Der Skandal um illegale Recherchemethoden erreicht weitere Zeitungen des britischen Murdoch-Imperiums. Auch Ex-Premier Gordon Brown gehörte zu den Opfern. von Sebastian Borger, London
Der frühere britische Premierminister Gordon Brown ist nicht gerade für seine emotionalen Äußerungen bekannt. Doch am Dienstag kehrte er sein Innerstes nach außen: "Ich war den Tränen nahe", sagte Brown. Die Machenschaften in Rupert Murdochs britischer Firma News International (NI) hatten ihn tief schockiert.
Gordon Brown
Mitarbeiter der "Sunday Times" und "Sun", die beide im NI-Verlag erscheinen, hätten auf illegale Weise private Daten wie Bankauszüge, Anwaltspost und Arztakten gesammelt. "News International beschäftigte für diesen Zweck Kriminelle. Dafür gibt es klare Beweise", sagte Brown dem britischen Sender BBC.
Als bei seinem zweiten Sohn Fraser kurz nach der Geburt die Mukoviszidose diagnostiziert worden sei, habe wenig später die damalige "Sun"-Chefredakteurin und heutige NI-Verlagsgeschäftsführerin Rebekah Brooks bei ihm angerufen und einen Artikel über das Kind angekündigt. Daraufhin sei er in Tränen ausgebrochen.
Bisher hatten sich die Vorwürfe kriminellen Handelns auf das NI-Sonntagsblatt "News of the World" beschränkt. Zwei Mitarbeiter des Blattes wurden wegen illegalen Abhörens von Mobiltelefonen der Königsfamilie schon 2007 zu Gefängnisstrafen verurteilt. Derzeit ermittelt die Kripo gegen vier frühere Journalisten von "News of the World", darunter Ex-Chefredakteur Andy Coulson, der zuletzt Premierminister David Cameron als Pressesprecher diente.
Britischen Medienberichten zufolge stehen weitere Festnahmen bevor. Der Murdoch-Konzern hat das Skandalblatt vergangene Woche eingestellt. Gegenüber dem zu NI gehörenden Nachrichtenkanal BSkyB beteuerte ein Konzernsprecher, für die Schnüffeleien gegen Brown gebe es "legitime Erklärungen". Zudem habe man den Artikel über das kranke Kind mit Brown abgesprochen.
Die Datenangriffe gegen Brown fielen in seine Amtszeit als Schatzkanzler in den Jahren 1997 bis 2007. Er sei über die Vorgänge "wirklich schockiert", sagte der Labour-Politiker. "Wenn selbst mir als Schatzkanzler oder Premierminister so etwas passiert, wie verletzlich sind dann erst normale Bürger?"
Edward Miliband, der Vorsitzende der Labour Party, wollte sich Dienstagabend mit dem Premier Cameron sowie mit dem liberalen Vize-Premier Nick Clegg treffen, um über die in der vergangenen Woche beschlossenen unabhängigen Untersuchungen zu beraten. "Die widerlichen Aktionen gegen Gordon verstärken die Notwendigkeit entschlossenen Handelns", sagte Miliband.
Neben den Regierungsuntersuchungen gehen auch verschiedene Gremien des Unterhauses dem schwersten Medienskandal der vergangenen Jahrzehnte in dem Land nach. Der Kulturausschuss hat den Konzern-Patriarchen Rupert Murdoch, 80, dessen Sohn James sowie Brooks "höflich eingeladen", sagte der Ausschuss-Vorsitzende John Whittingdale.
Alle drei sind ähnlichen Auftritten in der Vergangenheit mehrfach ausgewichen. Diesmal sagten sie binnen weniger Stunden zu. Die Anhörung soll kommende Woche stattfinden.
Vor dem Innenausschuss mussten sich am Dienstag hochrangige Polizeiführer für lasche Ermittlungen verantworten. Fest steht, dass Scotland Yard schon 2006 rund 11.000 Dokumente vorlagen. Der damals verantwortliche Vize-Polizeipräsident Andy Hayman begann zwei Monate nach seinem Ausscheiden bei Scotland Yard eine wohldotierte Tätigkeit bei NI.
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