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FTD-Serie: Horst von Buttlar - Die Kolumne

Auswahl und Urteil - FTD-Autoren berichten über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Merken   Drucken   20.08.2012, 09:42 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Horst von Buttlar - Es gibt keine Netzgemeinde

Das Internet hat unser Leben sehr bereichert. Aber zu viele Aktionen und Stimmen werden inzwischen überschätzt - nicht jeder Blogger, Shitstorm oder digitale Pups ist wichtig.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Julian Stratenschulte
Das Internet hat unser Leben sehr bereichert. Aber zu viele Aktionen und Stimmen werden inzwischen überschätzt - nicht jeder Blogger, Shitstorm oder digitale Pups ist wichtig.

Aber was sich dieser Vollpfosten Horst von Buttlar leistet ist dermaßen unter der Gürtellinie das man widersprechen muss. Was maßt sich dieser schmutzige kleine Intellektuelle für Hundehaufen eigentlich an. (...) Die FTD ist eine Scheißzeitung, die man wirklich niemandem empfehlen kann. Herr von Buttlar ist bestenfalls in der Lage die Höhe von Maulwurfshügeln intellektuell zu erfassen und seine sonstigen geistigen Fähigkeiten reichen kaum um das Tagesdatum zu erkennen. Jochen Hoff, duckhome.de


Horst von Buttlar leitet das Ressort Agenda.

Oft habe ich mich gefragt, was eigentlich eine Weltgemeinschaft ist. Oder wie es sich anhört, wenn sich angeblich ein Land aufregt. Oder die "Basis" von Parteien, die meiner Erfahrung nach ausschließlich "rumoren" oder "brodeln" kann. (Achtung: Die Partei, deren Basis 2013 gut drauf ist, bekommt meine Stimme!)

Horst von Buttlar leitet das Agenda-Ressort der FTD   Horst von Buttlar leitet das Agenda-Ressort der FTD

Eines der merkwürdigsten Gebilde aber ist die "Internetgemeinde". Jeder weiß natürlich, was gemeint ist - irgendwelche Menschen haben etwas gebloggt, gepostet oder getwittert. Und da man dies im Internet macht, nennen wir sie die Internet- und Netzgemeinde.

Ich lese jetzt immer öfter, dass sich die Netzgemeinde empört hat. Sie tut dies gern in Form eines "Shitstorms". Ab und zu ist sie auch "entzückt", sie spottet oder feiert etwas, meistens aber scheint sie empört zu sein.

Nun sitze ich (und Sie sicherlich auch) ebenfalls jeden Tag vor dem Computer und surfe, auch ich bin bei Facebook oder twittere sogar. Rein formal bin ich also auch Mitglied der Internetgemeinde. Auch Sie sind es.

Trotzdem kann ich mich an den meisten Tagen nicht entsinnen, empört gewesen zu sein. Sprechen wir es deshalb aus: Die Internetgemeinde gibt es nicht, sie ist ein Phantom.

Es gibt immer nur versprengte Häuflein; Blogger - mal intelligent, mal durchgeknallt -, Facebook-Gruppen zur Unterstützung der neuen Frisur eines Moderators oder den neusten Tweet eines B-Promis. Ab und zu gelingt es, aus diesen kleinen Formationen spontane größere Bewegungen zu formen, den "Shitstorm". Er ist eine Art digitaler Mob, der urplötzlich über ein Thema oder eine Person herfällt und sich wieder auflöst.

Eigentlich eine großartige Sache, vor allem wenn die Schwarmintelligenz funktioniert. Denn unsere Welt, unser Alltag ist dadurch reicher geworden. Aus allen Winkeln werden wunderbare Geschichten und Videos im Netz zusammengekarrt. Das passiert nicht nur bei der Arabischen Revolution. Sondern auch, wenn sich ein australischer Anwalt aus dem Koran eine Zigarre dreht und sie raucht.

Doch allzu oft ist die Sache problematisch: Weil jeder digitale Pups sofort zum Aufstand der empörten Netzgemeinde wird, werden viele Bewegungen im Internet überschätzt. Nicht jeder Blogger, der etwas meint oder Amok läuft, ist wichtig, trotzdem sorgt er angeblich für "Aufregung im Netz" - und schafft es sogar in die analoge Welt, etwa in die Zeitung, die "Tagesschau" (oder auf eine Nachrichtenwebsite). Manchmal haben Menschen dann aus Angst vorm Shitstorm schon mal vorab so die Hosen voll, dass sie die Finger von der Sache lassen, die sie anpacken oder sagen wollten. Am besten noch, sie entschuldigen sich bei der Netzgemeinde.

Es geht nicht darum, analoge und digitale Welt zu trennen oder eine herunterzustufen. Das wäre Quatsch. Die Übergänge sind ja inzwischen fließend. Es geht darum, in der digitalen besser einzuordnen, was wichtig ist und was nicht. Wenn ein Rentner in der Kölner Fußgängerzone auf RTL über Hundekot schimpft, sagen wir ja auch nicht, dass es einen Aufstand der Rentner gibt - oder einen der Kölner oder der Alten in NRW.

Das wäre in etwa so, als würde man den Spruch, den jemand einsam an eine Klowand schmiert, als Manifest einer neuen Massenbewegung interpretieren. Nun ist der Unterschied zwischen Netz und Klo, dass nicht 10.000 Menschen gleichzeitig auf den Topf können, um den Spruch zu bejubeln. Im Netz formieren sich die Massen in rasender, tobender Geschwindigkeit. Trotzdem ist nicht alles sofort wichtig, nur weil 453 Menschen auf Facebook das mögen. Seien wir ehrlich: Etwas auf Facebook zu mögen ist oft überhaupt kein Kriterium mehr für Relevanz, weil wir alle ständig sehr vieles mögen.

Das erinnert an die Kritik am "Embedded Journalism" in Kriegen: Da wird, so der Einwand, so mancher Schusswechsel gleich zu einer "Schlacht". Ähnlich verhält es sich im Netz. Auch da machen wir Journalisten natürlich eifrig und oft zu vorschnell mit: Sobald irgendwo "Shitstorm" steht oder sich mehr als zwei User bei Facebook zusammenrotten oder ein Tweet mit halber Pointe durch den Äther rauscht, sind wir elektrisiert: Eine Geschichte! Über wen? Richtig, die Netzgemeinde!

Die aber gibt es wie gesagt nicht, weil bei fast allen großen Themen sich immer irgendwer formiert und in Foren pöbelt: Beim Rücktritt von beliebten Politikern etwa gibt es immer sofort eine Bitte-bleib-Gruppe auf Facebook - und natürlich auch eine Du-musst-weg-Gruppe.

Ein weiteres Problem ist, dass viele das Internet als einen rechtsfreien Raum empfinden. Wenn ich Ihnen im Auto einen Stinkefinger an der Ampel zeige, können Sie mich wegen Beleidigung anzeigen - und ich muss Ihnen Geld zahlen. Zwar gibt es trotzdem viele Stinkefinger im Straßenverkehr, aber irgendwie hat doch eine Mehrheit ein grobes Gefühl dafür, was geht und was nicht.

Im Internet scheint die Masse im Schutze der Anonymität völlig enthemmt zu sein und geifert drauf los, dass man sich bisweilen fragt, ob ein DSL-Anschluss nicht besser mit einer Eignungsprüfung einhergehen sollte.

Das Netz hat Menschen eine Stimme verliehen, die bisher ungehört war. Toll, dachten wir bisher. Wie urdemokratisch. Nun ist man immer öfter erschrocken, wer sich da über was und in welcher Form austobt. Natürlich kann und will man die Tweets, Postings und Blogs nicht mehr wegdenken. Sie müssen aber besser eingeordnet werden - so wie wir es bei Demonstrationen auf der Straße und beim Stammtisch auch gemacht haben. Dieser ist auch eine Stimme, ebenfalls ungesteuert und amorph, die wir wahrnehmen, aber sehr kritisch und distanziert.

PS: Herr Hoff, jetzt sind Sie dran. Was schimpfen Sie denn dazu?

  • Aus der FTD vom 20.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 20.08.2012 15:10:15 Uhr   Robin von Locksley: @Victoria B.: Wer ist Jochen Hoff?

    Herr Hoff ist Betreiber eines Blogs,
    "http://duckhome.de/tb/index.php
    Verantwortlicher im Sinne von § 5 TMG, § 55 RfStV:
    Jochen Hoff
    Wilhelmsaue 110
    10715 Berlin
    Telefon: +49 [0] 30 43 20 39 25
    Mail: jochen[at]duckhome[Punkt]de"

    und es stellt sich in der Tat die Frage, inwieweit es zielführend ist, beleidigende Kommentare,Posts usw. zu versenden? Es fällt auf, das TN der "Netzgemeinde" unabhängig vom Thema zügig von eben diesem abkommen um zu sticheln, pöbeln o.ä., ohne weiter auf das eigentliche Thema einzugehen.
    Sind das die neuen oder ehemalige Hooligans? (zu alt zum Prügeln..), oder ist das Frust? Vielfach ist es in jedem Fall völlig sinnentleert.

  • 20.08.2012 10:51:51 Uhr   Ralf Grenzer: Die Verzweiflung des Schreiberlings
  • 20.08.2012 10:41:35 Uhr   Victoria B.: Wer ist Jochen Hoff?
  • 20.08.2012 10:35:29 Uhr   Achim: Digital != analog? Sehe ich nicht so.
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