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Merken   Drucken   29.12.2009, 11:42 Schriftgröße: AAA

Jubiläum: Der Millionen-Krach bei Wikipedia

Wikipedia Deutschland feiert seinen millionsten Eintrag. Dass darin ein nahezu unbekannter US-Botaniker porträtiert wird, macht die Fans wütend.

Wir müssen uns Ernie G. Wasson als bescheidenen Menschen vorstellen. Der Gartenbauer lehrt an einem kleinen College in Kalifornien, wo er den botanischen Garten betreut und einen Ruf als Salbei-Experte genießt; an zwei Enzyklopädien hat er als Berater mitgewirkt. Dass sich die Internetgemeinde um diesen Mann zankt wie sonst um die Frage, ob Mac OS besser ist als Windows, liegt an Jürgen aus Coburg alias "JFKCom": Unter dieser Kennung stellt der Gartenfreund am Sonntag einen Text über Wasson in die deutsche Wikipedia.

Normalerweise würde dieses Liebhaberwissen kaum jemanden interessieren, wäre es nicht ausgerechnet als millionster deutscher Wikipedia-Beitrag online gegangen - eine Position, auf der viele lieber ein etwas glanzvolleres Thema gesehen hätten. An Konkurrenz mangelte es nicht: In den wenigen Minuten vor dem Erreichen der magischen Marke prasseln fast 300 Artikel auf den Wikipedia-Server ein. Wasson schlägt nur knapp den deutschen Eisschnellläufer Robert Seifert.

Es dauert keine Viertelstunde, da wird die Löschung des Exoten beantragt: "Keine Relevanz vorhanden (grenzwertig)", so die knappe Begründung von "Lukas9950" aus Kärnten. Relevanz - das ist ein Reizwort unter Wikipedia-Autoren. Ein mittlerweile 30-seitiges Werk regelt, wann Künstler und Forscher, Orte und Parteien, Brauereien und Vereine wichtig genug sind. Unverzichtbar, um die Qualität zu halten, sagen Befürworter. Demotivierend und elitär, sagen Kritiker. Beide verweisen auf die liberalere Praxis der US-Wikipedia.

Etwa 50 bis 150 Löschanträge werden jeden Tag gestellt. Was die Administratoren nicht selbst löschen, lassen sie die Nutzergemeinde debattieren - und so landet neben "Industrieanlage des VEB Hochvakuum Dresden" und "Demonstrationen gegen die iranische Regierung vom 26. und 27. Dezember" auch "Ernie Wasson" vor dem virtuellen Volkstribunal.

Das Machtwort der Administratoren

Bis in den Morgen tobt die internettypisch enthemmte Debatte. Die Bedeutung des "Baumschülers" wird bezweifelt, andere empören sich über den 13-jährigen Löschantragsteller (Hobbys: Schwimmen, Lesen, Chatten). Diskutiert wird auch, ob der millionste Beitrag automatisch relevant sei und ob die Debatte nicht beweise, dass Wikipedia.de erledigt ist.

Gleichzeitig verbeißen sich andere Autoren in Leben und Werk des Ernie Wasson, beschaffen Fotos und Geburtsdaten, prüfen Bibliothekseinträge und Firmennamen und lesen Essays des Geprüften. Nach gut 100 Änderungen und Hinweisen findet der Artikel Gnade vor den Administratoren, und sie sprechen das Machtwort: "LAE" - "Löschantrag erledigt".

Der Geehrte selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. "Sie finden mich irgendwo in der Baumschule oder im botanischen Garten", schreibt er auf seiner Website.

  • Aus der FTD vom 29.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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