Im November 2011 ging Groupon voller Hoffnung an die Börse. Ein halbes Jahr später ähnelt der Kursverlauf einer Skipiste: Es geht immerzu bergab, oft ziemlich steil. Am Freitag schloss das Papier bei 8,44 Dollar auf einem Rekordtief. Wechsel im Management gab es zuletzt, Berichte über unzufriedene Kunden. Was derzeit zu hören ist über das Gutscheinportal, das einst völlig neue Werbemöglichkeiten im Internet erschloss, klingt nach einer Katastrophe. Auch wenn man das bei Groupon selbst natürlich anders sieht.
Jens Hutzschenreuter ist erst seit ein paar Tagen Chef für Zentraleuropa bei Groupon, aber seit Jahren im Unternehmen. Spricht man mit ihm über sein Geschäft, ist von tieferer Besorgnis wenig zu spüren. "Wenn ich den Begriff ‚Auflösungserscheinung‘ höre, nehme ich das mit einem Schulterzucken hin", sagt er der FTD. Seinen neuen Posten bekam er im Zuge der Personalrochaden der vergangenen Wochen: Zwei deutsche Geschäftsführer verließen das Unternehmen im Juni, bereits im April kündigte Internet-Investor Marc Samwer seinen Abschied als Chef für das internationale Geschäft an. Vor wenigen Tagen ließ Mitgründer Eric Lefkofsky verlauten, er werde sich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Klingt viel für ein paar Wochen, gerade zum jetzigen Zeitpunkt. "Ich kann verstehen, wenn man danach fragt", sagt Hutzschenreuter zu den Umbrüchen. "Aber ich sehe keinen tieferen Zusammenhang."
Es ist noch nicht lang her, da wurde das 2008 gegründete Startup verglichen mit dem Internethändler Amazon . Groupon, so glaubte man, könne Plattform sein für alle Kleinunternehmen dieser Erde - und damit eine Goldgrube. 2010 schlug die Firma ein Übernahmeangebot von Google in Höhe von 6 Mrd. Dollar aus. Man glaubte, es sei viel mehr möglich. Inzwischen zweifeln Investoren an der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells, obwohl Groupon im Mai erstmals einen Quartalsgewinn verkündete.
Besonders der Rückzug Marc Samwers ließ aufhorchen. Er wolle sich verstärkt anderen Projekten widmen, hieß es. Seit 2009 sind die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer an Groupon beteiligt, ihren kompletten Rückzug gab das Unternehmen sogar einst als mögliches Risiko bei der US-Börsenaufsicht an. Hutzschenreuter verweist darauf, dass Marc und Oliver Samwer Groupon weiterhin beraten. "Es ist nicht abzusehen, dass sie sich komplett zurückziehen", sagt er.
Doch die Bedenken einiger Analysten gehen tiefer. Mit über 250.000 Partnerunternehmen in 48 Ländern arbeitet Groupon nach eigenen Angaben zusammen und zählt 37 Millionen aktive Nutzer. Trotzdem hat sich der Wert des Papiers seit dem Börsengang halbiert. Der Hype sei vorbei, das Modell von Groupon werde überall kopiert, in Deutschland etwa vom Konkurrenten Dailydeal, meinen Kritiker. Die Eintrittsbarrieren in den Markt seien niedrig, Groupon nichts anderes als ein großer E-Mail-Verteiler. Dass die Börsenaufsicht mehrfach die Bilanzierungsmethoden bemängelte, half nicht unbedingt.
Für Groupon würden die Marke und die Größe sprechen, hält Hutzschenreuter dagegen. "Natürlich kann man uns kopieren, viele haben das ja auch versucht", sagt er. "Aber es ist doch ein Vorteil, wenn man in 160 amerikanischen Städten vertreten ist und nicht nur in einem Dutzend. Bei unserer Größe können wir es uns leisten, in Technologieentwicklung zu investieren."
Als Wert sieht er die Kontakte zu den Händlern, die Groupon in den vergangenen Jahren aufgebaut habe - und die nun umfassender genutzt werden sollen, etwa durch die App, die Groupon zufolge schon 26 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Sie soll dem Nutzer per Ortung anzeigen, wo in der Nähe etwas billiger zu haben ist. In den USA gibt es seit Kurzem ein neues Buchungssystem, bald soll es auch in Europa kommen. Es gebe viel Potenzial.
Dennoch: Die Facebook-Seite des Portals ist voll von Beschwerden enttäuschter Kunden, bei denen ein "Deal" nicht wie versprochen funktioniert hat. Bedauerliche Einzelfälle seien das, meint Hutzschenreuter und spricht von einer "Medienlogik", nach der nur schlechte Nachrichten interessant seien. "Man kann das vergleichen mit dem Flugverkehr", meint er. "Da wird auch über den einen Fall berichtet, in dem ein Triebwerk ausfällt, aber nicht über die 99,5 Prozent erfolgreichen Starts und Landungen."