FTD.de » IT + Medien » Medien+Internet » Schwarzer Peter für Musik aus dem Internet

Merken   Drucken   16.08.2002, 18:20 Schriftgröße: AAA

Schwarzer Peter für Musik aus dem Internet

Die Musikbranche macht Internet-Downloads für ihre Misere verantwortlich. Dabei könnten die Labels im Netz selbst attraktive Produkte anbieten. von Helene Laube, Uwe Roßner und Joachim Zepelin
Die Musikindustrie jammert und schimpft: "Sinkende Absätze sind auch im ersten Halbjahr 2002 vor allem das Ergebnis massenhaften Kopierens von Musik", heißt es in einer diese Woche veröffentlichten Erklärung des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft. Die Zahl der abgesetzten Tonträger sei um 10,2 Prozent auf 97,1 Millionen Stück zurückgegangen. Damit hat sich der Abwärtstrend aus dem vergangenen Jahr auf die Kommastelle genau fortgesetzt. Das Umsatzminus lasse sich noch nicht genau beziffern, erklärt ein Sprecher, aber es werde wohl ebenfalls im zweistelligen Prozentbereich liegen.
Die derzeit in Köln stattfindende Popcomm, das weltweit größte Treffen der Musikszene, hat ihr Thema: Den Plattenfirmen geht es mies, nicht etwa weil sie schlecht wirtschaften, sondern wegen der neuen Technik. Den Schuldigen an der Misere haben die Labels schnell ausgemacht: Fans besorgen sich massenhaft Titel auf Online-Musiktauschbörsen, andere brennen in Heim- oder Büroarbeit die neuesten Hits auf CD. Tatsächlich kauften deutsche Musikfreunde im vergangenen Jahr 182 Millionen leere Scheiben, aber nur 173 Millionen bespielte CDs. Hartmut Spiesecke vom Bundesverband Phonographische Wirtschaft zieht eine ambivalente Bilanz: "Musik ist attraktiv wie nie zuvor, sie wird nur weniger gekauft."
Branche sieht überall Gesetzesbrecher
Um die dramatische Lage zu illustrieren, lässt die Branche ein Zahlengewitter niedergehen: In Amerika gab der Umsatz im vergangenen Jahr um mehr als neun Prozent nach, seit Januar ging es um weitere zehn Prozent nach unten. Weltweit sind die Einnahmen 2001 um fünf Prozent auf 33,7 Mrd. $ gesunken.
Die Plattenlabels machen überall Gesetzesbrecher aus. In Deutschland sollen Internetnutzer im vergangenen Jahr fast 500 Millionen Titel illegal auf ihre Rechner geladen haben. Der US-Phono-Verband legt eine noch düsterere Schätzung nach. Weltweit drei Milliarden Downloads im Monat führen zu Umsatzausfällen von jährlich 4 Mrd. $. Das wären rund fünf Prozent des CD-Geschäfts.
Die Branche hat zum Gegenangriff angesetzt: mit Klagen gegen die populären Tauschbörsen, mit Lobbyarbeit für ein strengeres Urheberrecht, mit neuen Kopierschutztechniken, sogar mit Virenattacken gegen Internet-Piraten. Immerhin, so werden die Verbände nicht müde zu erklären, gehe es ums Überleben. "Die Branche steckt in der schwersten Krise seit ihrem Bestehen", sagt Amke Block, Chefredakteurin des Onlinemagazins momag.net.
Mitschuld an der Misere
Marktforscher schütteln über den Zorn der Labels und ihrer Lobby nur den Kopf. Josh Bernoff, Experte des Branchenforschers Forrester Research, etwa glaubt, dass die Musikvermarkter erhebliche Mitschuld an der Krise tragen: "Wenn die nur die Hälfte des Geldes, das sie in ihre Lobbyarbeit für schärfere Antikopiergesetze gesteckt haben, in bessere Online-Dienste investiert hätten, stünden die Plattenfirmen heute deutlich besser da." Bernoff hat 1000 Amerikaner nach ihren Musikgewohnheiten befragt und die Ergebnisse in dieser Woche veröffentlicht. "Kaum jemand kauft weniger CDs, weil er Online-Angebote nutzt", lautet ein Befund seiner Studie. Die Behauptungen der Musikindustrie seien darum falsch. Deren Umsatz sinke aufgrund der wirtschaftlichen Rezession, weil die Kunden ihr Budget für Unterhaltung anders aufteilten und weil die Plattenindustrie versage: "Es gab in den vergangenen beiden Jahren keinen neuen Trend, der die Verkaufszahlen angefeuert hätte."
Konrad Hilbers, Chef der von der Plattenlobby zu Fall gebrachten Musiktauschbörsen Napster, stimmt dem Analysten zu: "Musikliebhaber sind Verbraucher und keine Piraten." Napster habe alles versucht, um sich mit den Labels auf einen verbraucherfreundlichen legalen Online-Dienst zu einigen. "Wir waren sogar bereit, die Kopier- und Abspielmöglichkeiten zu begrenzen, obwohl wir wussten, dass dies den Wünschen der Verbraucher widerspricht", berichtet Hilbers. Doch die Branche blieb hart, klagte Napster ins Abseits und brachte eigene Abodienste wie Pressplay und Musicnet heraus.
"Das sind doch furchtbare Angebote, die aus gutem Grund erfolglos geblieben sind", klagt Analyst Bernoff die Branche an. Die Titelauswahl sei begrenzt, die Zahl der verfügbaren Labels klein. "Das ist viel zu weit von dem weg, was Verbraucher wollen." Er plädiert für eine Bill of Rights der Musikliebhaber. Sie sollen im Internet möglichst viel Auswahl haben, und mit den herunter geladenen Titeln möglichst frei umgehen dürfen. "Der einzige Weg, gegen das Raubkopieren vorzugehen, ist ein verbraucherfreundlicher Online-Dienst."
Neue Ideen sind gefragt
Der Experte fordert mehr Fantasie von den erfolgsverwöhnten Labels, die über Jahrzehnte trotz schlechten Marketings Millionen gescheffelt haben. "Die müssen vor allem neue Geschäftsmodelle entwickeln." Warum, so fragt sich Bernoff, kann man für Fans nicht zahlreiche verschiedene Versionen von einem Titel übers Internet zu verschiedenen Preisen anbieten? "Wenn der Cello-Virtuose Yo-Yo Ma in der Carnegie Hall spielt, könnte Musicnet das sofort auf der Webseite carnegiehall.com anbieten", schlägt Bernoff vor.
Sämtliche Versuche, Raubkopien im Internet mit Klagen und Gesetzen zu verfolgen, seien fehlgeschlagen, sagt auch Analyst Michael Goodman von der Yankee-Group, die am Donnerstag eine weitere Studie zum Thema vorgestellt hat. Goodman kommt wie Bernoff zum Schluss, dass die Musikbranche noch eine Weile leiden und Mitarbeiter entlassen wird, bevor sie einen neuen Aufschwung erlebt - durch das Internet. Über kurz oder lang würden sich die Labels den Wünschen des Publikums fügen und attraktive Angebote ins Netz stellen. Dass dann wiederum jemand jammern wird, ist Goodman schon heute klar. "Zweifellos wird Online-Musik den Umsatz im Handel verringern."

Privat oder Pirat?
Eigenbedarf Mehr als zwei Drittel aller selbst bespielten Tonträger werden von den Kopierern genutzt.
Gewerbe Der Verkauf von Kopien unter Freunden ("Schulhofpiraterie") und kommerzielle Piraterie machen rund sieben Prozent aller Kopien aus.
  • FTD, 16.08.2002
    © 2002 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen IT + Medien

Geheimer Smartphone-Prototyp entdeckt? Wir flüstern es Ihnen sofort weiter.

Beispiel   |   Datenschutz
Tweets von FTD.de Tech-News

Weitere Tweets von FTD.de

Internetmarken - News, Info und Bilder
Internetmarken - Die Internetmarken im Überblick

Welches sind die Top-Internetmarken, auf die wir nicht mehr verzichten wollen? Entdecken Sie alle wichtigen News, Hintergrundinformationen, Bilder und Infografiken zu den Top-Internetmarken von Amazon bis Twitter.mehr

  Bilderserie Von BASF bis ThyssenKrupp Das deutsche Chefwechseljahr
 



06:40:00 Aktuelle Börsewerte
Name aktuell   
Microsoft 23,223 EUR   +0,72% 
Apple 447,135 EUR   -1,06% 
Google 471,554 EUR   -1,48% 
Intel 20,481 EUR   +0,19% 
Advanced Micro Devices 6,22 USD   +3,32% 
  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

IT+TELEKOMMUNIKATION

mehr IT+Telekommunikation

MEDIEN+INTERNET

mehr Medien+Internet

COMPUTER+TECHNIK

mehr Computer+Technik

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote