FTD Ein Sender über den Tod - haben Sie sich da nicht einen deprimierenden Arbeitsplatz ausgesucht?
Wolf Tilmann Schneider Ich beschäftige mich doch nicht den ganzen Tag mit dem Tod! Wir sind kein Toten-TV, wie jetzt oft geschrieben wurde. Bei uns werden Sie keine Beerdigungen sehen. Unsere Zielgruppe sind einfach alle Menschen ab 50 Jahren - in diesem Alter stirbt man ja normalerweise noch nicht. Man stellt sich aber Fragen, die vorher nicht präsent waren. Meist beginnt das, wenn die eigenen Eltern hinfällig werden. Die normalen Medien grenzen diese Themen aus. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender kümmern sich nicht darum.
FTD Und was wollen Sie senden?
Schneider Wir planen drei Programmsäulen: Friedhofsreportagen, Nachrufe und Ratgeberthemen. Friedhöfe interessieren die Leute, beim Sonntagsspaziergang oder im Urlaub gucken sie sich da um. Denken Sie nur an berühmte Friedhöfe wie Montmartre in Paris oder den in Hamburg-Ohlsdorf.
FTD Sie planen Nachrufe im Fernsehen?
Schneider Genau, das ist die zweite Säule. Wir haben uns gedacht: Warum sollen nur Prominente Nachrufe erhalten? Jeder Mensch hat doch etwas geleistet und hinterlassen. Jedes Jahr werden 485.000 Todesanzeigen in Zeitungen veröffentlicht, aber da steht nichts über die Menschen drin. Also kann man bei uns Nachrufe für jeden Verstorbenen in Auftrag geben, mit Bildern und Texten, die professionell produziert werden. Da arbeiten wir einerseits mit den Bestattern zusammen, die sich heute schon in den meisten Fällen um die Todesanzeige kümmern. Die informieren die Angehörigen über diese neue Möglichkeit. Zudem kooperieren wir mit lokalen Fernsehsendern. Die müssen sich behaupten wie eine Regionalzeitung, und in denen sind die Todesanzeigen eine wichtige Rubrik. Für ältere Menschen ist es normal, zuerst die Todesanzeigen zu lesen.
FTD Und welche Ratgeberthemen werden Sie bearbeiten?
Schneider Das ist ein weites Feld. Zum einen wird es darum gehen, wie man das Leben im Alter leichter gestalten kann, etwa durch Hausnotrufe, mit denen man Hilfe holen kann, wenn man gestürzt ist. Wir werden Trends aufgreifen, zum Beispiel dass Alte neuerdings Wohngemeinschaften gründen. Dann geht es sicherlich auch um Hospize oder Organspenden, da werden wir Aufklärung betreiben. Es gibt außerdem eine ganze Reihe bunter Themen, denken Sie mal an Dienstleistungen wie das Schreiben von Biografien, das jedem ermöglicht, seine Geschichte als Buch zu bekommen.
FTD Beteiligen Sie sich auch an der Diskussion über neue Beerdigungsformen, oder sind Ihre Gesellschafter - die Bestatter - dagegen? Es wird ja häufig kritisiert, dass in Deutschland Friedhofszwang herrscht.
Schneider Wir dürfen über alles berichten! Doch die jetzigen Bestimmungen sind für uns maßgeblich. Das sind daher nicht unsere dringlichsten Themen. Schon heute gibt es Alternativen zum Friedhof. Etwa Friedwälder oder Haine, in denen man Asche verstreuen kann. Ob man das propagieren sollte, weiß ich aber nicht: Untersuchungen zeigen, dass vielen Menschen das Wissen um den genauen Bestattungsort bei der Trauer helfen kann. Die kommen nach einer anonymen Beerdigung zu dem Bestatter und fragen, ob der nicht vielleicht wüsste, wo die Urne liegt. Außerdem ist das auch ein wirtschaftliches Problem: Wenn alle die Urne mit nach Hause nehmen, was machen die Friedhöfe mit den Überhangflächen? Die können ja keine Einfamilienhäuser darauf bauen. Friedhöfe sind auch Unternehmen, das darf man nicht vergessen.
FTD Wie kamen Sie auf die Idee, einen Sender über den Tod zu gründen?
Schneider Mir hat einmal ein Bestatter erzählt, dass die Menschen erst sehr reserviert reagieren, wenn er erzählt, welchen Beruf er ausübt. Nach einiger Zeit kommen sie aber doch und haben jede Menge Fragen. Wir Deutschen verdrängen den Tod in Altersheime und Krankenhäuser, auch durch den Krieg ist er sehr negativ besetzt. Die Zielgruppe unseres Senders ist riesig und wird durch den demografischen Wandel immer größer: Wir haben schon über zwei Millionen Pflegefälle in Deutschland, bis 2010 werden es drei sein. Wenn bei jedem davon etwa vier Angehörige betroffen sind, liegen wir bei über zehn Millionen Menschen!Interview: Inke Suhr