Screenshot der Wikipedia-Webseite
Heerscharen ehrenamtlicher Helfer tragen unter diesem Namen das Wissen der Welt zusammen: frei nutzbar für jeden mit Internetzugang, frei veränderbar für alle, die es besser wissen. Inzwischen ist daraus ein virtuelles Lexikon in 76 Sprachen geworden. Allein die deutsche Version umfasst vom astrophysikalischen Kappa-Mechanismus bis zu Sarah Connor mehr als 260.000 Artikel. Täglich kommen etwa 500 hinzu.
Doch das Baby des Amerikaners Jimmy Wales scheint langsam in die Pubertät zu kommen. Das einstige Wunderkind macht erste Schwierigkeiten. Wenn sich ab diesem Donnerstag Hunderte von Wikipedianern in Frankfurt zur ersten internationalen Wikimedia-Konferenz treffen, steht nicht nur Schulterklopfen auf dem Programm. Es müssen Lösungen für ein paar Probleme gefunden werden, die die Zukunft eines der aufregendsten Internetprojekte der vergangenen Jahre bedrohen.
Schwerwiegende Mängel
Das älteste und nach wie vor dringlichste heißt Qualität. Wikipedias Erfolgsrezept - jeder User, ob Wissenschaftler oder Laie, kann gleichzeitig Autor sein - ist auch seine größte Schwäche. Denn so begrüßenswert es auch ist, dass die hohe Zahl der Autoren eine zeitnahe Aktualisierung garantiert, so verunsichernd ist es, sich auf keinen Eintrag absolut verlassen zu können. Als das Historiker-Informationsnetzwerk "H-Soz-u-Kult" kürzlich die im Frühjahr erschienene Wikipedia DVD-Edition rezensierte, attestierte der Rezensent dem Nachschlagewerk bei drei beliebig ausgewählten historischen Artikeln "schwer wiegende Mängel" in Inhalt und Form.
Dass es hier noch "Optimierungsbedarf" gibt, stellt Kurt Jansson, erster Vorsitzender von Wikipedia Deutschland gar nicht in Abrede. "Die Validierung der Wikipedia-Inhalte ist ein langsamer Prozess der kleinen Schritte. Wie das gehen kann, darüber werden wir während der Konferenz in Frankfurt reden müssen." Angedacht ist ein Punktesystem, mit dem Nutzer die Qualität eines Artikels bewerten können. Damit soll auch kenntlich gemacht werden, in welchem Zustand sich ein Text befindet.
Für Larry Sanger sind faktische Fehler weniger schlimm, als der damit einher gehende Glaubwürdigkeitsverlust. Der Mitbegründer und ehemalige Chefredakteur des Projekts stieg bereits 2002 aus, weil ihm die Qualitätskontrolle fehlte. Vergangenen Dezember prangerte er öffentlich den "antielitären" Ansatz Wikipedias an, der Fachwissen nicht honoriere und dazu führe, dass dringend benötigte akademische Schreiber sich abwenden. Dadurch drohe eine Abspaltung ambitionierter Autoren.
Konkurrenz von Wikiweise
In Deutschland ist just dies vor wenigen Wochen geschehen. Ulrich Fuchs und sechs andere Ex-Wikipedianer hatten die Nase voll von "oberflächlich recherchierten Artikeln" und "fehlender Kohärenz". Sie gründeten unter dem Namen Wikiweise eine eigene freie Enzyklopädie, die ihre Inhalte besser kontrollieren will. "Bei Wikipedia üben Administratoren zu wenig die Rolle von Redakteuren aus. Deshalb findet sich dort eine immer größere Menge banaler Artikel. Das will Wikiweise vermeiden."
In der Tat deckt Wikipedia inzwischen ein beachtliches Spektrum der Populärkultur und tiefer liegender Wissensschichten ab. Einträge zu Pornodarstellerin Gina Wild (samt Werksverzeichnis) finden sich ebenso wie solche zu Schokoladeneis (mit Rezept) und Hundekot (inklusive Bildergalerie). Kein Wunder, dass Ulrich Fuchs vermutet, die Mehrzahl der Wiki-Autoren stünden kurz vor dem Abitur.
Dass Klaus Holoch nichts gegen Wikipedias thematische Ausbreitung in die Niederungen der Profanität einzuwenden hat, ist verständlich. Schließlich hat der Brockhaus Verlag, dessen Pressechef er ist, gerade 20 Mio. Euro in die im Herbst erscheinende 21. Ausgabe der altehrwürdigen Enzyklopädie gesteckt. Den Mannheimern sind Beispiele höchst willkommen, die den Unterschied zwischen dem virtuellen Neuling und dem Platzhirsch im Ledereinband betonen. Als neulich jemand schrieb, Wikipedia sei ein Vor-, kein Nachschlagewerk, hat das Holoch gut gefallen.
Ulrich Fuchs von Wikiweise findet die Entwicklung eher traurig. "Die Aufgabe einer Enzyklopädie ist auch auszuwählen. Das tut Wikipedia nicht. Wenn das so weitergeht, wird das Projekt zu einem bloßen Abbild des WWW im WWW."