Wie groß die Umwälzung ausfallen würde, ahnten nur wenige. Zu festgefahren waren die Strukturen in der alten Energiewelt im Jahr 2000. Die großen Versorger machten den Markt unter sich aus, die erneuerbaren Energien füllten eine kaum beachtete Nische. So begann im Gründungsjahr der FTD eine weitgehend unbemerkte Revolution: der Siegeszug der neuen Energien. Entscheidend dafür war nicht der (erste) Atomausstieg.
Viel wichtiger war das massiv unterschätzte Erneuerbare-Energien-Gesetz, das am 1. April in Kraft trat. Für die erneuerbaren Energien war es eine Lizenz zum Wachsen. Weite Teile der Energiepolitik erlebten in dieser Dekade ein Auf und Ab: die Klimakanzlerin Angela Merkel, die Europa 2007 ehrgeizige Ziele vorgab, bis sie in der Euro-Krise den Elan verlor, das Hin und Her bei den Laufzeiten, der einst ambitionierte und jetzt sieche Emissionshandel. Konstant blieb nur das Wachstum der Erneuerbaren. Der Klimaschutz mag an Vetomächten scheitern, den Ökostromausbau aber bestimmt allein der Bundestag. Aufhalten lässt er sich nicht mehr: Windräder gibt es überall. Auch auf Mützen.
Nikolai Fichtner
Wenn das vergangene Jahrzehnt eine andere Farbe trug als Lachsrosa, war es zweifelsohne Rot. Womit schon das erste Klischee benannt wäre - denn mit Mao Tse-tungs "Rotchina" hat die heutige Volksrepublik so viel gemein wie eine Filzjurte mit Schanghais Wolkenkratzern. Kurz nach der Jahrtausendwende war China ein Land am Rande der Weltkarte, das Plastikfeuerzeuge und raubkopierte Nike-Turnschuhe herstellte. Heute produziert es das iPhone, kauft bergeweise Rohstoffe (und die Gunst von Regierungen) in Afrika und finanziert die Schulden der USA.
Zur einst überragenden Supermacht hat China weitgehend aufgeschlossen. Das muss man anerkennen und darf man bewundern, wie es auch die FTD getan hat. Was uns nicht daran hinderte draufzuhauen, wenn die Pekinger Regierung Bürger verschwinden ließ, Minderheiten unterdrückte oder Journalisten gängelte. Eine völlig klischeefreie Beschreibung des Landes haben auch wir nicht zuwege gebracht: Wir wollen weiter glauben, dass alle Chinesen mit Stäbchen essen. Und die "gelbe Gefahr" tauchte zeit ihres Bestehens 13-mal in unserer Zeitung auf. Zehnmal davon immerhin in Anführungszeichen - oder mit Bezug auf die FDP.
Georg Fahrion
Fliegen und FTD-Lesen - das hätte eine Traumhochzeit am Himmel werden können. Leider ließ uns die Fliegerei im Stich: Bereits kurz nach unserem Start verwandelte sie sich in eine hässliche Mixtur aus Tauglichkeitsprüfung und Hausdurchsuchung. Als wir am späten Abend des 11. September 2001 wie betäubt die Redaktion verließen, war schon klar, dass das Jahrzehnt völlig anders verlaufen würde, als wir uns das vorgestellt hatten. Bald wurde Deutschland am Hindukusch verteidigt, im Irak, London, Madrid explodierten Bomben, im Sauerland ging eine Terrorzelle hoch.
Die Welt lernte "Korrektes Karikaturenmalen für Anfänger", Flüssigkeiten durften als potenzielle Massenvernichtungswaffen nicht mehr ins Handgepäck, nur wer seine Trinkgewohnheiten oder Medikamentierung im Plastikbeutel offenbarte, galt als verlässlicher Bürger. Den Verantwortlichen, einen gewissen Osama Bin Laden, hatten wir bereits am 23. März 2000 erstmals kritisch erwähnt. Er spukte dann noch über elf weitere Jahre durchs Blatt, auch wenn die Folgen der Geldtsunamis längst wichtiger geworden waren.
Christian Schütte
Viel war zuletzt die Rede davon, die FTD sei ein typisches Kind der Internetblase und als solches quasi schon bei ihrer Geburt zum Sterben verurteilt. Doch springt die Theorie zu kurz, denn immerhin hat die FTD den Neuen Markt um beinahe zehn Jahre überlebt. Und genug Zeit gehabt, über eine Kettenreaktion von Übertreibungen und Zusammenbrüchen zu berichten, die in der Wirtschaftsgeschichte ihresgleichen sucht. Noch vergleichsweise ruhig lief es bis Mitte 2006. Dann aber braute sich am US-Immobilienmarkt ein Unwetter zusammen, das kaum jemand auf dem Radar hatte.
Fortan war nichts mehr wie zuvor: Aus der Immobilien- wurde die Kredit-, die Banken-, die Konjunktur- und schließlich die Staatsschuldenkrise. Seifenblase um Seifenblase. Die Bilder der Lehman-Banker, die nach der Pleite der Wall-Street-Ikone am 15. September 2008 mit Umzugskartons aus ihrer Bank fliehen, haben sich Generationen ins Gedächtnis gebrannt. Fortsetzung folgt, nun aber ohne FTD. Der DAX übrigens, der am Tag der FTD-Erstausgabe bei 7590 Punkten stand, schloss am gestrigen Donnerstag mit 7534 Zählern.
Tim Bartz
Am Anfang der FTD-Geschichte stand eine Erkenntnis, die für manche von anderen Zeitungen gewechselte Redakteure neu und erfrischend war: Man darf den Chef kritisieren, wenn er Bullshit redet. Am Ende der FTD-Geschichte steht eine beglückende Erkenntnis: Wo der Mut der Menschen groß genug ist, müssen sich selbst die tyrannischsten Tyrannen fürchten. Die Tunesier jagten den Diktator Zine El Abidine Ben Ali in die Flucht, die Ägypter Hosni Mubarak aus dem Amt.
Die arabischen Revolutionen haben kein Paradies erschaffen, und die Umstände der Machtwechsel waren oft hässlich: Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi wurde auf der Flucht erschossen, Rebellen schmissen sich für die Kameras so in Pose, wie der Gestürzte es einst getan hatte, seine goldene Pistole hielten sie in Händen. Und in Syrien brutalisiert der lange Kampf zunehmend auch die Aufständischen. Trotzdem dürfte die Welt in diesem Jahrzehnt etwas begriffen haben: Stabilität ist kein Ersatz für Menschenrechte. Ein Anfang jedenfalls ist gemacht.
Ines Zöttl
"Reinweiß" - Apple-Chefdesigner Jony Ive hatte eine ziemlich klare Vorstellung, wie aus einem guten ein edles Produkt werden sollte. Es musste strahlend weiß sein. Weil auch Steve Jobs ein Fan des reinen Weiß war, präsentierte er im Oktober 2001 nicht nur den ersten iPod in Weiß, sondern auch die zugehörigen Kopfhörer. Unterstützt durch eine ikonografische Werbekampagne wurden sie zum Erkennungszeichen der Generation iPod. Anfang des vergangenen Jahrzehnts waren Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon noch die Underdogs.
Mit Kreativität und Intelligenz mischten sie Märkte für Musik, Bücher, Telefone und sogar den Einzelhandel auf. Sie schufen in jenen Jahren, die auch die der FTD waren, eine Lebenswelt, die nicht mehr wegzudenken ist. Die Verbreitung von Facebook schließt daran an. Nun sind die Underdogs marktbeherrschende Unternehmen geworden, die Jäger Gejagte, neue Rivalen wollen ihnen den Markt streitig machen. Noch ist nicht erkennbar, wer einen dieser Giganten einmal ablösen wird. Man kann allerdings sicher sein: Es muss bis dahin keine Dekade mehr vergehen.
Guido Warlimont
Einen Monat vor Erscheinen der ersten FTD gründete sich in Frankfurt der deutsche Ableger von Attac - der Ton für die kommenden Jahre war gesetzt. Die Globalisierungskritiker forderten eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte und mehr soziale Gerechtigkeit. 258 Artikel sind in der FTD zu Attac erschienen, später 155 zur Occupy-Bewegung, 62 zu Anonymous, in 39 Geschichten kam das Wort "Wutbürger" vor. Die Empörung über politische Willkür und ein rücksichtsloses Wirtschaftssystem bestimmte einen Teil der gesellschaftlichen Debatte. "Nein!" wurde zur Haltung. Anfangs war der Protest links, mit der Zeit verlagerte er sich jedoch in die gesellschaftliche Mitte.
Ab 2008 sorgten die Hacker von Anonymous für Aufsehen. Versteckt unter der Maske des britischen Freiheitskämpfers Guy Fawkes zogen sie erst gegen Scientology und später für Meinungsfreiheit in den Cyberkrieg. Ihre Masken wurden zum Symbol des zivilen Ungehorsams. 2010 schrieb Stéphane Hessel "Empört Euch!", und die Deutschen nahmen ihn beim Wort. Gegen Atomkraft, gegen Windräder, gegen Stuttgart 21. Dort zog das Bürgertum untergehakt mit Anarchisten vor die Wasserwerfer. In der FTD ging es in 490 Artikeln um Stuttgart 21. Zum ersten Mal sehr kritisch keine drei Monate nach Zeitungsgründung.
Lukas Heiny
Zu Beginn des Jahrtausends waren wir das nieder- und abgeschlagene Trümmervolk, das sich seinen Weg durch die Post-Kohl-Welt bahnte. Bis ein Bier-und-Zigarrenkanzler die Massen aufpeitschte, mit seinem Reform-Elan die Menschen und seine Partei entflammte. Bei allem Erfolg aber blieb die Agenda 2010 zu deutschtugendhaft, neu erstarkt waren wir zwar, sympathischer nicht. Dazu machten uns erst die Fußballjungs im Sommer 2006, als es chic wurde, mit einem Deutschland-Fähnchen auch das neue Selbstbewusstsein herauszuhängen.
Angela Merkel war da kaum ein Jahr im Amt und stehjubelte sich im Stadion in manche Herzen. Inzwischen hat sie uns und Europa fest im Griff und laviert, derart entscheidungsscheu, dass die FTD die Merkel-Partei mal fast nicht zur Wahl empfohlen hätte. Und angesichts der Reputation unseres Landes in der Euro-Krise hängen auch nur noch Mutige das Fähnchen raus.
Nicolas Schöneich
Mit "Big Brother" fing das Elend an. Da begrüßte uns im Jahr 2000 ein assigetoasteter Kfz-Mechaniker namens Zlatko und nahm uns mit in seinen Intimbereich. Was haben sich die sogenannten Bildungsbürger damals aufgeregt über diesen Körper- und Seelenstriptease des Prekariats. Bloß sind wir seitdem nicht mehr rausgekommen aus den Niederungen. Es folgten gotterbärmliche Sängersubstitute bei "Deutschland sucht den Superstar", wir bekamen Möpse und Schniedel im "Dschungelcamp" zu sehen.
Dann aber kam das Internet - und allmählich entblößten wir uns alle. Mit Google navigieren wir durch den Alltag, während es unser Leben durchforstet. Mark Zuckerberg hat uns Facebook geschenkt und saugt damit gierig jedes Detail ab, das wir bei vollem Bewusstsein darreichen. Wir wurden durchsichtig wie Netzstrümpfe. Unser "Status" ist Programm. Es ist das Jahrzehnt der Transparenz, der Öffentlichkeit und Vernetzung. Niemals waren wir den 15 Minuten Ruhm näher.
Andrea Rungg
Die Nerds haben gewonnen. Zu Beginn dieses Jahrzehnts waren Orte wie Mittelerde oder Narnia nur einem kleinen Kreis bekannt; merkwürdige Eigenbrötler waren das, die meist schlecht in Sport waren und keine Freunde hatten. Aber dann kam "Harry Potter" in die Buchläden und "Der Herr der Ringe" in die Kinos, und plötzlich war Fantasy gesellschaftsfähig.
Über den einen Ring heißt es bei Tolkien: "Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden", und er fand sie alle, uns alle. "Eragon", "World of Warcraft", "Game of Thrones" - alles Marken, die nur zu Bestsellern werden konnten, weil die Masse Gefallen fand am einst belächelten Eskapismus. Auch der Zombie, der untote Vetter der Elfen und Orks feierte seine Ankunft im Mainstream: Von "28 Days Later" bis "The Walking Dead" sorgte er für bislang nicht gekannte Erfolge der Massenbespaßung. Und mit lebenden Toten kennt sich seit Kurzem auch die FTD aus: In den letzten Wochen waren wir selbst einer.
Matthias Oden
Was ist der Unterschied zwischen Bernard Madoff und Richard Fuld? 150 Jahre Haft. Die muss Madoff, der Gentleman-Betrüger, der die Ostküsten-Nomenklatura um 65 Mrd. Dollar betrog, absitzen. Fuld dagegen, der letzte Lehman-Chef, lebt auf freiem Fuß und soll Hedge-Fonds beraten. Ansonsten aber verbindet die beiden mehr, als sie trennt. Sie stehen für eine Dekade der Gier, einen Abschnitt der Zeitgeschichte, der die Weltwirtschaft in die Hölle hat blicken lassen und dessen Zerberusse Männer wie Madoff und Fuld sind. Oder Jérôme Kerviel. Oder Kweku Adoboli. Oder Allen Stanford.
"Gier ist gut", sagte Michael Douglas 1987 in "Wall Street", dem Manifest des Wall-Street-Kapitalismus, das Generationen von Hochschulabsolventen zu champagnersaufenden Bonusbankstern machte. Tatsächlich ist Gier gut, wenn sie Menschen zu Nutzen stiftenden Höchstleistungen antreibt. Aber sie braucht Grenzen. Die werden gerade nachgezogen, und ihre Helden schillern nicht. Volcker, Dodd, Frank, Barnier, Liikanen - das riecht nach Behördenmief und Klarsichthülle. Vielleicht kein so schlechter Zeitpunkt, die Bühne zu verlassen.
Tim Bartz
Was haben Angela Merkel und Philipp Rösler gemein? Nicht viel, schon gar nicht, wenn man ihre Karriereaussichten nach der nächsten Bundestagswahl vergleicht. Doch diese Dekade der wachsenden gesellschaftlichen Offenheit hat beide zusammengezwungen: in die Kategorie "Erfolgreiche Minderheiten". Wolfgang Schäuble und Barack Obama gehören auch zum Klub. Und es passt, dass dieser Präsident ein absolutes Außenseiterhaustier ins Weiße Haus holte: einen Wasserhund.
Ob Frau, Migrationshintergrund, behindert, schwarz, schwul oder lesbisch - einem ausgeprägten Machtwillen halten traditionelle Aufstiegsbarrieren längst nicht mehr stand. Den Gesetzgeber und die Quote haben diese Aufsteiger für ihre Karriere nicht gebraucht. Ein Warnhinweis aber gilt auch für sie: Minderheiten sind vor dem Risiko eines Sturzes nicht gefeit. Diese lachsrosa Zeitung so wenig wie Rösler - oder Angela Merkel.
Ines Zoettl