Dienstags darf man auch noch kurz vor Mitternacht anrufen bei dem Mann, wegen dessen Erfindung Konzerne im Internet Milliarden Euro bewegen und Datenschützer schrille Aufsätze verfassen. Wählt man die Nummer für das Haus in Menlo Park, Kalifornien, dann johlt im Hintergrund eine Pokerrunde und ein angezählter Lou Montulli, gerade ein paar Chips im Minus, presst in den Hörer: "Ich bin ein glücklicher Mensch, auch weil ich etwas gebaut habe, was die Welt verändert hat." Und dann erzählt der 41-Jährige, wie er 1994 zum ersten Mal eine Anwendung programmierte, die heute jeder im Netz als Cookie kennt.
Technisch gesehen ist ein Cookie ein Code, über den Eingaben und Klicks des Nutzers auf einer Website zwischengespeichert werden; Cookies sind das Gedächtnis von Internetseiten. Wer sich etwa bei Facebook einloggt, kann sich durch Bilder und Nachrichten seiner Freunde wühlen, ohne für jede aufgerufene Seite erneut sein Passwort eingeben zu müssen. Auf die gleiche Art aber kann auch gespeichert werden, welche Websites ein Anwender besucht, welche Artikel er gelesen, welche Videos er angeschaut hat. Mit diesen Informationen lassen sich Profile erstellen, die für die Werbewirtschaft sehr spannend sind. Montulli sagt: "Cookies kann man für gute Zwecke verwenden und für schlechte."
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Ihm sei es um die praktischen Aspekte gegangen, als er damals als Programmierer für den Browserhersteller Netscape das erste Mal diese Codes benutzte. "Vorher wurde jede Website für jeden Nutzer gleich angezeigt", erinnert sich Montulli. Durch seine Entwicklung aber konnten Internethändler Warenkörbe einrichten, Zwischenstände von Onlinespielen wurden gesichert und Passwörter. Das hatte Vorteile für die Nutzer, die IT-Konzerne - und für Montulli, der es zu einiger Berühmtheit brachte, nicht nur als Entwickler. Das US-Magazin "People" druckte 1999 ein großformatiges Foto von Montulli, er im Schummerlicht über einen Schreibtisch gebeugt. Im Artikel dazu steht, er sei "so heiß wie ein Internetbörsengang".
Doch es dauerte nicht lange, bis die Werbebranche auf die Idee kam, per Cookie die Vorlieben der Nutzer auszuleuchten und darauf abgestimmte Werbung einzublenden. Noch heute funktioniert das sogenannte Targeting auf diese Weise. Beim Retargeting registriert etwa ein Onlinehändler, wenn ein Kunde einen Einkauf kurz vor der Bestellung abgebrochen hat. Die entsprechende Ware wird dann beim nächsten Besuch prominent eingeblendet. Beim Behavioral Targeting werden die Merkmale des Nutzers über sein Klickverhalten bestimmt. Digitalagenturen kooperieren etwa mit Websites mit Medieninhalten - auch FTD.de - und registrieren, wenn ein Leser sich beispielsweise für Autos interessiert. Bei nächster Gelegenheit wird dann eine Autoanzeige eingeblendet.
Ist das Cookie also ein Instrument wie aus einem Orwell-Roman? "Wenn das Cookie nie entwickelt worden wäre, hätten sich andere Techniken durchgesetzt", glaubt Montulli - seine Erfindung sei wenigstens halbwegs transparent. Im Browser kann jeder sehen, welche Cookies gesetzt werden, man kann sie blockieren oder löschen. Zudem seien die Daten eben die Währung, mit der Nutzer im Internet für Inhalte bezahlen. "Man könnte ja ein Gesetz erlassen, das Cookies komplett verbietet. Aber dann würden kaum Unternehmen ihre Texte, Fotos und Videos kostenlos ins Netz stellen."
Heute arbeitet Montulli als Chefentwickler bei Zetta, einem Datenspeicherdienst für Mittelständler; das Cookie aber bleibt sein großer Wurf. Er laufe zwar nicht durch die Bars des Silicon Valley und erzähle jedem, dass er es war, der einst das erste Cookie ins Netz gesetzt hat. Gefragt werde er trotzdem oft - und dann rede er auch darüber. "Es ist doch toll, für irgendetwas bekannt zu sein. Wenn etwas 18 Jahre lang in der Internetbranche überlebt wie das Cookie, dann muss man sagen: Wir haben damals einen sehr guten Job gemacht."