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Merken   Drucken   22.11.2012, 09:35 Schriftgröße: AAA

Rocket Internet der Samwer-Brüder: Kopierweltmeister des Netzes

Lange hinkten die Deutschen im Internet hinterher. Inzwischen versteht es keiner so gut wie sie, digitale Geschäftsmodelle zu exportieren. Rocket Internet, die Start-Up-Fabrik der Gebrüder Samwer, zeigt sogar den Amerikanern, wie man neue Märkte erobert.
von Berlin und São Paulo

Rodrigo Sampaio ist der typische Rocket-Internet-Mann: Stoffturnschuhe von Converse, Jeans, aufgekrempelte Hemdsärmel. Er war in Harvard, unter den besten fünf Prozent seiner Abschlussklasse, hat bei McKinsey gearbeitet. Nun sitzt er in São Paulo, Turm C eines Bürokomplexes, in einem kahlen Büro und steuert die Expansion des Imperiums von Rocket Internet in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte. An der Wand hängt ein schwarz-weißes Poster: "Keep calm, work hard and stop mi mi mi", steht darauf. Bleib ruhig, arbeite hart und hör auf zu jammern. Sampaio wird an diesem Abend noch lange keine Anstalten machen, seinen Arbeitstag zu beenden. Es gibt viel zu tun in Brasilien.

Alexander Kudlich treibt als Chef der Beteiligungsgesellschaft der ...   Alexander Kudlich treibt als Chef der Beteiligungsgesellschaft der Samwer-Brüder die internationale Expansion voran

Rocket Internet, das ist die Startup-Fabrik der Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer, Deutschlands erfolgreichste Internetunternehmern. Angefangen haben sie Ende der 90er-Jahre mit Alando, einer Kopie des Internetauktionshauses Ebay  für den deutschen Markt. Die Seite war gerade vier Monate online, da kaufte Ebay das Unternehmen. 50 Mio. Dollar  sollen die Gründer bekommen haben. Danach kam der Klingeltonverkäufer Jamba, und spätestens nach seinem Verkauf waren die Samwer-Brüder reich. Doch sie machten weiter. Beteiligten sich an deutschen Startups und an Facebook  und Groupon . Seit 2007 steuern sie ihre Investments über Rocket Internet. Ein Company-Builder, der im Monatstakt neue Firmen erschafft - wie etwa den Schuhversand Zalando, der inzwischen mit 3 Mrd. Euro . bewertet wird.

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Die Zeiten sind vorbei, in denen die Samwers erfolgreiche Geschäftsmodelle aus den USA für den deutschen Markt klonten. Die Heimat ist ihnen längst zu klein. Die Samwers sind binnen kurzer Zeit Global Player geworden, ihre Startups erobern alle Kontinente. In vielen Teilen der Welt ist Rocket das neue Synonym für Internet made in Germany. Wo die Deutschen früher Autos und Maschinen verschifften, exportieren sie heute digitale Geschäftsideen. Und zwar schnell. Sehr, sehr schnell. Manche sagen: zu schnell, um nachhaltig profitable Geschäfte aufzubauen.

In Brasilien drückt Sampaio aufs Tempo. Die Internetnutzung wächst hier rasant. Die Geschäftsentwicklung gilt intern als Vorbild. "Wir haben diesen Handlungsdrang", sagt Sampaio, der neben Brasilien auch für den Rest Südamerikas zuständig ist. Wer bei Rocket sei, der sei Unternehmer, ein "Macher". Also treiben sie von São Paulo aus die Expansion des Handy-Bezahldienstes Payleven oder des brasilianischen Zalando-Ablegers Dafiti voran.

Von Berlin in die Welt: Niederlassungen von Rocket Internet   Von Berlin in die Welt: Niederlassungen von Rocket Internet

Ebenso schnell, wie er seine Leute die Internet-Startups hochziehen lässt, so schnell hat Oliver Samwer mit seinen Brüdern auch Rocket Internet zum Global Player geformt. In Brasilien hat Rocket 2011 das erste Auslandsbüro eröffnet. Heute sind es 29 Dependancen weltweit, dazu kommt ein eigenes Entwicklungszentrum in Portugal. Vergangenes Jahr saßen 80 Mitarbeiter in der Berliner Rocket-Zentrale, heute sind es 350. Mehr als 15.000 Menschen arbeiten inzwischen in den verschiedenen Rocket-Startups von Kanada bis Vietnam.

Zalando etwa verkauft, teils unter anderen Namen, Schuhe und Kleidung in Europa und Brasilien, Russland, Südamerika oder Indien. Die Pläne für Home24, den Möbelversand, sind ebenso ambitioniert. "Wie man Ideen clever kopiert und umsetzt, haben die Deutschen gelernt. Sie wissen, was Startups schnell wachsen lässt. Jetzt wenden sie diese Rezepte überall an", sagt der Investor Cornelius Boersch, der den Samwers als einer der Ersten Geld gab.

Die Samwer-Brüder sind zwar nicht die Einzigen, die das globale Internetgeschäft beherrschen. Die Mitbewerber heißen Team Europe, Springstar, Mountain Partners, Rebate Networks. Hinter den englischen Namen verbergen sich meist Berliner Adressen. Rocket aber spielt in einer eigenen Liga. Niemand sammelt so viel Geld bei Investoren ein wie Oliver Samwer. 750 Mio. Euro  sollen es allein dieses Jahr werden, kündigte er kürzlich an. Das reicht nicht nur, um den Jungs im Silicon Valley einen gehörigen Schrecken einzujagen, sondern auch, um weltweit bedeutende Marktanteile im Web zu erobern. Zu den wichtigsten Geldgebern der Rocket-Startups zählen die US-Bank JP Morgan  und die Investmentgesellschaften Kinnevik aus Schweden sowie Runet aus Russland.

Doch der Erfolg hat auch Neider und Kritiker auf den Plan gerufen. Rocket Internet kopiere nur und lasse eigene Innovationen vermissen, lautet ein alter Vorwurf. In diesem Frühjahr diskutierten Blogger und Betroffene im Internet den angeblich rücksichtslosen Umgang der Samwer-Brüder mit dem Personal ihrer rasch expandierenden Unternehmen Bereits zum Jahresanfang hatten einige Top-Führungskräfte Rocket Internet verlassen - offenbar, weil sie den cholerischen Führungsstil des Brudertrios nicht mehr ertragen konnten. Und die Nachhaltigkeit des Erfolgs der Samwer-Startups wird in Zweifel gezogen. Schließlich ist etwa vom einst an den Holtzbrinck-Verlag verkauften sozialen Netzwerk StudiVZ nicht viel geblieben. Und noch hat auch das jüngste Erfolgsmodell Zalando nicht bewiesen, dass es Gewinne einfahren kann, die die hohe Bewertung rechtfertigen.

Der Vorwurf, "Ihr könnt nur kopieren", sei nur ein Hilfeschrei der weniger Erfolgreichen, sagt Klaus Hommels. Der Investor ist eigentlich ein Rivale der Samwers, der unter anderem an Skype und am Musikdienst Spotify beteiligt war. "Die Deutschen haben aus der Not einfach eine Tugend gemacht und das gefunden, was sie besser machen als die Amerikaner." Den deutschen Kopierern gemein sei die Perfektion, mit der sie den Rollout des Geschäfts vor Ort betrieben. Diese Qualität hätten auch die Amerikaner erkannt.

So hat Airbnb, die milliardenschwere US-Plattform für private Zimmervermittlung, den von Hommels mitgegründeten Berliner Inkubator Springstar mit der Internationalisierung beauftragt. Die amerikanischen Gründer fürchten, dass die rasant expandierende Airbnb-Kopie Wimdu dem Original weltweit das Wasser abgräbt. Die Sorge ist berechtigt - denn hinter Wimdu steckt Rocket Internet.

"Wir haben vier Wochen von der Entscheidung bis zum Start", sagt Alexander Kudlich. Denn wenn eine Geschäftsidee in den USA funktioniere, dann arbeiteten allein in Deutschland ein halbes Dutzend konkurrierender Teams an ähnlichen Modellen. Der 32-Jährige, iPhone und Blackberry neben sich, lenkt für die Samwers das riesige Rocket-Raumschiff. Noch wichtiger als Geschwindigkeit sei aber die Erfahrung, sagt Kudlich, der einst für Zanox, eine Internet-Marketing-Tochter des Verlags Axel Springer, die weltweite Expansion organisierte. Die Mitglieder des Rocket-Managementteams hätten schon Dutzende Startups zur Marktreife geführt, da wisse jeder genau, was zu tun sei.

Sobald ein neues Startup ins Leben gerufen wird, schwirren die Spezialisten für Suchmaschinenoptimierung, Logistik, Personal, IT, Marketing aus, um den Laden zum Laufen zu bekommen. Taskforces mit Experten fliegen um die Welt. "Es gibt Teams, die 200 Tage im Jahr im Flugzeug sitzen", sagt Kudlich. Dieses modulare System könne man immer wieder verwenden, sagt Kudlich. Schließlich setze Rocket nur Geschäftsmodelle um, die überall funktionierten: "Wir machen nur Bier und Burger." Nach 100 Tagen wisse man, ob das Konzept trägt. Sechs bis neun Monate lang steuere Rocket den Aufbau der Firmen. "Dann sollen die Startups alleine laufen und von den Gründern geführt werden."

Payleven ist ein typisches Rocket-Gewächs. Die Idee stammt aus den USA. Dort hat der Twitter-Erfinder Jack Dorsey mit seinem nächsten Startup Square gezeigt, dass Bezahlen per Smartphone ein prima Geschäft ist, das in Amerika wächst und wächst, während Square den Rest der Welt fast völlig vernachlässigt. "Amerika ist ein riesiger Markt mit 350 Millionen kaufkräftigen Einwohnern. Der Drang, nach außen zu gehen, kommt erst spät", sagt Payleven-Gründer Alexander Zumdieck. Wenn US-Startups über die Landesgrenzen hinaus expandieren müssen, fehlt ihnen die Erfahrung. Diese Schwäche wollen die Deutschen mit Payleven nutzen.

Wettrennen um die weiße Fläche

Bei Rocket Internet ist die Welt von Beginn an das Ziel. Auch für Zumdieck. Studium in San Diego, Promotion in Dresden, Arbeit bei McKinsey New York. Und, wie alle Männer in dieser Geschichte, in Jeans und Hemd. So sitzt der 37-Jährige im Besprechungszimmer in einem Berliner Hinterhofbüro. Durch die Glastür fällt der Blick in ein helles Großraumbüro, in dem rund 60 junge Leute an langen Holztischen vor Bildschirmen sitzen.

Die Entscheidung, nun auch den Markt des Zahlungsgeschäfts zu besetzen, fiel bei Rocket Internet im Frühjahr. Zumdieck wurde verpflichtet, das Team aufzubauen. Gerade ein halbes Jahr später ist Payleven nicht nur in Deutschland gestartet, sondern auch in den Niederlanden, Großbritannien, Brasilien und auf weiteren Märkten. Es ist ein Wettrennen um die weißen Flecken der Landkarte.

Payleven ist nicht der einzige Anbieter, der Square nachahmt. Allerdings bringt kaum einer der Wettbewerber so viel Know-how mit. Wer als Manager bei Rocket Internet Rat braucht, kann sich an das weltweite Netzwerk der Kollegen wenden. Im Rocket-Universum, dessen Startups zumeist in der E-Commerce -Branche tätig sind, gibt es kein Problem, das nicht schon anderswo gelöst wurde.

Die Koordination über 20 Zeitzonen hinweg ist zwar nicht einfach. Der Austausch sei aber der Schlüssel zum Erfolg, sagt Sampaio. Denn die Konkurrenten vor Ort müssten jede Erfahrung erst selbst machen. Ein Geheimrezept für den Erfolg haben aber auch die Rocket-Manager nicht. "Es ist eine Frage der Disziplin", sagt Brasilien-Statthalter Sampaio. Kein mi mi mi.

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