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Merken   Drucken   11.01.2006, 20:28 Schriftgröße: AAA

Tops + Flops 2006: Aufsteiger kontern Spitzenreiter aus

Wenige Tage, bevor das Jahr 2005 zu Ende ging, war es aus mit der Beschaulichkeit auf dem deutschen Fernsehmarkt: Deutsche Telekom und Kabelnetzbetreiber steigen ins Geschäft mit bewegten Bildern ein und heizen den etablierten deutschen Fernsehanbietern ein. von Isabell Hülsen, Hamburg, und Lutz Meier, Berlin
Premiere: Motiv aus der Juli-Kampagne 2005 "Fernsehen Erster ...   Premiere: Motiv aus der Juli-Kampagne 2005 "Fernsehen Erster Klasse"
Wenige Tage, bevor das Jahr 2005 zu Ende ging, war es aus mit der Beschaulichkeit auf dem deutschen Fernsehmarkt: Kaum hatte der Bezahlsender Premiere  die TV-Rechte für die Fußball-Bundesliga an eine Kabelfirma verloren, ließ eine weitere Ankündigung aufmerken. Die Sender der RTL-Gruppe  sind künftig auch digital über Kabel zu empfangen. Damit steht der deutsche TV-Markt vor einschneidenden Änderungen. Die Digitalisierung schafft Platz für viele Spartenkanäle, darunter Bezahlsender, die in Zeiten schwacher Werbeerlöse als neue Einnahmequellen dienen können. Zudem müssen sich die etablierten Sender auf neue Rivalen einstellen.
Der jüngste Konkurrent hat einen unbekannten Namen, aber ein heißes Produkt: Arena, eine Tochter der Kabelfirma Unity Media, kaufte für rund 220 Mio. Euro die Liverechte der Bundesliga. Hinter Unity stehen die Kabelfirmen Ish, Iesy und Telecolumbus, eine Kooperation mit Kabel Deutschland (KDG) ist wahrscheinlich. Die Kabelfirmen wollen nicht mehr nur TV-Signale durchleiten, sondern selbst Fernsehinhalte vermarkten. Zahlende Zuschauer sollen mit Fußball gelockt werden. "Es wird eine sukzessive Verschiebung in Richtung Bezahlfernsehen geben", sagt Alexander Mogg, Medienexperte der Unternehmensberatung Mercer.
Konkurrenz zum TV-Kabel
Ein weiterer neuer Rivale, der ebenfalls mit der Bundesliga auf Kundenjagd geht, ist die Deutsche Telekom . Der Konzern will im großen Stil ins Geschäft mit bewegten Bildern einsteigen. Filme, Serien und Fußball soll es ab März über schnelle Internetverbindungen geben - als Konkurrenz zum TV-Kabel. "Die etablierten Fernsehsender müssen etwas unternehmen, um sich in der neuen Vielfalt zu behaupten", sagt Mogg.
Im verschärften Wettbewerb droht den Etablierten der Verlust von Marktanteilen und Werbeeinnahmen. Vorerst aber müssen die Sender deswegen nicht in Panik verfallen. "Ohne RTL und Pro Sieben Sat 1  kommt kein Werbekunde aus", sagt Friedrich Schellmoser, Analyst der HypoVereinsbank.
Das Logo der Deutschen Fussball-Liga DFL im Sucher einer Fernsehkamera   Das Logo der Deutschen Fussball-Liga DFL im Sucher einer Fernsehkamera
Erste Schritte in digitale Zukunft
RTL macht mit dem Vorstoß im Kabelnetz nun erste Schritte in die digitale Zukunft, zunächst mit vier Lizenzen für eigene Spartenkanäle. Weitere Bezahlkanäle können folgen. Die könnte RTL auch nutzen, um Bundesligaspiele in Kooperation mit dem Rechteinhaber Arena auszustrahlen. Der Kabelfirma fehlt bisher ebenso wie der Telekom eine Sendelizenz. Zudem hat sich RTL einen Anteil an den Erlösen der Kabelnetzbetreiber gesichert. Ein ähnliches Modell strebt auch die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe an. Derzeit wird eine Einigung mit den Kabelfirmen aber durch die unklare Besitzerfrage nach dem Übernahmeangebot durch den Springer-Konzern verzögert. Dem größten Sender der Familie, Sat 1, gelang trotz der Unsicherheit im vergangenen Jahr ein bemerkenswerter Aufstieg: Der neue Chef Roger Schawinski schaffte es nach langer Durststrecke, Quoten und Programm zu stabilisieren und als einziger großer Sender den Marktanteil bei den werberelevanten Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren deutlich auszubauen. Doch in diesem Jahr verliert Sat 1 die Champions League an den Bezahlsender Premiere. Dann steht Sat 1 erstmals seit Jahren ohne große Sportrechte da und dürfte, wie Pro Sieben, im Sommer unter dem Zuschauermagneten Fußball-WM leiden, die bei den Konkurrenten ARD, ZDF und RTL läuft. Bei Pro Sieben sucht man nach Wegen aus der anhaltenden Krise: Der Sender verlor 2005 weiter Marktanteile. Niederschlagen dürfte sich das im Laufe dieses Jahres, denn auf Zuschauerverluste folgen etwa ein halbes Jahr später Einbrüche beim Werbemarktanteil. Zwar hat die Konzernspitze die Notbremse gezogen und Senderchef Dejan Jocic durch den erfolgreichen Kabel-1-Chef Andreas Bartl ersetzt. Wie es weiter geht, ist aber unklar. Anlass zur Hoffnung Marktführer RTL hat nach einem schlechten Jahr Anlass zur Hoffnung: Seit Amtsantritt der neuen Chefin Anke Schäferkordt im September steigen die Quoten, der angepeilte Zuschaueranteil von 17 Prozent wurde schon erreicht. Dabei kann normalerweise keine neue Senderführung binnen Monaten die Verhältnisse drehen. So stellt sich die Frage, wie nachhaltig der Zuwachs ist. Die Digitalisierung muss noch gestaltet werden, die Umbesetzung der Führungsriege scheint nicht abgeschlossen, Schäferkordt hat an vielen Schaltstellen zunächst selbst die Macht übernommen. Die Chefin steht 2006 unter Druck, weil sie mit großen Vorschusslorbeeren begonnen hat. Premiere hat seine unangefochtene Stellung im Bezahlfernsehen eingebüßt. Bei der Rechtevergabe der Bundesliga hatte der Sender alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Statt mehr Exklusivität beim Fußball bekam Premiere gar nichts - die Aktie rauschte um 40 Prozent in den Keller. Der Sender ist damit ein potenzielles Übernahmeobjekt. Zwar scheint die Massenflucht von Abonnenten vorerst auszubleiben, doch weiteres Wachstum dürfte schwierig werden. Senderchef Georg Kofler kämpft daher darum, über Kooperationen doch noch Livespiele zeigen zu können. Auf- und Absteiger 2006 auf dem TV-Markt RTL Nach einem harten Jahr sind unter der neuen Chefin Anke Schäferkordt die Quoten wieder gestiegen. Bei der Einspeisung in das digitale Kabel hat der Senderkonzern einen Vorsprung: RTL hat schon Platz für Pay-Kanäle vereinbart und sich einen Anteil an den Erlösen der Netzbetreiber gesichert. Sat 1 Früher das Sorgenkind der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, hat der Sender die Trendwende geschafft. Doch die Erfolgsserie "Verliebt in Berlin" läuft 2006 aus. Ob der selbst entwickelte Nachfolger ähnlich gut gelingt, ist offen. Zudem hat Sat 1 die Champions-League-Rechte verloren. Pro Sieben Der lange profitabelste Sender im deutschen Markt verlor 2005 Quote. Das wird sich in diesem Jahr auf dem Werbemarkt niederschlagen. Der Mutterkonzern will nun stärker als geplant ins Programm investieren, Senderchef Dejan Jocic wurde durch Kabel-1-Chef Andreas Bartl ersetzt. Premiere Der Bezahlkanal hat sein wichtigstes Senderecht - die Fußball-Bundesliga - vorerst verloren. Gelingt es nicht, über Kooperationen einen Teil der Spiele doch zu zeigen, wird der Sender die Preise für das Fußball-Abo senken müssen und dürfte langsamer wachsen.

Lesen Sie weiter, wer 2006 auf dem TV-Markt wichtig wird

  • Aus der FTD vom 12.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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