Clip-Klau: Union und SPD setzen in ihren Werbespots auf die Kugel
Dem Internet sei dank, reichen ein paar Klicks, um sich die Spots mit Schröder, Merkel, Fischer, Westerwelle, Lafontaine und Gysi im Gesamtdurchlauf anzuschauen. Wer will schon ständig im Fernsehen sehen, wie eine Kugel über einen Tisch rollt und vor dem Sturz in den Abgrund von Angela Merkel aufgehalten wird. Oder die Antwort der SPD: eine unbeholfen mit der Kugel jonglierende Frau, die unschwer als Merkel-Kopie zu identifizieren ist.
Der Spot versprüht so ewas wie Esprit. Eine Ausnahme im TV-Wahlkampf 2005. Die Beiträge der großen Parteien sind vor allem eins: dröge. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender müssen die Spots trotzdem ausstrahlen. Die zur Wahl zugelassenen Parteien erhalten bis zu 90 Sekunden kostenlose Werbezeit. Auf die Inhalte haben die Sender kaum Einfluss. Daher dürfen rechts- und linksextreme Parteien ungefiltert ihre Parolen ausstrahlen.
Einen Spot der Anarchisitischen Pogo Partei Deutschlands (APPD) lassen ARD und ZDF jedoch nicht unzensiert auf den Zuschauer los. Szenen einer Punker-Orgie verstießen gegen die Menschenwürde, heißt es. Die Pogo-Partei geht juristisch gegen die Weigerung der Sender vor.
Argumente statt Werbung
Von verstörenden Exzessen ist der FDP-Spot komplett frei: Spitzenkandidat Guido Westerwelle sitzt in einer Art Fernsehstudio - im Hintergrund die Reichtagskuppel. Der Zuschauer soll den Eindruck gewinnen, dass Westerwelle zu einem Interview bei den "Tagesthemen" oder dem "Heute Journal" zugeschaltet wird. Und dann sagt er auch noch, dass es sich bei seinen Ausführungen nicht um Werbung, sondern Argumente handle. Dann folgt natürlich doch 90 Sekunden liberale Wahlwerbung.
Der Spot war billig, man merkt es ihm an. Aber niemand wird auf die Idee kommen, Westerwelle mit dem Spaßwahlkämpfer vergangener Tage in Verbindung zu bringen. Die Lage ist ernst, da ist auch dem Parteichef das Lachen vergangen.
Der Ernst der Lage
Überhaupt überbieten sich die Parteien in der Disziplin Ernsthaftigkeit. Kanzler Gerhard Schröder schreitet mit großem Ernst durchs Bild, während die Erfolge seiner Politik angepriesen werden. Familienpolitik, Atomausstieg, Erneuerung des Landes und Frieden: "Dafür stehe ich", sagt der Kanzler am Ende des Spots. Nur der Anflug eines Lächelns zeichnet sich auf seinem Gesicht ab.
Auch die Grünen sind angesteckt von so viel Ernsthaftigkeit. Nachdenklich sitzt ihr Spitzenkandidat auf einer saftig grünen Alm und räsoniert über ungerechte Schuldzuweisungen. "Die Grünen sind an allem schuld. Ich höre das immer wieder. Die Mopsfledermaus, der Feldhamster..." Dann zählt er die Pluspunkte Grüner Politik auf: Atomausstieg, weltoffenes Deutschland, modernes Staatsangehörigkeitsrecht. Viel unterhaltsamer als Westerwelle ist das auch nicht, aber besser von Oscar-Preisträger Pepe Danquart in Szene gesetzt.
Alle wollen das Gleiche
Den Werbeklassiker lassen Linkspartei und CSU auf das Wahlvolk los. Bilder von Menschen und Landschaften rauschen am Zuschauer vorbei. Bei der CSU will getreu dem Wahlkampfmotto "Vorfahrt für Arbeit" vom Bäcker bis zum Rentner ein jeder, dass alle wieder arbeiten können. Wer wollte das nicht, aber es geht natürlich nur mit der Union. Immerhin verströmt CSU-Chef Edmund Stoiber im Chor der Ernsthaften so etwas wie Optimismus: Er lächelt.
Im Spot der Linkspartei fällt der Satz: "Wir wollen streiten, wir wollen lieben, wir wollen leben." Wer will da widersprechen? Aber wer lässt sich von solch austauschbaren Aussagen in seiner Wahlentscheidung beeinflussen?
Soviel Ernsthaftigkeit und Staatstragendes lädt zur Satire ein. Was früher jedoch Komikern und Kabarettisten vorbehalten war, exerziert in diesem Jahr eine leibhaftige Partei vor. "Die Partei" - die tatsächlich so heißt - veralbert in ihren Spots das "Genre". Der Parteichef Martin Sonneborn - im Nebenberuf Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" - spricht davon, dass der Bundespräsident - er nennt ihn "Herbert Köhler" - neulich den Bundestag aufgelöst habe. Ein Mikrofon schiebt sich ins Bild. Später fällt noch eine Fahne um. Das ist zwar Quatsch, zumindest schaut man aber hin.