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Merken   Drucken   17.08.2009, 09:19 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Mitzwitschern lohnt sich  

In den Medien wird Twitter heiß diskutiert, Unternehmen ignorieren den Nachrichtendienst dagegen noch weitgehend. Dabei kann er der Reputation enorm schaden - oder helfen, sie zu fördern. von Uwe Mommert
Uwe Mommert ist Vertriebsvorstand der Beratungsfirma Landau Media AG.
Es zwitschert aus allen Rohren. Das ist zumindest der Eindruck, der entsteht, wenn immer mehr Twitter-Neuigkeiten den Weg in die Presse finden. Zu den Kommunikationsabteilungen außerhalb der medialen Kreise dringt der Microblogging-Dienst aber nur zaghaft durch. Bei 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland findet professionelles Twittern nicht statt. Die 140 Zeichen zwingen nun mal zu Aussagen auf den Punkt, und die sind nicht jedermanns Sache.
Der Nachrichtendienst ist in vielerlei Hinsicht noch das große unbekannte Wesen, das eher zum passiven Stöbern verführt als zum aktiven Zwitschern. Entsprechend gering fällt die Zahl der aktiven Nutzer aus. 90 Prozent aller Inhalte werden von den zehn Prozent der aktivsten Twitterer produziert. Dem gegenüber steht eine überwältigende Mehrheit, die nur einmalig gezwitschert hat und seitdem wieder verstummt ist. Das ergaben Untersuchungen des "Harvard Business Manager" unter 300.000 Usern. Twitter ist mit anderen Worten eine Einbahnstraße: Wenige Teilnehmer berichten ungefiltert und einseitig - aber viele lesen im SMS-Format mit.
Dennoch ist die Reichweite der Internetmeldungen nicht zu unterschätzen. Aktuelle Zahlen von Nielsen Online belegen, dass von den 1,8 Millionen Nutzern rund 1,5 Millionen nicht direkt die Webadresse in ihren Browser eingegeben haben, sondern über andere Seiten zu Twitter finden. Die Multiplikatorwirkung ist beträchtlich. Ein gutes Beispiel dafür ist die Twitter-Ente um Michael Ballack, der aus medialer Sicht fast zum HSV gewechselt wäre. Und alles nur, weil ein User mutmaßlich zwei Spielerberater im Zug belauschte, die über den Transfer diskutiert haben sollen. Rasant verbreitete sich das Gemunkel in den Medien und wurde vom Boulevardreporter bis hin zum seriösen Meinungsmacher aufgenommen. Zwar folgten entschiedene Dementis beider Vereine, doch das Gerücht blieb in der Welt. Selbst Bundespräsident Horst Köhler bekam eine Twitter-"Attacke" zu spüren: Seine Wiederwahl wurde bereits vor der öffentlichen Bekanntgabe aus der Bundesversammlung ins Netz gezwitschert.
Zauberwort Geschwindigkeit
Die Verbreitung von Twitter-Meldungen gewinnt auch für Unternehmen schnell an Brisanz. Das gilt beispielsweise für sensible Ergebnisse von Betriebsversammlungen, vertrauliche Gespräche unter Führungskräften oder strategische Überlegungen für das nächste Jahr. Selbst wenn die Inhalte nicht der Wahrheit entsprechen, könnte sich die Verbreitung via Twitter auf Investoren, Kooperationen oder bevorstehende Fusionen negativ auswirken. Das Web 2.0 hat die Reputation von Unternehmen angreifbarer gemacht, und zwar über einen Kanal, der bisher unterschätzt wurde. Mediennutzer werden zunehmend zu Programmdirektoren und Unternehmen schnell zu deren Spielball.
Geschwindigkeit ist dabei das Zauberwort. Der Erfolg der neuen Mediengeneration wird in Zukunft immer stärker davon abhängen, wer als Erster eine interessante Nachricht liefern kann. Absehbar ist auch, dass die fundierte Recherche dabei zwangsläufig auf der Strecke bleibt.
  • Aus der FTD vom 17.08.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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