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Merken   Drucken   19.10.2010, 11:00 Schriftgröße: AAA

Facebook: Sozial im Netz, aber chronisch indiskret

Leitartikel Das neue Datenleck bei Facebook lässt nur einen Schluss zu: Das soziale Onlinenetzwerk ist aufgrund seiner Größe und der Vielzahl eingebundener Drittanbieter nicht in der Lage, die Privatsphäre seiner Nutzer zuverlässig zu schützen.
Nicht einmal jene, die ihr Profil mit den restriktivsten Einstellungen zu sichern versuchen, waren gegen die Weitergabe ihrer Daten gefeit. Offenbar reicht eine freiwillige Kontrolle des Datenverkehrs nicht aus.
Sicher, wer digital auf Kontaktsuche geht, tut das aus freien Stücken. Und wer darüber hinaus bei Facebook sogenannte Apps benutzt, also Software von Drittanbietern, stimmt der Weitergabe gewisser persönlicher Daten ausdrücklich zu. Niemand kann zudem behaupten, dass einen wesentlichen Nachteil erleiden würde, wer etwa das betroffene Onlinespiel "Farmville" ignorierte. Wie die Mehrzahl der Apps ist es ein verzichtbares Zusatzangebot. Sind die Nutzer also einfach selbst schuld?
Mitnichten. Denn ob die benutzten Apps nun bedeutend oder belanglos sein mögen, wer sich darauf einlässt, tut dies auf der Grundlage bestimmter Regeln. Eine davon ist, dass Daten wie Name, Wohnort und Geschlecht dem jeweiligen Anbieter zugänglich gemacht werden - nicht aber, dass sie, wie nun geschehen, an Werbefirmen oder Datensammler weitergegeben werden. Das verletzt nicht nur Facebooks interne Regularien, sondern auch die Datenschutzgesetze mehrerer Staaten.
Das Problem stürzt Facebook in ein Dilemma: Wollte es konsequenten Datenschutz demonstrieren, müsste es die Geschäftsbeziehungen mit den betroffenen Firmen beenden. Die Onlineplattform und ihre zahlreichen Fremdanbieter leben aber in einer äußerst lukrativen Symbiose. Hersteller wie Zynga sorgen mit dem digitalen Bauernhof "Farmville" oder anderen Apps wie dem Onlinekartenspiel "Texas Holdem Poker" dafür, dass Nutzer wesentlich länger auf Facebook verweilen. Anstatt nur Nachrichten zu versenden oder ihren Gemütszustand zu offenbaren, verbringen allein 60 Millionen Onlinelandwirte ihre Zeit damit, digitale Blumenbeete zu jäten und Kohl zu ernten. Facebook im Gegenzug machte Zynga zu einem milliardenteuren Unternehmen.
Facebook gab bekannt, dass die Probleme durch die Funktionsweise einiger Internetbrowser entstanden seien. Selbst wenn das wahr sein sollte, wäre es ein weiterer Hinweis darauf, dass Facebook die Datenkontrolle nicht gewährleisten kann. Sie muss stärker als bislang den Nutzern an die Hand gegeben werden. In den USA fordern einige Senatoren gar ein Verbot des sogenannten Targeting, der Art von Werbung, die online erhobene Nutzerdaten auswertet. Das Beratungsgremium der EU-Kommission will zumindest, dass ein Nutzer zu jeder Preisgabe von Daten sein Einverständnis geben muss. Das wäre ein erster Schritt.
  • Aus der FTD vom 19.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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