Ein US-Erfinder kommt nach Schanghai, um ein Handy produzieren zu lassen. Das wird in landestypischer Manier sofort geklont. So jedenfalls sah es das Drehbuch der US-chinesischen Koproduktion "Shanghai Calling" ursprünglich vor. Die am Ende verfilmte Version ist deutlich komplexer: Da entwickelt ein chinesischer Erfinder ein Handy, das er scheinbar gegen die Abmachung mit einem US-Geschäftsmann weiterlizenziert. "Meine erste Version hätte niemals die Zustimmung der chinesischen Filmbehörde bekommen", stöhnt Drehbuchautor Daniel Hsia. "Die Liste der Dinge, mit denen ich aneckte, war sehr lang."
Der Regisseur aus Los Angeles hat sich den Wünschen der chinesischen Zensoren gebeugt. Und nicht nur er. Um einen der begehrten Slots für ausländische Filme in chinesischen Kinos zu ergattern, hechelt Hollywood zunehmend den Vorstellungen Pekings hinterher. Aus "Mission Impossible III" verschwand eine Straßenszene in Schanghai, weil den Zensoren die zum Trocknen aufgehängte Wäsche missfiel. In der Neuverfilmung des Kriegsdramas "Red Dawn" wurden aus den chinesischen Aggressoren in der digitalen Nachbearbeitung Nordkoreaner - die Liste lässt sich fortsetzen.
Hollywoods Unterwürfigkeit ist nachvollziehbar, denn der Kinomarkt in China ist verlockend. Während von 2010 bis 2011 die Einnahmen an den Kinokassen in den USA von 10,6 auf 10 Mrd. Dollar fielen, stiegen sie in China um 30 Prozent - auf 2 Mrd. Dollar. Schon jetzt ist China weltweit der drittgrößte Markt. Noch dieses Jahr, so erwartet es die China Film Association, wird er auf 2,85 Mrd. Dollar anschwellen und Japan überholen. Geht die Expansion in dieser Geschwindigkeit weiter, überholt China schon 2020 die USA.
Hollywood hat viel zu gewinnen: Obwohl die chinesische Regierung bislang nur 20 ausländische Filme pro Jahr zuließ, fuhren diese 2011 fast die Hälfte der Gesamtumsätze an Chinas Kinokassen ein. Die amerikanischen Studios bekamen aber nur 13 bis 17,5 Prozent der Einnahmen ab. Seit dem US-Besuch von Chinas künftigem Präsidenten Xi Jinping im Februar liegt der Anteil zwar bei 25 Prozent, zudem dürfen zusätzlich 14 Imax- oder 3-D-Filme auf den chinesischen Markt. Mehr ist für die nächsten Jahre allerdings kaum drin.
In der Hoffnung auf ein größeres Stück vom Kuchen setzen US-Studios nun auf Koproduktionen mit chinesischen Partnern - so können sie bis zu 40 Prozent der Einnahmen behalten. Disney will "Iron Man 3" zusammen mit der staatlichen Pekinger Filmfirma DMG Entertainment produzieren, Dreamworks Animation baut mit drei chinesischen Partnern für 330 Mio. Dollar den Ableger Oriental Dreamworks auf, Sony produziert Filme mit der China Film Group. Doch bei den Koproduktionen mischt Peking noch direkter mit.
Die Zensur geht inhaltlich weit über politisch sensible Themen wie Menschenrechte oder Tibet hinaus. Vorehelicher Sex darf ebenso wenig vorkommen wie Geister. "Über Geister soll nicht geredet werden, weil die Kommunistische Partei nicht an Geister glaubt - ein paar Ausnahmen aus der chinesischen Klassik sind aber okay", sagt die chinesische Drehbuchautorin Xiafang Mo. "Es gibt auch unausgesprochene Regeln, und die sind verhandelbar."
Doch die Staatliche Verwaltung für Radio, Film und Fernsehen (SARFT), die jeden Film vor dem Kinostart genehmigen muss, setzt harte Grenzen. Den erfolgreichsten Hollywoodfilm aller Zeiten, "Avatar", verbannten die Zensoren schon nach wenigen Tagen aus den Kinos. Das Science-Fiction-Epos zeigt das Leid von Eingeborenen, die wegen Rohstoffvorkommen von einer Militärmacht aus ihrer Heimat vertrieben werden sollen. Obwohl der Film auf einem fremden Planeten spielte, hatte die Handlung den Behörden offenbar zu viel Ähnlichkeit zu realen Umsiedlungsprogrammen der chinesischen Regierung.
Um sich Ärger und Kosten zu ersparen, setzt Hollywood auf Selbstzensur. In der chinesischen Version von "Men in Black 3" etwa musste Sony mehrere Szenen, die in New Yorks Chinatown spielten, kürzen. Der "Los Angeles Times" zufolge sagten Sony-Manager privat, sie hätten von vornherein wohl ein anderes ethnisch Viertel gewählt, wären sie sich der Sensibilitäten bewusst gewesen.
In vorauseilendem Gehorsam lassen Produzenten Chinesen betont als Retter oder Problemlöser auftreten - auch weil sie sich so ein größeres Publikum in China erhoffen. In der romantischen Komödie "Lachsfischen im Jemen" kommen chinesische Ingenieure beim Bau eines Staudamms im Nahen Osten besonders gut weg. In der Buchvorlage spielten noch gar keine Chinesen mit.
Die Verunsicherung der Amerikaner ist jedenfalls groß. "Es kommen immer wieder Leute zu mir und fragen, ob dieses oder jenes wohl durch die Zensur kommt", sagt Jamie Lai von der Pekinger Visual-Effects-Firma Base FX, die mehrere Koproduktionen mitverhandelt hat. "Aber wer weiß das schon?"
Wer sich geschickt anpasst, dem stehen alle Möglichkeiten offen. "Shanghai Calling" kommt erst am 10. August in die Kinos, aber Drehbuchautor und Regisseur Daniel Hsia arbeitet schon an seinem zweiten Film mit Drehort China. Mehrere chinesische Studios haben den in Chicago aufgewachsenen Sohn chinesischer Einwanderer umgarnt.
| Westware in Fernost |
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| Hollywood dreht ... 2011 durften Chinas Kinos nur 20 ausländische Filme zeigen. Die liefen dafür phänomenal gut: Die vier erfolgreichsten Streifen kamen aus dem Ausland; nicht chinesische Produktionen waren für knapp die Hälfte der Kinoerlöse verantwortlich. |
| ... Peking kassiert Großen Reibach machte Hollywood damit allerdings nicht - die Studios bekamen nur zwischen 13 und 17,5 Prozent des Einspielergebnisses. "Transformers 3" etwa brachte rund 140 Mio. Euro in China ein und damit etwa halb so viel wie in den USA. Paramount Pictures strich davon aber gerade einmal 24,2 Mio. Euro ein. |