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Merken   Drucken   03.12.2010, 15:25 Schriftgröße: AAA

Gekappte Domain: Schweizer Piraten gewähren Wikileaks Asyl

Die umstrittene Website wikileaks.org ist nicht mehr über ihre bisherige Adresse erreichbar. Der Internetdienstleister hat den Zugang gesperrt, auch Frankreich will die Seite loswerden. Dagegen bietet sich die eidgenössische Piratenpartei als Rettung an.
Seit dem frühen Freitagmorgen ist die Internetadresse wikileaks.org nicht mehr direkt erreichbar, sondern nur noch über die IP-Adresse. Das ist die Zahlenfolge, die jeden Computer im Internet eindeutig identifiziert. Die Domain wikileaks.org sei von der US-Firma EveryDNS "gekillt" worden, teilte das vom australischen Internetaktivisten Julian Assange gegründete Projekt im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Der Internetdienstleister sorgte dafür, dass die IP-Adresse des Rechners mit der Internet-Adresse (Domain) wikileaks.org verbunden wird.
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Das Enthüllungsportal ist nun über wikileaks.ch erreichbar. Registriert hat die Adresse die Schweizer Piratenpartei, wie die örtliche Domainverwalterin Switch mitteilte. "Wikileaks.ch" wurde vom Vorsitzenden der Schweizer Piratenpartei, Denis Simonet, reserviert. Auch der Domainname wikileaks.li (für Liechtenstein) ist bereits gesichert - laut Switch von einer Informatikfirma in Rickenbach bei Luzern.
Inzwischen sucht die französische Regierung nach Wegen, die Webseite von Datenbanken aus Frankreich zu verbannen. Das geht laut Reuters aus einem Brief von Industrieminister Eric Besson hervor. Wikileaks nutzt zum Teil die Datenbankdienstleistungen der französischen Firma OVH. Die Situation sei nicht aktzeptabel, schrieb Besson an Mitarbeiter seines Hauses.
Dass sich Internetseiten nicht einfach abschalten lassen, liegt an der Struktur des Netzes. Die Server können über verschiedene Adressen angesteuert werden. So findet sich auch über die URL http://46.59.1.2 die Wikileaks-Website. Dort sind inzwischen 640 der angekündigten 251.287 Dokumente von US-Diplomaten veröffentlicht. Eine weitere Möglichkeit ist die IP-Adresse http://88.80.13.160, die auf http://213.251.145.96/ umleitet.
EveryDNS begründete die Sperrung mit Sicherheitsbedenken. Durch verstärkte Hackerangriffe auf wikileaks.org könnte der Zugang zu anderen Websites des EveryDNS-Netzwerkes nur mit dem Abschalten der Domain gewährleistet werden. Der Internetdienstleister gewährt Zugang zu rund 500.000 Homepages.
Seitdem Wikileaks am Sonntag rund 250.000 vertrauliche US-Depeschen veröffentlichte und damit weltweit für Wirbel sorgte, werden unablässig automatisierte Datenanfragen auf wikileaks.org gelenkt - eine bekannte Hackermethode, um Websites zum Erliegen zu bringen. Auf diese Weise wurden Mitte 2009 rund 20.000 Computer des südkoreanischen Verteidigungs- und Außenministeriums lahmgelegt. Die Regierung vermutete Nordkorea hinter den Angriffen.
Amazon  bestritt inzwischen, Wikileaks auf politischen Druck von seinen Servern genommen zu haben. Wikileaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, teilte das Unternehmen in einem Blog-Beitrag mit. So sehen die Geschäftsbedingungen von Amazons Web-Dienstleistungen vor, dass der Kunde die Rechte an den Inhalten halte und deren Einsatz niemandem Schaden zufüge. "Es ist klar, dass Wikileaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt", argumentierte der Internethändler. Auch könne bei der großen Zahl von 250.000 Depeschen nicht gesichert sein, dass durch deren Veröffentlichung nicht Unschuldige wie etwa Menschenrechtler in Gefahr gerieten.
Zuvor hatte es zahlreiche Medienberichte gegeben, Amazon habe die Nutzung seiner Server durch Wikileaks nach einer Intervention von US-Senator Joe Lieberman gestoppt. Der parteilose Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz habe das Unternehmen mit einem Boykott gedroht, berichtete der britische "Guardian".

Teil 2: "Ich glaube, sie standen unter Druck"

  • FTD.de, 03.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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