24.11.2010, 14:52

DVD-Verleiher Netflix: Rettung durch Suizid

Netflix-Gründer Reed Hastings fürchtet, von der Konkurrenz verdrängt zu werden. Deshalb stranguliert er seinen ursprünglichen Filmverleih lieber selbst und setzt auf neue Technik.
© Bild: 2010 reuters
Netflix-Gründer Reed Hastings fürchtet, von der Konkurrenz verdrängt zu werden. Deshalb stranguliert er seinen ursprünglichen Filmverleih lieber selbst und setzt auf neue Technik. von Andrea Rungg, Hamburg
Bevor es jemand anderes tut, legt Reed Hastings selbst Hand an: Der Netflix-Chef zerstört sein eigenes Geschäft. Der Ursprung des Unternehmens, der Verleih von DVDs, ist ein Geschäft von gestern. Die Zukunft gehört dem Streaming. Es ist eine Weile her, dass Netflix den Videoverleiher Blockbuster in die Knie zwang. Bevor Apple , Amazon , Hulu oder Google  das Gleiche mit ihm machen, steuert Hastings gegen. "Wir sind nun vorrangig ein Onlinestreaming-Unternehmen, das eine große Auswahl an TV-Sendungen und Filmen über das Internet zeigt", sagt er und bettet sein altes Geschäftsmodell aufs Sterbebett.
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Netflix ist in den USA das erste und einzige Unternehmen, das Filme oder TV-Serien zeigt, ohne dass der Nutzer sie herunterladen oder dafür einen speziellen Receiver haben muss. Auch Apple, Amazon und Hulu drängen in den Markt, Google sucht für Google TV noch Zugang zu professionellen Inhalten. Es wird bald eng werden auf diesem Markt. Deshalb macht Netflix sich schon einmal breit.
Immer mehr Nutzer konsumieren Videos ausschließlich über das Internet. Allein in den USA schaute ein Nutzer laut US-Marktforscher Comscore im Oktober durchschnittlich 908 Minuten Videos übers Web. Insgesamt riefen 175 Millionen Nutzer im Internet Videos ab.
"Wir sind in einem neuen Rennen, und wir sind eine unter sehr großen und wichtigen Firmen", sagte Hastings unlängst dem Wirtschaftsmagazin "Fortune". Sich mit Apple, Amazon oder Google messen zu können macht ihn stolz. "Allein in dieser Liga mitzuspielen, ist wunderbar, wenn man zurückblickt."
Denn die Prognosen für Hastings' Netflix waren anfangs nicht allzu gut. Im Jahr 2005 nannte Wedbush-Analyst Michael Pachter Netflix "ein wertloses Stück Dreck". Gerade einmal 3 Dollar sei eine Aktie wert, und nicht die gehandelten 11 Dollar. Heute findet Pachter sogar positive Worte über Netflix. "Wir sind immer noch der Meinung, dass Netflix ein großartiges Unternehmen ist, allerdings ist es extrem überbewertet", schrieb er am Montag. Das Preisziel für die Aktie legt er bei 78 Dollar fest. An der Börse handeln Anleger die Titel derzeit für rund 187 Dollar.
Wovor Branchenkenner warnen
Pachters Konterfei hängt mittlerweile groß vor einem Kücheneingang bei Netflix in Los Gatos. Der 50-jährige Hastings nimmt Pachter den flapsigen Kommentar nicht übel. "Es ist ganz gut, dass intelligente Leute ein paar negative Dinge über Netflix sagen. Es schärft deine Ansichten", sagt er. Fast obsessiv beschäftigt Hastings sich mit dem Scheitern - einem Albtraum, der ihn immer wieder zu neuen Ideen treibt.
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Schon 2000 wollte Hastings einen Videostreamingdienst anbieten. Doch so einfach war das damals nicht: Die Internetverbindungen waren so lahm, dass Videos 16 Stunden brauchten, bis sie beim Nutzer ankamen. Noch dazu war der schlechte Service mit 10 Dollar Gebühr pro Film teuer. Doch Hastings ließ sich nicht abbringen. 2003, ein Jahr nach dem Börsengang, versucht er es erneut.
Für 300 Dollar verkauft Netflix eine kleine TV-Box, die Videos immerhin in sechs Stunden überträgt. Doch mit dem Start des Videoportals Youtube 2005 verabschiedet sich Hastings auch von der TV-Box. Das Videoangebot von Netflix soll über eine Software abrufbar sein - sogenannte Apps. So ist der Dienst in Amerika über Spielkonsolen wie Microsofts Xbox, Sonys Playstation und seit wenigen Wochen auch über Apples TV-Box abrufbar. Und auch mit Google kooperiert Netflix.
Erst im August hat Hastings einen Vertrag über fünf Jahre mit den Studios Paramount, Lionsgate und MGM geschlossen: für rund 1 Mrd. Dollar. Seitdem stieg die Aktie um 83,9 Prozent. Danach kam ein Deal mit Sony hinzu. Netflix kann jetzt die neuesten Filme bieten.
Wie lange Apple und Google an ihrer Partnerschaft mit Netflix festhalten, ist ungewiss. Früher oder später, warnen Branchenkenner, werden sie direkt mit den Studios verhandeln. Beide haben wesentlich mehr Kapital und könnten Inhalte für Netflix unerschwinglich machen. Nach Angaben der "New York Post" bröckelt die Bande mit Google bereits. Der Suchkonzern soll für seine Tochter Youtube mit dem Studio Miramax über Streamingrechte verhandeln - auch Netflix soll sich dafür interessieren.

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  • FTD.de, 24.11.2010
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