Fast jeder kennt das Geschäftsmodell, und viele wollten am bisher größten Börsengang eines Internetunternehmens teilhaben. Nach drei Handelstagen steht jedoch ein Kursverlust von mehr als 18 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis von 38 Dollar. Bis zur Schlussglocke am Dienstag verlor das Facebook -Papier in New York 8,5 Prozent und notierte bei 31 Dollar. Damit legt das soziale Netzwerk mit seinen inzwischen mehr als 900 Millionen Mitgliedern einen der übelsten Börsengänge der vergangenen Jahre hin.
Der Facebook-Börsenwert schnurrte von 104 Mrd. Dollar auf unter 90 Mrd. Dollar zusammen. Und das, obwohl die begleitenden Banken um den Konsortialführer Morgan Stanley an beiden Tagen fleißig Aktien des Unternehmens zurückgekauft hatten, um den Kurs nicht gänzlich abschmieren zu lassen.
"Stützungskäufe gibt es bei fast jedem Börsengang, die Frage ist, ob sie wirklich etwas bringen", sagt Thomas Ralf Meier, Leiter Aktien Europa beim Fondsanbieter Deka. Mit diesen Käufen versuchen die begleitenden Banken, den Aktienkurs des Unternehmens nach dem Börsengang zu stabilisieren. Das klingt zwar kompliziert, ist bei Börsengängen jedoch durchaus üblich.
Die Konsortialbanken leihen sich dafür zusätzliche Aktien bei den Altaktionären - diese Reserve wird Greenshoe-Option genannt und enthält in der Regel zwischen zehn und 15 Prozent der insgesamt ausgegebenen Aktien. Als Beispiel: Wenn 100 Aktien eines Unternehmens an die Börse gebracht werden sollen und der Greenshoe aus 15 Aktien besteht, dann platziert der Konsortialführer 115 Aktien beim Börsengang.
Steigt die Aktie dann zum Start über den Ausgabepreis bleiben die 15 Aktien im Markt. Nach der gesetzlich möglichen Stabilisierungsperiode von 30 Tagen meldet die Bank in der Regel, dass der Greenshoe erfolgreich ausgeübt wurde. Die Emissionsbank erhält dafür die zuvor mit dem Unternehmen vereinbarten Börsenganggebühren auf den Wert dieser 115 Aktien. Die Altaktionäre, die ihre Aktien für den Greenshoe zur Verfügung gestellt haben, bekommen den Ausgabepreis der Aktie abzüglich der Börsenganggebühren. Und alle sind zufrieden.
Fällt der Wert der Aktie nach Handelsbeginn jedoch unter den Ausgabepreis, wie bei Facebook, beginnt die Konsortialbank damit, die Aktien aus dem Greenshoe zurückzukaufen um den Kurs zu stabilisieren. Sie dürfen per Gesetz nur zurückkaufen, wenn der Aktienpreis fällt, daher entsteht ihnen aus der Differenz zwischen dem Platzierungspreis der Aktie und dem Kaufpreis ein Gewinn. Die Altaktionäre erhalten ihre geliehenen Aktien dann einfach zurück.
Bei Facebook hatten die Stützungsmaßnahmen bisher keinen Erfolg. Obwohl Händler und Analysten über sehr aggressive Rückkaufprogramme von Konsortialführer Morgan Stanley und weiteren Banken aus dem Begleitkonsortium munkeln, liegt der aktuelle Aktienpreis deutlich unter dem Ausgabepreis von 38 Dollar. An der Nasdaq startete die Aktie am Dienstag bei 32 Dollar - ein Abschlag von gut sechs Prozent.
Die meisten Analysten verwundert diese Entwicklung nicht. "Es ist sehr selten, dass durch einen Greenshoe ein Markttrend gedreht werden kann. Gerade bei einer Aktie wie Facebook, die so liquide ist und so viel gehandelt wird, ist das kaum zu schaffen", sagt Analyst Oliver Diehl von der Privatbank Berenberg. Das Handelsvolumen lag am vergangenen Freitag an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq nach nur drei Handelsstunden bei rund 400 Millionen Facebook-Aktien.
Richtig seien die Stützungskäufe jedoch in jedem Fall. "Bei einem Kursrückgang unter den Emissionskurs ist es als Konsortialführer grundsätzlich richtig, durch Käufe zu stabilisieren. Dies wird auch von den institutionellen Kunden der Bank erwartet, welche eine wichtige Kundengruppe darstellen", sagt Diehl. Große Fonds und Vermögensverwalter hätten den Banken schließlich beim Börsengang viel Geld für die Facebook-Papiere anvertraut.
Umso wichtiger sei es, dass der Greenshoe bei sinkenden Kursen mit der richtigen Strategie ausgeführt werde, sagt Diehl. Und ob das wirklich passiert ist, dürfe laut den meisten Analysten und Händlern in Frage gestellt werden. Bei so starken Schwankungen wie sie bei der Facebook-Aktie alleine am ersten Handelstag vorgekommen sind, hätte Morgan Stanley im Prinzip die kompletten Aktien aus dem Greenshoe zu günstigen Preisen am ersten Tag zurückkaufen können.
Das, so Diehl, würde den Markt allerdings weiter verunsichern, weil allen anderen Anlegern klar sei, dass die Banken in den Tagen und Wochen danach nicht mehr stabilisierend eingreifen. Denn ist die Greeshoe-Option ausgeschöpft, müssten die Banken mit ihrem eigenen Geld handeln und zukaufen. Und das sei im Fall von Facebook kaum vorstellbar, sagt Diehl.
Für Deka-Analyst Meier ist der Fall klar. Beim Facebook-Börsengang haben die Banken versagt: "Die Rückkäufe zeigen, dass die Banken die Situation nicht im Griff haben. Als sie die Menge der angebotenen Aktien und den Preis erhöht haben, haben sie es einfach überreizt."
Die große Frage für Morgan Stanley: Wie werden die großen Investoren reagieren? Ein Warnbeispiel ist der Brandbrief, den der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock vor genau einem Jahr an die Citigroup, Morgan Stanley und Credit Suisse geschrieben hat, die den Börsengang des Rohstoffhändlers Glencore federführend begleitet hatten.
Damals war Blackrock einer der größten Erstinvestoren. In dem Schreiben bemängelten James Macpherson und Luke Chappell, zwei leitende Fondsmanager des Vermögensverwalters in London, "die jüngsten Entwicklungen am IPO-Markt". Die begleitenden Banken würden die Unternehmen mit übertriebenen Bewertungen ihrer Aktien umwerben und nahezu zur Unterschrift drängen. "Wir sorgen uns, dass die Unternehmen die Banken aufgrund deren unrealistischer Aktienbewertungen beauftragen", hieß es in dem Brief. Und: "Blackrock wird künftig wahrscheinlich kritisch gegenüber IPOs sein, die von großen Konsortien geführt werden."
Im Fall Facebook droht Morgan Stanley von Seiten des kritischen Vermögensverwalters aber kein Ärger. Blackrock ist derzeit offenbar eher mit dem Einstieg in die Formel 1 beschäftigt als mit dem sozialen Netzwerk.