Auf der unabhängigen ukrainischen Nachrichten-Website Maidanua berichten schon seit über vier Jahren auch auf Englisch Journalisten und andere Freiwillige kritisch über Politik und Wirtschaft in der Ukraine. Die jüngsten Ereignisse werden als "Kalter Krieg" der Regierung gegen das ukrainische Volk bezeichnet. Die Blogger unterstützen die Proteste mit ihrer Berichterstattung. Allerdings ist für die Autoren der Oppositionskandidat Wiktor Juschtschenko kein "Erlöser", sondern das kleinere Übel, im Vergleich zum "Staats-Gangstertum" des zum Wahlsieger erklärten Ministerpräsidenten Wiktor Janukowitsch.
In Blogs wird klar Meinung kundgetan, und niemand kann überprüfen, ob die Geschichten stimmen, die in diesen laufend aktualisierten Tagebüchern erzählt werden. Allerdings überprüfen sich die Blogger gegenseitig. Und wenn so ein Weblog über Monate oder gar Jahre sorgfältig geführt wird, ist die Glaubwürdigkeit hoch. In einem Land, in dem Radio und Fernsehen staatlich kontrolliert werden, ist ein unzensierter Austausch nur über das Internet möglich.
Rund 48 Millionen Menschen leben in der Ukraine, im Jahr 2002 existierten zwar nur 4,2 Millionen Mobiltelefone und 900.000 Internetzugänge. In den Blogs hat sich in den vergangenen Jahren aber eine Informationsmöglichkeit gebildet, die nicht nur verschiedene Gruppen im Land miteinander vernetzt. Unzensiert und häufig in englischer Sprache geschrieben, dienen die Internettagebücher auch dem Kontakt mit dem und in das Ausland.
In den Tagen der Massenproteste in Kiew und anderen großen Städten des Landes, haben sich zwei Sorten von Blogs gebildet. Die einen verbreiten Nachrichten, die sie aus den Medien oder von Menschen vor Ort, zum Beispiel aus der Zeltstadt der Oppositionsanhänger in Kiew bekommen. Die anderen beschreiben die Gefühle eines Volkes, das sich endlich in der Lage sieht, etwas zu verändern in seinem Land.
Vor allem die Stilisierung des Machtkampfes zum Stellvertreterkonflikt zwischen Ost und West lehnt die deutliche Mehrheit der Blogger ab. In seinem Blog "Le Sabot Post-Moderne" (in etwa: "Der Postmoderne Holzschuh") ärgert sich ein Amerikaner in Kiew über diese, von den etablierten Medien verbreitete, Sicht der Dinge. "Sehr wenige", so schreibt er, "scheinen zu begreifen, dass es um ein ganzes System geht, nicht um eine Wahl".
Auch Vergleiche zwischen der Präsidentenwahl in den USA und der Ukraine werden deshalb abgelehnt. In der Ukraine, so schreiben die Autoren im Netz, wurden nicht nur die Ergebnisse verändert und Wähler behindert. Menschen seien bedroht, eingesperrt und zusammengeschlagen worden. Deshalb sei ein Vergleich unlässig. Als Beleg für die Wahlfälschungen bildet "Le Sabot Post-Moderne" einen Kontrollzettel der Präsidentschaftswahlen ab. Ministerpräsident Wiktor Janukowitsch hatte in jenem Wahlbezirk 2139 Stimmen erhalten. Die anderen 23 Kandidaten hatten - säuberlich aufgelistet - jeder genau Null Stimmen bekommen.
Im Europhobia-Blog wird darauf hingewiesen, dass es nicht reicht, einfach Juschtschenko als Präsidenten einzusetzen. "Ohne ein unanfechtbares Ergebnis wird das Land niemals darüber hinwegkommen". Ein Großteil des Volkes würde immer entrechtet, argumentiert der Autor. Setzte man Juschtschenko ohne rechtliche und demokratische Unterstützung als Präsident ein, würden seine Anhänger auf der Straße von denen Janukowitschs ersetzt. Das sind Analysen, keine Zeugnisse einer kopflosen, leidenschaftlichen Revolution.
Die Beschreibungen aus dem Alltag der Massenproteste sind das, was die Blogs über die Nachrichten hinaus besonders lesenswert machen. Im Blog "Orange Ukraine" beschreiben die verschiedenen Autoren, wie sich fühlen, auf dem Platz der Unabhängigkeit, was sie denken, wenn sie zusammen mit Zehntausenden rufen "Kutschma Ghet", "Kutschma, raus!".
Auch "Orange Ukraine" spricht nicht ausschließlich für die Opposition. Im Kopf der Seite steht: "Helping to pull 48 million chestnuts out of the fire", meint also alle 48 Millionen Ukrainer. Die "Kastanienrevolution" nennt sich der Widerstand inzwischen, weil jede Revolution einen Namen haben muss und die Zelte der Oppositionsanhänger zwischen lauter Kastanienbäumen stehen. "Orange Ukraine" will helfen, die "Kastanien aus dem Feuer zu holen".
So idealistisch und idealisiert sind viele der Geschichten. Es geht um das Großmütterchen von Scott Clark, einem Anwalt, der in der Ukraine arbeitet. In seinem Blog "Musings from an outpost on the edge of Western civilization" kommt seine russische Schwiegermutter aus dem Dorf in die Hauptstadt zu den Demonstranten und bringt ihnen warme Socken, Brot und Wurst. Und ein sehr reicher Mann schläft mit in der Zeltstadt um die gute Sache zu unterstützen. Darüber wundert sich Clark, denn jeder, der in der Ukraine reich geworden ist, hat seine Helfer auch in der Regierung.
Poetisch werden in den Blogs Tagträume im von der Oppositionsfarbe Orange dominierten Zentrum Kiews überschrieben mit "Tangerine Dreams", alle, wirklich alle Blogger rufen zum Durchhalten und zu Gewaltlosigkeit auf. Man bemerkt dieser Tage, dass es in den Straßen mittlerweile ruhiger wird, steht dann da, dass sich die "Aktion von den Straßen ins Parlament verlagert" hat. Beobachtungen wie die Liste der häufigsten Parolen (geschrieben und gerufen), Farben, Flaggen und Buttons haben jetzt auch Platz. "TulipGirl" veröffentlicht auf ihrer Seite zusätzlich zu den Nachrichten "Kunstwerke für Demokratie", Gedichte und Texte der Revolutionslieder.
Revolutionstrunken mögen einige der Blogger sein, realitätsfern sind sie nicht. "Wir wollen ein Land werden, das von anderen respektiert wird", schreibt einer auf der Seite Maidanua. "Wir wollen nicht die Lieferanten von billigen Arbeitskräften, Rohstoffen und Sexsklaven bleiben". Die Seite ist gut organisiert. Auch die Unabhängigkeit muss finanziert werden, genauso wie die Unterstzützung für die Demonstranten, die seit Tagen in der Kälte stehen. Man kann spenden auf der Seite, zur Wahl stehen Kreditkarte ("Wir akzeptieren VISA, MasterCard und Banküberweisungen"), Scheck und PayPal-System.
Wenn die Spenden nicht reichen, dann lässt sich vielleicht der Kommentar in einem Blog als Verwertungsidee für die "Kastanienrevolution" aufgreifen. "John aus Kanada" schreibt bei "Neeka’s Backlog": "Hi! Vielleicht wird jemand eines Tages einen echt guten Spielfilm über diese Wahl drehen."