Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Esther Dyson ist die Chefin von Edventure Holdings, einer Investmentgesellschaft, die in diverse Start-up-Unternehmen in aller Welt investiert. Ihr Engagement reicht von IT über Gesundheitswesen bis hin zu Luft- und Raumfahrt.
Die Amerikaner setzen großes Vertrauen in die Tugenden des Unternehmertums. Dieses Vertrauen war auch der Antrieb für das neue JOBS-Gesetz (Jumpstart Our Business Startups), das es kleinen Unternehmen leichter machen soll, sich Geld zu beschaffen und die aufsichtsrechtlichen Hürden eines Börsengangs zu überwinden. Das Gesetz geht davon aus, dass Menschen, die keinen Arbeitsplatz finden, vielleicht stattdessen Investoren finden, und dass kleine Unternehmen mit der nötigen Finanzierung größer werden und mehr Mitarbeiter einstellen können. Business Angels, Freunde und Verwandte dringen als Geldgeber in einen Bereich vor, in den sich Banken kaum hineinwagen.
Das JOBS-Gesetz ist ein extremes Beispiel dafür, wie sehr die Amerikaner an das Gute im Menschen glauben und an das Recht des Einzelnen, sich zu verwirklichen. Jeder Unternehmer sollte die Möglichkeit haben, sich Geld von willigen Investoren zu besorgen. Der Ansatz ist zutiefst amerikanisch und kapitalistisch im besten Sinne des Wortes, denn er fördert und demokratisiert Investitionen, statt den Konsum anzukurbeln.
Kleine und mittlere Unternehmen (unter 1 Mrd. Dollar) können sich in einer formalisierten Variante der Schwarmfinanzierung direkt an Kleinanleger wenden. Dabei veröffentlichen die Projektverantwortlichen ihre Pläne auf einer Onlineplattform und werben für finanzielle Unterstützung. Im Grunde funktioniert das also wie bei einem Börsengang. Dahinter steckt der Gedanke, dass nicht die überlastete Börsenaufsicht SEC, sondern eine Reihe von akkreditierten Marktplätzen dafür sorgen sollen, dass die Unternehmer die Wahrheit sagen und dass die Investoren wissen, was sie kaufen. (Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie gründlich die Marktplatzbetreiber geprüft werden und wie zuverlässig sie und ihre Prüfungssysteme sind.)
Ihren Anfang nahm die Initiative in den USA, aber auch viele andere Länder suchen nach Möglichkeiten, das Unternehmertum zu fördern, und könnten versucht sein, das Konzept zu kopieren. Warum hoffe ich dann, dass sie dieser Versuchung widerstehen?
Die Erfolgswahrscheinlichkeit des JOBS-Gesetzes dürfte genauso niedrig sein wie die der früheren Versuche der US-Regierung, Wohneigentum zu fördern. Niedrige Anzahlungen, aufgeschobene Zinszahlungen und andere Anreize verleiteten die Menschen dazu, Häuser und Wohnungen zu kaufen (oder mit Zweitimmobilien zu spekulieren) - ob sie es sich leisten konnten oder nicht.
Hypothekenvermittler sind natürlich gern darauf eingestiegen. Einige waren von dem ehrlichen Bedürfnis getrieben, Wohneigentum für mehr Menschen möglich zu machen, andere waren nur von Gier getrieben. Einige wussten, dass die Käufer sich die Immobilien eigentlich gar nicht leisten konnten, andere verschlossen die Augen vor dieser Wahrheit. Einige hielten sich an die Spielregeln, andere fälschten Dokumente. Die Banken, die Hypothekarkredite vergaben, verkauften ihre Portfolios an Investoren, die gar nicht verstanden, in was sie da eigentlich investierten.
In gleicher Weise wird auch das JOBS-Gesetz einigen, die es verdient haben, das Leben leichter machen - und wahrscheinlich viele andere anlocken, die eigentlich nicht gemeint sind. Das neue System wird Betrüger und Promoter anziehen, die ungeeignete Unternehmen dazu bringen, Investorengelder einzuwerben, und Anteile an Personen verkaufen, die es sich nicht leisten können, das investierte Geld zu verlieren.
Ich hätte ja gern mehr Vertrauen in das System, aber das Problem besteht nicht darin, dass es zu wenige gute Menschen, gute Investoren oder gute Unternehmer gibt. Das Problem besteht darin, dass ohne einen aufsichtsrechtlichen Rahmen schlechte Menschen die guten übervorteilen. Aufsichtsrechtliche Beschränkungen mögen für Kleinunternehmen eine Last sein, aber nicht alle Vorschriften und Beschränkungen sind überflüssig.
Natürlich gibt es einige wunderbare, ehrliche Unternehmen, die Investorengelder verdienen aber nicht bekommen. Besonders viele sind das aber nicht. Ich sehe mir jede Menge Start-ups an. Viele sind reizvoll und haben gute Ideen, aber die meisten scheitern. Und selbst die Qualität der ehrlichen Start-ups dürfte sinken, je mehr davon gegründet werden. Sie werden nur mehr fremdes Geld ausgeben, bevor sie scheitern.
Je mehr Gründungen es gibt, desto schwerer wird es für jedes einzelne Jungunternehmen, gute Manager und Mitarbeiter zu finden. Viele, die als Mitarbeiter infrage kämen, werden stattdessen Chef bei einem konkurrierenden Start-up. Sie alle werden um einen begrenzten Kundenkreis buhlen, und die Erfolgreichen unter ihnen müssen sich dann um das noch knappere Expansionskapital schlagen.
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Viele Investoren werden ihr Geld nie wieder sehen. Selbst beim jetzigen System verlieren viele Geldgeber ihren Einsatz. Als Business Angel investiert man am besten in zehn oder mehr Unternehmen, damit die Chance steigt, dass zumindest ein Gewinner dabei ist. Aber je größer der Investorenpool, desto niedriger dürfte die Zahl der Investments pro Anleger sein, und die fehlende Diversifizierung wird dazu führen, dass es letztlich deutlich mehr Verlierer als Gewinner gibt.
Das Vertrauen hinter dem JOBS-Act ist das gleiche Denken, das viele Internetphänomene vorantreibt: Der Mensch ist gut, und alle verfolgen gute Absichten. Aber der problemlose Zugang zum Internet und die niedrigen Einstiegshürden haben zu Spam, Malware und schlechtem Verhalten geführt. Jeder neue Anbieter fängt "sauber" an, braucht aber am Ende doch seine eigenen Vorschriften.
Fragen Sie mal Ebay, Google oder Facebook, wie viel sie für Sicherheit, Betrugserkennung und Ähnliches ausgeben. Da werden Sie keine Antwort bekommen, und das sagt eigentlich alles. Mit dem Internet ist es wie im richtigen Leben: Manchmal haben Hürden ihren Sinn.
Der Glaube an das Gute im Menschen schließt doch das Setzen von Regeln nicht aus.