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Merken   Drucken   25.11.2012, 17:32 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Horst von Buttlar - Weil wir sterben (und leben werden)

Keine Angst, das wird keine Abschiedsheulerei. Gut möglich, dass das Ende der FTD etwas Gutes hervorbringt: Viele erkennen endlich, dass es so nicht mehr lange weitergeht.

Horst von Buttlar leitet das Ressort Agenda der FTD.


An einem der letzten Tage meines Untergangs war ich noch draußen, für eine Geschichte. Warum, weiß ich nicht mehr. Aus Trotz, aus Stolz, aus Neugier? Jedenfalls schrieb mir mein Gesprächspartner eine E-Mail: "Ich hole Sie ab. Warten Sie am Terminal 1 im Bereich A auf der Abflugebene. Nehmen Sie eine FTD unter den Arm, dann verfehlen wir uns nicht."

Was für ein wunderbares, trauriges Erkennungszeichen! Meine Zeitung unter dem Arm, ein stummes Symbol, Insignien des letzten Aufgebots.

Auch früher hätte ich das Zeitung-unter-den-Arm-Klemmen wohl auf meine Liste der vom Aussterben bedrohten Tätigkeiten gesetzt (auf der unter anderem stehen: 1. Abspänne anschauen, 2. Menschen aus Zügen winken, 3. Kleine Briefe auf Kommoden legen, 4. Auf jemanden warten und nicht wissen, wie lange man warten muss, 5. Sich auf Urlaubsfotos freuen, wie sie geworden sind).

Horst von Buttlar leitet das Agenda-Ressort der FTD   Horst von Buttlar leitet das Agenda-Ressort der FTD

Nun ist die FTD bald Geschichte. Als Wirtschaftsjournalisten müssen wir das verstehen, schließlich haben wir jahrelang der Welt erklärt, warum Quelle, Neckermann oder Q-Cells kein Geschäftsmodell haben. Es gibt einen kleinen Unterschied: Wenn ein Baumarkt verschwindet, kaufen Sie Farbe und Nägel beim nächsten Baumarkt. Wenn eine Zeitung stirbt, stirbt ein Geist, verstummt eine Stimme. Sie wird nie wieder so erklingen, selbst wenn die Redakteure bei anderen Medien arbeiten und schreiben werden. Das ist traurig und zugleich eine hoffnungsfrohe Erkenntnis.

Was über die FTD in den vergangenen Tagen in Leserbriefen stand, war überwältigend. Es hat uns in den schwersten Stunden Trost, Halt und Stolz gegeben. Was aber geschehen ist, ragt über die FTD hinaus: Gut möglich, dass in vielen Leserköpfen in den vergangenen Tagen etwas passiert ist. Ein Gedanke wächst, dass es so nicht mehr lange weitergeht.

Es gab Leser mit schlechtem Gewissen, viele ahnen nun, dass jedes Umsonst eine unscheinbare aber unaufhaltsame Hinrichtung ist. Innerhalb von wenigen Wochen sind von sechs überregionalen Zeitungen zwei am Ende. Wir sterben. Vielleicht war das im Rückblick der Tipping Point.

Der Satz, dass Qualitätsjournalismus wichtig ist, soll hier nicht wiederholt werden - er ist zu oft gesagt worden und wird in unserer Branche inzwischen übers Rückenmark prozessiert. Der lachsrosa Liebessturm hat etwas gezeigt, das für alle Medien ein Signal der Hoffnung ist, selbst wenn wir den emotionalen Untergangsbonus mal abziehen: Viele Marken unserer Branche werden gemocht. Sie sind Teil des Lebens der Leser. Ja, es gibt Fans da draußen, sogar Hardcorefans. Wir sind Wegbegleiter, Richtungsgeber, Inspiratoren, Nervensägen, Gefährten. Der Frontalunterricht, den Medien jahrzehntelang betrieben haben, ist zwar vorbei. Auch die so genannte Netzgemeinde ist nicht so treulos und flüchtig, wie wir gedacht haben. Unsere Produkte haben Bindekraft. Wir sind gewollt.

Zu lange hat sich die Branche panisch darauf fixiert, ob und wie wir die Leser auf Papier, im Netz oder auf ihren Smartphones erreichen. Jetzt sagen die Leser: Ihr wart an unserer Seite - und wir an eurer. Wo, ist zunehmend egal, ihr wart meine erste Website im Büro, ihr wart meine App in der U-Bahn, wir haben euch am Frühstückstisch geteilt und eure Leitartikel diskutiert. (Ja, es gibt doch noch Familien, die morgens frühstücken und sich eine Zeitung teilen!) Unsere Produkte sind fester Bestandteil eines Alltags. Die FTD wird nicht nur als Zeitung fehlen. Sondern als Website, als Newsletter, als App.

Für alle, die sagen, dass damit noch kein Cent geflossen ist: Ja, das ist richtig. Aber es gibt viele Produkte, die müssten erst mal einen Haufen Geld ausgeben, um so begehrt zu sein. Hinzu kommt: Viel mehr Leser sind offenbar bereit zu zahlen. Nach den vergangenen Wochen dürfte sich die Zahl vergrößern. Wir müssen den Lesern nur mehr zutrauen.

Der harte Überlebenskampf mag weitergehen, aber in den Köpfen der Leser und auch von Journalisten hat sich etwas verändert. Als Erstes sollten wir aufhören, unsere Bezahlpläne ständig als Strafe zu beschreiben. Da werden Mauern hochgezogen und sollen Schranken fallen; das klingt nach ausschließen, aussperren, verbannen. Nicht ohne Grund spricht die "New York Times" längst von "gateways", also Pforten, Eingängen.

Wir neigen dazu, alle Entwicklungen, die uns bewegen oder zu schaffen machen, auf Ewigkeit in ihrer Dynamik fortzuschreiben. Recht oft aber nimmt die Dynamik ab, zu jeder Bewegung gibt es eine Gegenbewegung. Vielleicht rufen wir in zehn Jahren die "Ära der neuen Tiefe" aus, weil unser Gehirn im Infostream kapituliert hat. Vielleicht werden wir in 20 Jahren über unser Ende lächeln, weil unsere Marken vor Kraft strotzen, weil der Kampf um Bezahlmodelle nur ein qualvoller Übergang war - die Musikbranche hat es so erlebt.

Ich habe zumindest eine dunkle Ahnung, dass Form und Intensität unseres heutigen Konsums nicht ewig Bestand haben können. Das wird durch bewusstes Abschalten ergänzt werden - weil der Dauerstrom eines nicht kennt: das Fazit, die Bilanz. Das ganze Leben ist in Zyklen und Einheiten organisiert, nach denen sich unser Körper und Geist richten: 24 Stunden, sieben Tage, zwölf Monate, 365 Tage. Neben dem Infostrom, der der uns rund um die Uhr begleitet, der erhellt, begeistert, nervt, quält, unterhält - der aber nie abreißt und dessen Hierarchisierung oft in Minuten zerfällt -, brauchen wird die periodische Form der Information. Den Cut, die Zäsur, den Schluss mit der Festlegung, was nun wirklich passiert ist und was wichtig war.

Mir persönlich ist es egal, ob Sie diese Kolumne gerade auf Papier oder auf Ihrem iPhone lesen. Ich erscheine in ferner Zukunft auch gerne als Hologramm an Ihrem Frühstückstisch und lese Ihnen den Kram vor. (Sie können mich auch auf den Kindersitz streamen.) Hauptsache, wir finden einen Weg, dass ich Sie erreiche und ich gleichzeitig davon leben kann.

Warum also war ich neulich noch unterwegs? Ich habe es sogar zu dem Gesprächspartner gesagt: "Diese Geschichte wird erscheinen. Ich weiß nicht, ob auf rosa Papier. Aber ich werde sie erzählen." So einfach ist das. Diese Geschichten sind da, und wir werden sie erzählen, egal wie und wo. Weil wir es müssen.

  • Aus der FTD vom 26.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 02.12.2012 19:27:19 Uhr   Remigius Brenner: Hi Horst

    Las mich Markershausen wieder pachten.
    Gruß Remigius

  • 27.11.2012 00:15:02 Uhr   focus: @Abronzius
  • 26.11.2012 20:28:40 Uhr   Abronzius: FtD Ende
  • 26.11.2012 15:11:43 Uhr   Carmen Rinkler: Ja, das Ende der FTD könnte etwas auslösen
  • 26.11.2012 13:46:10 Uhr   Kunstfreund: Die FTD ist tot.
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