Die Mynesto-Seite ist stylish schwarz, fast jeder hier besitzt eine riesige Wohnküche, wickelt seine Stühle in maßgeschneiderte Hussen und sorgt durch ausgeklügelte Beleuchtungskonzepte für stimmungsvolles Ambiente. Ein schwieriges Umfeld für Anfänger wie mich, die zum Beispiel lieber auf dem geerbten, rot-beige-grün gestreiften Samtsofa der Großmutter lümmeln als auf schneeweißen Sitzlandschaften. Ob die Mynesto-Community ein derartiges Verhalten akzeptieren wird? Um die Ästheten nicht zu provozieren, trage ich störende Zeitungsstapel und Krimskrams aus dem Bild, bevor ich die Fotos schieße. Außerdem unterschlage ich das entlarvende Übersichtsfoto unseres winzigen Badezimmers und präsentiere nur die schwarz-goldene Spiegelablage mit den reizenden Tütenlampen. Trotzdem wirkt unser "Objekt" ziemlich klein neben den kühlen Wohnzimmern und durchdesignten Badeoasen, für die sich die Mynesto-Mitglieder gegenseitig Lob in ihre Kommentarspalten tippen. Schon befürchte ich, wegen mangelnden Wohnstils ignoriert zu werden. Doch unser Trödelladen löst eine überraschende Welle der Nostalgie aus. Vermutlich springen die Designjünger nach jahrelanger Feng-Shui-Diät auf bunte Reize besonders stark an. Sie freuen sich über das Simpsons-Poster in der Küche und den Bruce Lee im Bad. Erinnerungen kommen hoch. User "Loggia" findet, unser Couchtisch ähnele dem Schreibtisch ihres Vaters. Und "maki" meint sogar: "Dieses Zimmer sieht genauso aus wie der Ruheraum meiner Mutter!" Selbst das Sofa sei ähnlich.
Schon auf der Startseite von "So leb ich" wird klar, dass auch kleine Farbtupfer große Akzente setzen. Eine freundliche Innenarchitektin trägt orangefarbene Perlen in Golfballgröße um den Hals und grüßt mit Albert Einstein: "Das Wertvollste im Leben ist die Entfaltung der Persönlichkeit und ihrer schöpferischen Kräfte." Das lassen sich die Mitglieder hier nicht zweimal sagen - es wird gebastelt, was das Zeug hält. "Hugo 01" hat statt eines Hirsches seinen Staubsauger zerlegt und als Trophäe an die Wand geschraubt, ein anderer User sorgt mit Geschenkpapier für Farbeffekte. Sogar Wohnspuren finden sich auf vielen Bildern: Geöffnete Post liegt auf dem Küchentisch, eine Jacke hängt über dem Stuhl. Zuversichtlich lade ich meine Bilder hoch. Um in der Sofafrage weiterzukommen, stelle ich zur Diskussion, ob es einen neuen Bezug gebrauchen könnte, und warte gespannt auf kreative Antworten. Bestimmt fehlt den anderen Nutzern die Zeit, sich mit meinen Wohnproblemen herumzuschlagen - sie entwickeln lieber neue Strategien für die Wandgestaltung. Nur die Innenarchitektin reagiert prompt, wenn einem Mitglied der Community die schöpferische Kraft ausgeht, und schickt mit Photoshop bearbeitete Varianten unseres Wohnzimmerbilds. Das Bild hängt tiefer, der Lampenschirm ist ausgetauscht. So wirke es gemütlicher. Für einen moderner erscheinenden Sofabezug empfiehlt die Fachfrau eine Kombination mit groß gemusterten Stoffen. Auf ihren Vorschlagsbildern stapeln sich bunt geblümte Kissen auf dem gestreiften Sitzmöbel. Sieht gar nicht so schlecht aus.
Wer nicht in Designerträumen schwelgen, sondern der Realität ins Auge blicken will, bekommt bei "Zimmerschau" ungeschminkte Einsichten in hiesige Wohnlandschaften: Düstere Küchen in Eichenoptik, geraffte Wölkchengardinen vor den Fenstern und Porzellanpüppchen im Regal werden unerschrocken dokumentiert. Selbstbewusste WG-Bewohner laden Küchen mit vollgekritzelten Wänden und kreischbunt gepinselten Bädern hoch. Oskar vom Zimmerschau-Team heißt jedes neue Mitglied zur Begutachtung seiner eigenen Wohnung willkommen - sie trägt übrigens die Überschrift "Wo das Chaos regiert". Oskar hat zwei merkwürdig gekachelte Badezimmer, eins in Dunkelgrün und eins in Rosa. Bei Mynesto würde er sich damit als Geschmacksverirrter outen und könnte sie bestenfalls unter dem Stichwort "Totalrenovierung" diskutieren, "So leb ich"-User würden mit knalligen 70er-Jahre-Zahnputzbechern und Oben-ohne-Bildern sehenswerte Retroperlen daraus zaubern. Nur bei Zimmerschau bleiben Oskars Badezimmer einfach, wie sie sind. Ich lade meine Bilder hoch und mache auf das Sofaproblem aufmerksam. Die Mitglieder halten sich zwar generell mit Kommentaren zurück, finden aber manch voll gerammelte Bude "total gemütlich" oder loben die schöne Farbgestaltung. Hier hat bestimmt noch jemand ein gestreiftes Samtsofa aus Großmutters Zeiten, denke ich. Darüber könnten wir dann ausführlich reden. Leider bekomme ich nur eine einzige Antwort. Ginge es nach "Vanessa", wäre ein neuer Bezug allerdings unumgänglich: "Harmonisches Miteinander kann ich leider nicht erkennen. Die ganze Wohnung müsste generalüberholt werden!"