Lea Pische und Edwin Hermawan haben den Frust zum Geschäft gemacht. Er sei jeden Morgen aufgeschreckt, wenn er eine neue E-Mail bekommen habe, erzählt Hermawan. "Und meistens war es dann nur ein dämlicher Gutschein für eine Zahnreinigung." Die beiden New Yorker gründeten Unsubscribedeals.com, eine Seite, die das Postfach von den Massenmails der Gutscheinportale befreit.
"Wenn Sie bei sechs oder sieben Diensten gleichzeitig angemeldet sind, kann es schnell unübersichtlich werden", meint der 27-jährige Gründer. Der Frust scheint ihm recht zu geben: Gut drei Monate nach dem Start hat die Seite 10.000 Kunden.
Es ist eine große Gutscheinmüdigkeit eingetreten. Die Wachstumsraten bei den Portalen sind eingebrochen, in der zweiten Jahreshälfte 2011 haben nach Angaben des Fachblogs Daily Deal Media 798 Anbieter geschlossen. "Die Daily-Deal-Branche, wie sie derzeit existiert, ist eine sterbende Industrie", sagt Rafi Mohammed, Experte für Preisstrategie bei der Beratungsfirma Pricing for Profit.
Dabei war der Pionier der Branche, Groupon , für sein Geschäftsmodell einst gefeiert worden. Händler rund um die Welt hofften auf eine Werbemöglichkeit, Kunden auf Rabatte und die Portale auf stetigen Geldfluss. Innerhalb kürzester Zeit blähte sich die 2008 gegründete Firma auf 37 Millionen aktive Nutzer und 250.000 Werbekunden in knapp 50 Ländern auf und inspirierte Hunderte Klone.
Doch die Begeisterung ist abgeklungen. Als die ersten Portale gestartet seien, so Mohammed, hätten sie sehr gute Angebote gehabt. "Wenn man jetzt die E-Mails liest, sind fast nur noch Haarentfernungen und Massagen dabei." Das lockt kaum noch Neukunden: Bei Marktführer Groupon ist die Zahl der aktiven Nutzer zuletzt nur noch um drei Prozent gestiegen.
Inzwischen häufen sich Berichte frustrierter Kunden, die ihre Gutscheine nicht rechtzeitig einlösen konnten oder schlecht behandelt wurden. Händler beschweren sich, dass sie bei den Geschäften Verluste machen, weil Schnäppchenjäger nur den Mindestbetrag ausgeben und nicht wiederkommen. Berichte, dass sich die Anbieter von Gutscheinen nicht an Abmachungen halten und etwa die mit einem Händler vereinbarte Zahl von Coupons ohne Rücksprache überschreiten, haben die Branche zusätzlich in Verruf gebracht.
Auch die Investoren zweifeln offenbar an dem personal- und kostenintensiven Geschäftsmodell. Zwar konnte Groupon zuletzt zum ersten Mal seit Firmengründung einen leichten Gewinn verzeichnen. Der Börsenwert ist seit dem Debüt im November aber um 80 Prozent auf 3 Mrd. Dollar gefallen. 2010 hatte die junge Firma ein Angebot von Google über 6 Mrd. Dollar noch ausgeschlagen.
Besser sieht es auch bei der Konkurrenz nicht aus. Die Nummer zwei am Markt, Living Social, meldete zuletzt einen Verlust von 93 Mio. Dollar. Drei Spitzenmanager mussten im Juli gehen, das Unternehmen, an dem Onlinehändler Amazon zu einem Drittel beteiligt ist, hat umfangreiche Sparmaßnahmen angekündigt.
Am Wochenende bestätigte auch Google Medienberichte, wonach man zahlreiche Stellen bei der deutschen Konzerntochter Daily Deals streichen wolle, die das US-Unternehmen erst im vergangenen Jahr für 114 Mio. Dollar gekauft hatte.
Die Eintrittsbarrieren in den Markt seien zwar gering, kommentiert Internetanalyst Daniel Kurnos von Benchmark Company. "Aber umso höher sind die Barrieren auf dem Weg zum Erfolg."
Jetzt reagieren die Portale. Der Branchenverband Global Daily Deal Association hat im Sommer einen Verhaltenskodex veröffentlicht, der Standards zu Datenschutzfragen oder Rückgaberechten festlegt. "Der Kodex wird helfen, den Ruf der Branche bei den Verbrauchern und bei den Händlern zu verbessern", heißt es in dem Schreiben des Verbands.
Währenddessen experimentieren die Anbieter mit Methoden, wie sie genauere Nutzerdaten sammeln und Angebote besser zuschneiden können, um seltener als lästiger Spam wahrgenommen zu werden. Groupon macht über das Handy lokale Angebote aus der direkten Umgebung. In den USA arbeiten die Portale an Systemen, die Kunden belohnen, wenn sie mehrfach beim selben Händler zuschlagen, und an Terminplanern, die vermeiden sollen, dass die Läden von Schnäppchenjägern überrannt werden. So sollen frustrierte Händler milde gestimmt werden. "Die Branche befindet sich noch immer in der Lernphase", sagt Analyst Kurnos. Das Sterben der kleinen Wettbewerber sei noch nicht vorbei. Aber große Anbieter wie Groupon, Amazon und Google würden sich mit reiferen Modellen am Markt halten.
Auch Edwin Hermawan glaubt nicht, dass das Ende der Deals bevorsteht. "Ich wäre sehr überrascht, wenn wir mit unserem Dienst Groupon zu Fall brächten", so der 27-Jährige. Inzwischen hat Hermawan seinen Service ausgeweitet - und bietet nun neben der kompletten Löschung eine wöchentliche Zusammenfassung.