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Merken   Drucken   12.11.2012, 17:16 Schriftgröße: AAA

Stefan Raabs "Absolute Mehrheit": Meinungsbildung auf Speed

Eigentlich moderiert Stefan Raab am liebsten alberne Sportwettkämpfe. In "Absolute Mehrheit" brilliert er mit einer albernen, sportlichen Talkshow, die selbst Politprofis schockt. Und sorgt dabei für gute Quoten.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Henning Kaiser
Eigentlich moderiert Stefan Raab am liebsten alberne Sportwettkämpfe. In "Absolute Mehrheit" brilliert er mit einer albernen, sportlichen Talkshow, die selbst Politprofis schockt. Und sorgt dabei für gute Quoten.
von Hamburg

Gleich wird es zäh und langweilig und furchtbar unproduktiv. Michael Fuchs, Fraktionsvize bei der CDU im Bundestag, sitzt auf dem braunen Sofa-Halbrund und hat gerade einen Satz begonnen, wie ihn Politiker gern sagen, um so viel Fernsehzeit wie möglich mit Wortmüll zu fluten. Der Satz hat einen Anfang, aber kein absehbares Ende, reiht Nebensatz an Nebensatz, mit Komma, Gedankenstrich und allem, was der Sprachbaukasten hergibt. In einer normalen Talkshow würde jetzt der Moderator erst freundlich nicken und nach zwei Minuten subtil mahnend den Zeigefinger hinter seiner Moderationskarte nach oben strecken. Und Fuchs: würde einfach weiterreden. Das ist aber keine normale Talkshow.

"Punkt!", ruft Stefan Raab ohne Vorwarnung und springt auf. In dem Moment ist klar: Hier geht es nicht um freundliches Ausredenlassen, sondern um knackig durchgetaktete TV-Unterhaltung. "Wir haben hier Speedmeinungsbildung", sagt Raab.

Raabs neue Politikshow ist …

 

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Der Allzweck-Showerfinder von Pro Sieben ("Schlag den Raab", "Die TV total Stock Car Crash Challenge") wollte am Sonntag mit seiner neuen Sendung "Absolute Mehrheit" dem Genre der Polittalkshows neues Leben einhauchen. Es wurde tatsächlich ein kurzweiliger, schneller Schlagabtausch, der dem staatstragenden Format etwas von der sportlichen Leichtigkeit gab, die ihm im deutschen Fernsehen fast immer fehlt.

Zwar gibt es mitunter ganz lustige Satiren wie die "Heute-Show". Aber die großen US-Vorbilder "The Daily Show" und "The Colbert Report" bieten immer auch einen Talkteil. Darin führen die Moderatoren zupackende Debatten mit hochkarätigen Politprofis. Die Themen sind ernst, die Fragen aus der Perspektive eines Nichtinsiders gestellt. Komplexe Themen lassen sich zwar nicht ausdiskutieren, aber die Zuschauer bekommen einen Zugang zu den politischen Debatten. In Deutschland muten Politdiskussionen dagegen eher an wie der Gottesdienst eines amtsmüden Dorfpfarrers: Er sagt fast immer dasselbe, so recht folgen kann man ihm trotzdem nicht.

Daran sind auch die privaten TV-Anbieter schuld: Sie haben ARD und ZDF das Politiktalkmonopol überlassen. Als Pro Sieben Sat 1  noch dem stramm konservativen Medienunternehmer Leo Kirch gehörte, gab es "Talk im Turm" und lange Sommerinterviews mit Bundeskanzler Helmut Kohl. Als die Finanzinvestoren Permira und KKR  das Unternehmen übernahmen, wurde der Nachrichtensender N24 verkauft und die Politikberichterstattung fast auf null zusammengestrichen. Und während RTL vergangene Woche die ganze Nacht die US-Präsidentschaftswahl zelebrierte, passierte auf Pro Sieben und Sat 1 gar nichts, bis auf ein paar anschließende Berichte im Frühstücksfernsehen.

"Politik auf Pro Sieben, das ist so selten wie gute Unterhaltung in der ARD", sagt Stefan Raab gleich zu Beginn. Statt in einem pompösen Gasometer sitzen seine Gäste in einer Studiokulisse mit Rumpel-Charme. Der Bundesadler über dem Sofa ist rostbraun, vom Sendungslogo blättert der Lack. Und schon die Begrüßung der Gäste wird zur geballten Respektlosigkeit. Die einzige Nichtpolitikerin stellt Raab passend zu ihrer Funktion in der Sendung als "eine junge attraktive Unternehmerin" vor, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann nennt er den "Drill Sergeant der SPD". Die erste Frage an den CDU-Politiker Michael Fuchs: "Wer hat die Gans gestohlen?" Die Dreistigkeit ging auf: Obwohl eine Stunde später gestartet als "Günther Jauch", hatte "Absolute Mehrheit" einen höheren Marktanteil bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren.

Raab quetschte nicht nur ein, sondern gleich drei Themen in seine Sendung: Reichensteuer, Strompreise und Netzpolitik, jeweils abgehandelt in 30 Minuten. Und weil er sich traute, die Politiker mitten im Satz zu unterbrechen, produzierte er trotzdem nicht weniger Erkenntnisse als andere Talkshows in eineinhalb Stunden.

Die etablierten Talkshows fangen die Zuschauermeinung in einzelnen Twitter-Nachrichten ein, bei Raab stimmt das Publikum ab, welchen Talkgast es am überzeugendsten findet. Wer mehr als 50 Prozent der Stimmen erreicht, gewinnt 100.000 Euro. Der Premierensieger, Schleswig-Holsteins FDP-Landeschef Wolfgang Kubicki, brachte es zwar nur auf gut 40 Prozent. Dafür hatte die Telefonabstimmung eine Wirkung, die man von anderen Talkshows nicht kennt: Der letztplatzierte Michael Fuchs sah beim Anblick des Ergebnisses ehrlich geschockt aus.

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  • Aus der FTD vom 13.11.2012
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