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Merken   Drucken   09.10.2012, 16:19 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Schluss mit der Selbstzensur

Die "New York Times" stoppt die Praxis, Zitate autorisieren zu lassen. Das ist vorbildlich. Deutsche Medien sollten folgen.
© Bild: 2012 Reuters/SHANNON STAPLETON
Kommentar Die "New York Times" stoppt die Praxis, Zitate autorisieren zu lassen. Das ist vorbildlich. Deutsche Medien sollten folgen.

Klaus Max Smolka ist Korrespondent der FTD in Frankfurt.

Die "New York Times" schafft eine Unart ab, die sich offenbar auch in Amerika ausbreitet - und in Deutschland gang und gäbe ist. Interviewpartner der Zeitung erhalten künftig keine Gelegenheit mehr, Zitate nach dem Gespräch zu "autorisieren". Mit dieser Vorgabe beendet die Chefredakteurin eine Praxis, die die gesamte Presse in Misskredit bringt.

In Deutschland machen es die meisten großen Printmedien bisher so: Der befragte Politiker oder Vorstandschef bekommt seine Aussagen noch mal zu lesen, bevor sie in Druck gehen. Das kann sinnvoll sein, um Fakten zu prüfen, Missverständnisse oder Hörfehler des Journalisten auszuschließen. So war das mal gedacht.

Doch dabei ist es nicht geblieben. Politiker, Wirtschaftslenker, PR-Leute missbrauchen die Faktenkontrolle längst für ihre eigene Agenda. Ständig kommen Fälle vor, in denen sie Aussagen zurückziehen oder verwässern. Da hat der Interviewte dann die Wahrheit gesagt - und die darf so nicht raus. Und die Presse, jedenfalls ein großer Teil, lässt das durchgehen!

Zur Klarheit: Es geht hier nicht um Hintergrundtreffen, bei denen jemand unter dem Siegel der Vertraulichkeit spricht. Sondern um Interviews, bei denen klar ist: Der Befragte spricht offiziell. Meist bei laufendem Band, also ganz buchstäblich "on the record".

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Opfer eins der "Autorisierung" ist die Sprache: Jeder kennt die verschwurbelten Statements in vielen Interviews - nachgearbeitetes PR-Gewäsch, das kein Mensch aus Fleisch und Blut je sprechen würde.

Opfer zwei ist der Respekt vor dem Interviewpartner. Wir reden hier nicht über Passanten in der Fußgängerzone, die man eben mal nach ihrer Meinung befragt. Sondern um hoch bezahlte Profis, die in speziellen Medientrainings eingebimst bekommen, wie sie ihre Botschaften rüberbringen. Ein DAX -Vorstandsschef mit 4 Mio. Euro Jahresgehalt, der nach einem Interview nicht mehr zu seinen Aussagen steht? Der sich also nicht ausreichend konzentriert hat? Der einen PR-Aufpasser braucht, um ganze Passagen rausstreichen zu lassen? Kläglich.

Opfer drei ist das Ansehen der Presse. Das fängt bei den Geschäftspartnern an. Mancher PR-Berater gibt zu verstehen, dass er die Zitatenorgie selbst verachtet. "Aber bei den Klienten hat sich herumgesprochen, dass die Presse das mit sich machen lässt - also wollen die das dann auch", sagt einer. Noch schlimmer für die Presse ist der Ansehensverlust beim Bürger. Das Prozedere bei einem Printinterview kann er naturgemäß nicht verfolgen. Vor einiger Zeit bekam er aber im Fernsehen vorgeführt, wie das Prinzip aussieht: Der Satiriker Martin Sonneborn interviewt für die "Heute-Show" einen Pharmalobbyisten. Der verheddert sich vor laufender Kamera in Aussagen, die wahr sind, aber dem Verbandsinteresse widersprechen - über asiatische Billigimporte etwa, die genau so sicher seien wie deutsche Produkte. Sein PR-Mann bessert dann politisch korrekt nach.

Später wird es Streit darum geben, ob Sonneborn sich das Vertrauen der Pharmaleute erschlichen habe. Wie dem auch sei: Desavouiert hat der Satiriker nicht allein die Pillenindustrie, sondern auch die Medien. "Schon traurig. Man muss sich ,Witznachrichten‘ anschauen als Ersatz für Kampagnenjournalismus und Hofberichterstattung", schreibt ein Kommentator auf Youtube, wo das Video noch zu finden ist. Er führt so ein viertes und das größte Opfer des Zitatenkampfs an: die Kontrollfunktion der Medien.

Befürworter der Autorisierung machen geltend, manche Journalisten rissen Zitate aus dem Zusammenhang. Das stimmt. Aber Zitatenabgleich ist dann ohnehin nicht die Lösung, weil böswillige Journalisten ihren Text so oder so auf ihre Linie bürsten. Um dem Einwand Rechnung zu tragen, könnten Zeitungen aber das Gesamttranskript eines Interviews begleitend online stellen. Für den Faktencheck wiederum hat sich bewährt, Daten im Zweifel telefonisch noch einmal zu überprüfen - ohne dass die andere Seite dann noch an Dreh und Inhalt herumdoktern kann.

Klar, die Medien haben Angst um ihren Zugang zu den Wichtigen und Mächtigen. "Wir werden Interviews verlieren", prognostiziert auch die "New York Times". Aber ist das schlimm? Zum einen kommen gute Journalisten auch anders an ihre exklusiven Geschichten. Zum anderen sollte die Presse etwas Selbstbewusstsein zeigen, auf Augenhöhe agieren. Es gilt ja nicht nur "Vorstandschef X gab Zeitung Y ein Interview". Sondern auch "Zeitung X gab Vorstandschef Y (Platz für) ein Interview". Wenn die Presse einmal konzertiert sechs Monate auf Interviews verzichtete, kämen Politiker und Wirtschaftsbosse vermutlich schnell zurück - ohne das Diktat der Bedingungen.

Ein Kollege schrieb kürzlich, ohne das System der Autorisierung würden die PR-Leute halt alles zum Hintergrundgespräch deklarieren - und dann einzelne Zitate offiziell freigeben. Der Einwand ist berechtigt. Goldman Sachs und Siemens griffen schon auf diesen Trick zurück, um so ganze Presserunden zu kontrollieren, bei denen bisher Autorisierung unüblich ist.

Um solche Details muss man sich in der Tat noch Gedanken machen. Wichtig aber ist der erste Schritt: dass die Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Verlegerverbände prinzipiell beschließen, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Daher hier ein Aufruf an die Presse: Folgen wir der "New York Times". Setzen wir uns zusammen, um zu beraten, wie wir dem Missstand ein Ende setzen.

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  • FTD.de, 09.10.2012
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Kommentare
  • 10.10.2012 21:33:29 Uhr   rike mayer: PR-Farce oder Interview

    Der Verzicht auf die Autorisierung birgt faire Chancen zur Rückkehr einer Maxime: "zuerst denken - dann reden" ...

  • 10.10.2012 21:08:29 Uhr   LeMonsieurD: Pressefreiheit
  • 10.10.2012 09:57:03 Uhr   Hermann Junghans: wessen Interesse ?
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