online-Nutzer habe seinen Zeitungskonsum nicht reduziert. Gefährlich sei vielmehr die wachsende Zahl der Gratisblätter, warnte der Verbandschef. So entfallen etwa 23 Prozent der europäischen Zeitungsauflagen nach WAN-Angaben auf Kostenlostitel. Meinungsforscherin Köcher betonte, durch Gratispostillen werde "das Produkt Zeitung entwertet". Der Verkaufspreis einer Zeitung sei nicht das entscheidende Argument für die Abwanderung der Leserschaft.
In Deutschland wehren sich die Verlagshäuser erbittert gegen Gratis-Pläne - und haben dabei die Unterstützung der Politik. Am Eröffnungsabend des BDZV-Kongresses am Montag hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen Pläne der Deutschen Post für Gratiszeitungen ausgesprochen. Dies sei keine Aufgabe der Post. "Hier wird die Bundesregierung ihre Haltung deutlich machen", sagte Merkel.
In einigen europäischen Ländern hat unter den Gratistiteln derweil ein Ausleseprozess begonnen. So wurde zuletzt in Dänemark das Gratisblatt "Nyhedsavisen" eingestellt.
  • Aus der FTD vom 24.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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