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  FTD-Serie: Ifa 2006



Die Internationale Funkausstellung in Berlin (Ifa) findet erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder jährlich statt. Auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik tritt sie zunehmend in Konkurrenz zur Cebit. Die FTD zeigt die neusten Trends und Nachrichten.

Merken   Drucken   05.08.2006, 10:00 Schriftgröße: AAA

Nachrichten umsonst

Amateure mit Foto-Handys, Digitalkameras und Mini-DV-Camcordern haben dank Internet die Nachrichtenwelt schneller und stärker verändert als einst das Fernsehen. Jetzt versuchen die etablierten Medien davon zu profitieren: "CNN" sendet Amateuraufnahmen - ohne dass es den Sender etwas kostet. von Nicolai Kwasniewski (Hamburg)
"Waren Sie ein Augenzeuge? Passiert vor Ihren Augen etwas? Zücken Sie Ihre Kamera und schicken sie einen I-Report an ‚CNN'" So fordert der US-amerikanische Nachrichtensender seine Zuschauer auf der Website auf, Inhalte wie Fotos, Tonaufnahmen oder Videos zu liefern. "CNN Exchange" nennt sich die Erweiterung der "CNN-Community" und ist das jüngste Beispiel für eine Entwicklung, die im Internet begann und mittlerweile ihren Weg in viele klassische Medien wie Zeitung, Hörfunk oder Fernsehen findet.
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Abgabe aller Rechte
"CNN" hat erkannt, dass die passiven Zuschauer auch Inhalte in Form von Videos und Fotos liefern können, auch aus Krisenregionen der Welt. Die als "I-Report" gekennzeichneten Zuschauer-Einsendungen werden für das eigene Programm verwendet. Auf der Homepage wird in ein paar kurzen Absätzen beschrieben, wie man fotografiert, filmt und Töne aufzeichnet. Fotos werden auf der Homepage von "CNN" veröffentlicht, Filmaufnahmen werden, wenn sie den Ansprüchen des Senders entsprechen, auch gesendet. Bezahlt wird für die Leistung allerdings nicht.
In den meisten Fällen muss der "Bürgerreporter" alle Verwertungsrechte an den jeweiligen Käufer abgeben. Die Nutzungsbedingungen von "CNN" sind da sehr deutlich. Genauso sieht es aus beim Sender "N24", der immerhin den Namen des Einsenders bei der Ausstrahlung nennt. Für das Material gibt es aber kein Geld, ebenso wie für Weiterverkauf oder -verwendung durch andere Medien. Vorsorglich sichert man sich hier wie dort mit der Formulierung ab: "Der Einsender garantiert mit dem Einsenden des Materials, dass weder bei der Herstellung noch bei der Ausstrahlung des Materials Rechte Dritter verletzt werden, die zu Ansprüchen gegen N24 [CNN] führen können."
Indymedia.org
Die Berichterstattung durch Nicht-Journalisten über Ereignisse ist in Deutschland unter dem Stichwort "Graswurzel-Journalismus" bekannt. International wurde der englische Begriff "citizen journalism" geprägt. Diese Art der Berichterstattung über Ereignisse von überregionalem oder internationalem Interesse ist, so sehen es die Befürworter, unmittelbar, schnell und persönlich. Vor allem sind Nicht-Journalisten aber unabhängig von Redaktionsleitlinien, Werbekunden und ähnlichen Beschränkungen.
Eines der ältesten Portale für Graswurzel-Journalismus ist die Website von Indymedia. Das "Independent Media Center", wurde für die Berichterstattung über die WTO-Verhandlungen in Seattle 1999 gegründet. Unabhängig, aber auch tendenziös und kommentierend ist Indymedia und gibt das offen zu. Der Einsatz von vielen Graswurzel-Journalisten mit Mini-DV-Camcordern oder digitalen Fotoapparaten führte dazu, dass auf der Website von Indymedia so schnell und gründlich über Vorfälle bei Demonstrationen berichtet wurde, dass selbst "CNN" das Projekt überschwänglich lobte. Bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 war die italienische Polizei so besorgt über das "unabhängige Medienzentrum" Indymedia , dass sie kurzerhand in dessen temporäres Hauptquartier, Computer beschlagnahmte oder zerstörte und zahlreiche "Mitarbeiter" festnahm.
Etablierte Medien sträuben sich
Diese Art der semi-professionellen Berichterstattung hat sich seitdem vor allem dank des Internets vermehrt und findet eine schnell wachsende breite Öffentlichkeit. Die technischen Voraussetzungen sind so günstig geworden, dass professionelles Arbeiten zumindest auf der technischen Ebene für nahezu jeden möglich ist, auch wenn wenige der Schreibenden, Filmenden und Fotografierenden eine journalistische Ausbildung haben.
Etablierte Medien haben sich gegen diese Art von Bürgerbeteiligung lange gesperrt, ihre Gründe sind einfach: Bei einem Unbekannten lässt sich für eine Redaktion nicht einschätzen, ob er unabhängig ist oder im Auftrag einer Interessengruppe handelt. Die Qualität ist häufig nicht so gut, dass sie redaktionellen Ansprüchen gerecht würde und häufig wird die analytische Fähigkeit von Nicht-Journalisten angezweifelt.
OhmyNews.com
Mit der enormen Verbreitung von Weblogs, die - gerade in den USA - zunehmend auch eine journalistische Relevanz bekommen, ändert sich das. Zahlreiche Websites publizieren Texte von Bürgern, die über lokale oder regionale Ereignisse berichten. Seit kurzer Zeit sickert diese Art der Textverarbeitung unter dem Stichwort "user generated content" - etwa: "durch Nutzer erzeugte Inhalte" - auch in die etablierten Medien durch. In Deutschland startete jüngst die "Netzeitung" die "Readers Edition", für die eben ausschließlich Leser Texte schreiben und die von Redakteuren gelesen, redigiert und veröffentlicht werden.
Das große Vorbild der Netzeitung und ihrer Vorgänger in den USA oder Norwegen ist die südkoreanische Website OhmyNews.com. OhmyNews startete im Februar 2000 mit dem Aufruf an die Öffentlichkeit, Nachrichtenartikel einzureichen. Die Redaktion wertet die eingereichten Texte aus, bearbeitet und veröffentlicht sie. Für ein gutes Fünftel der Inhalte auf der Website sind die Redakteure verantwortlich, den Rest steuern Bürger bei. OhmyNews hat nach eigenen Angaben weit über 40.000 "Bürgerreporter" und Millionen Leser.
Bild
Die hehren Ziele des partizipativen Journalismus' bleiben bei dem Weg durch die Institutionen allerdings häufig auf der Strecke. Die "Bild"-Zeitung ruft ihre Leser dazu auf, per Foto-Handy oder Digitalkamera Bilder von Prominenten zu schießen, die sie irgendwo, am liebsten in einer peinlichen Situation, erwischen. Gerne nimmt "Bild" auch Fotos von Unfällen oder Katastrophen. Der Schnappschussjäger bekommt 500 Euro, "Bild" alle Rechte am Bild.
Kontrolle für alle
Die Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Art von Journalismus wird sehr kontrovers geführt. Welche Aufnahmen wie von wem wofür genutzt werden, liegt auch hier häufig in der Hand der großen Medien. Wenn Boulevardblätter Geld für Paparazzi-Fotos zahlen, werden sich vermutlich immer bereitwillige Schnappschuss-Fotografen melden.
Wenn ein TV-Sender private Videoaufnahmen von Kriegsverbrechen zugespielt bekommt, muss er den Wahrheitsgehalt prüfen. Wenige diskutieren über die Manipulationsmöglichkeiten beispielsweise durch wissentlich manipuliertes Material. Befürworter sprechen von einer Kontrollfunktion über Politiker, Unternehmen und Lobbys, die die Öffentlichkeit stärker übernehmen könnte. Gäbe es Fotohandy-Beweise von Schmiergeldzahlungen an Regierungsmitglieder, die zufällig von einem Unbeteiligten beobachtet wurden, stärkte das die demokratische Kontrolle, argumentieren sie.
  • FTD.de, 05.08.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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