Was ist uns die Kunst, was sind uns Inhalte im Internet wert? Diese Frage stellt sich angesichts eines digitalen Mediums, das potenziell alles umsonst verfügbar machen kann. YouTube redete sich darauf hinaus, es sei nur eine neutrale Plattform, die rechtliche Verantwortung liege bei den Nutzern. Das sieht das Gericht anders. Die Verantwortlichkeiten sind also erst einmal geklärt. Nicht aber die Bezahlung. Beträge zwischen einem und zwölf Cent fordert die Gema pro Klick. So viel sollte einem gute Kunst wert sein. Wer eher auf Dumping setzt, wird irgendwann nur noch billige Kunst bekommen.
Folgenschwerer könnte sein, dass laut Urteil Youtube das erneute Hochladen von einmal gesperrten Videos mit Filtern verhindern muss. Das soll über den Abgleich mit hinterlegten Klangproben funktionieren - und über Wortfilter. Einen solchen hat das Gericht eingefordert, obwohl der auch unbedenkliche Videos blockieren kann. So berechtigt das Interesse der Gema und ihrer Mitglieder am Schutz ihrer Rechte ist - wenn ein Gericht in Kauf nimmt, dass gänzlich harmlose Inhalte nicht mehr veröffentlicht werden, damit Inhaber von Urheberrechten präventiv vor deren Verletzung geschützt werden, dann ist das bedenklich.
Ob es Youtube nun ergehen wird, wie den illegalen Tauschbörsen für Musik und Filme, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, allerdings müssen sich die Unternehmensbosse besinnen. Denn ein Geschäftsmodell, dass die Verantwortung für echte oder vermeintliche Urheberrechtsverletzungen auf die Kunden ablädt und gleichzeitig die Lieferanten - sprich die Künstler - verhungern lässt, mag fette Gewinne und Börsenmilliarden bescheren, nachhaltig ist es nicht. Dafür haben die Richter in Hamburg gesorgt - hoffentlich nicht nur bis zur nächsten Instanz.
Die Gema hat erreicht, dass Youtube einen deutlich höheren Aufwand treiben muss, um Verstöße bei neu hochgeladenen Musikvideos zu unterbinden. Technisch dürften einige von den Richtern geforderte Maßnahmen schwer zu lösen sein, sagen Experten, das heißt es verursacht Kosten. Damit wächst die Chance auf die einzige sinnvolle Lösung: dass sich Youtube und Gema endlich auf ein Lizenzmodell einigen, das für beide Seiten tragbar ist. Youtube zahlt an die Gema Lizenzgebühren, die Nutzer können alle Videos sehen - und die Künstler bekommen mehr Geld. Eines hat das Urteil aber bewiesen: Anders als von Politikern gerne behauptet ist das Internet schon lange kein rechtsfreier Raum mehr.
Nach diesem Urteil des Landgerichts Hamburg dürfen sich die Rechteverwerter die Hände reiben - wie lange, ist fraglich. Denn die Entscheidung ist weder rechtskräftig noch wird sie eine Debatte aufhalten, in der nicht zuletzt die aufstrebende Piratenpartei eine wichtige Rolle spielt: Ist das Urheberrecht noch zeitgemäß? Es hilft nicht, sich an Strukturen zu klammern, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, als die Verwerterbranche notwendiges Bindeglied zwischen Künstlern und Publikum war. Ein lukratives Geschäftsmodell, das vom Internet ins Wanken gebracht wird, nicht nur zur Freude jener, die nicht bereit sind, für Kunst zu bezahlen, sondern auch so mancher Band, die das Netz als PR- und Vertriebsweg entdeckt hat - an den Bossen der Musikindustrie vorbei.
YouTube muss nach diesem Grundsatzurteil künftig alle rechtlich geschützten Werke von seiner Plattform verbannen, wenn eine Beschwerde vorliegt. Zur Einordnung: Die Gema hat satte acht Millionen Lieder im Portfolio. Die Musikindustrie jubelt bereits. Die Gema hat in den weiteren Verhandlungen mit YouTube um die Vergütung von Musiktiteln nun ein echtes Faustpfand in der Hand. Auch die großen Plattenlabel sind in Deutschland gegenüber Netzgiganten wie Google, Amazon und Apple mit einem Schlag erstarkt. Das Urteil hat enorme Strahlkraft. YouTube ist nicht irgendein mittelständisches Netz-Unternehmen, sondern Teil des Internetriesen Google. Ein guter Tag für alle, die ihr geistiges Eigentum schützen müssen. Ein guter Tag für Schriftsteller, Musiker, Kabarettisten und Journalisten.