Sheila Marcelo kennt das Problem ziemlich gut. Als Studentin in den USA wurde sie schwanger - die Familie von den Philippinen war weit weg, verzweifelt suchte sie nach einem Babysitter für ihren Sohn. Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: "Ich bin immer noch mit diesem Mann verheiratet", sagt Marcelo, als sie von der Gründung ihres Unternehmens erzählt. Doch wie der Vater des Kindes blieb auch die Erinnerung an diese Zeit. Deshalb gründete die heute 41-Jährige 2006 ihr Start-up Care.com, eine Plattform, die über das Internet Betreuungskräfte für Kinder, Alte oder Haustiere vermittelt.
Sechs Jahre später profitiert die Firma von einer alternden Gesellschaft in westlichen Ländern - und von Frauen, die wie Marcelo Familie und Karriere miteinander vereinbaren müssen. Sieben Millionen Kunden zählt Care.com bereits, in jedem Jahr verdoppeln sich nach eigenen Angaben die Umsätze. Zu den Klienten gehören neben Privatpersonen auch Firmen wie Siemens oder General Electrics, die für Mitarbeiter Haushaltshilfen suchen. 111 Mio. Dollar hat Care.com seit 2006 von Kapitalgebern eingesammelt, mit denen das Unternehmen gerade auf weltweite Expansionstour geht. "Es war nie besonders schwer Investoren zu erklären, welche Chancen wir haben", sagt Marcelo. Hunderte Milliarden Dollar würden allein die US-Amerikaner jährlich für Pflege ausgeben, rechnet sie vor; ein Riesengeschäft, wenn man nur einen Bruchteil dieses Marktes erobern könne.
Care.com funktioniert wie ein Marktplatz für Pflegekräfte. Haushaltshilfen, Babysitter oder Altenpfleger können ihr Angebot kostenlos einstellen; wer auf der Seite eine Hilfskraft sucht, muss in Form eines Abos rund 12 Dollar im Monat bezahlen. In 18 Ländern ist der Service abrufbar. In Deutschland übernahm die US-Firma im Juli das Berliner Start-up Betreut.de. Vor allem der Markt für die ambulante Pflege ist hierzulande stark zersplittert. Von rund 12.000 Pflegediensten werden 60 Prozent privat betrieben, ein Großteil von selbstständigen Pflegern - ein bisher unüberschaubarer Markt.
Aber das Geschäft ist kein Selbstläufer. Es erfordere Aufklärungsarbeit, Menschen davon zu überzeugen, Aufpasser für die eigenen Kinder oder Eltern im Internet zu buchen. 200 Mitarbeiter kümmern sich darum, jedes einzelne Betreuerprofil zu überprüfen. Aber Care.com profitiert vom wachsenden Vertrauen der Menschen in das Internet. "Vor 15 Jahren hätte auch niemand gedacht, dass man eine Arbeit oder einen Ehepartner im Netz findet", so Marcelo. Mittlerweile versucht die Unternehmerin auch das Problem fehlender Pflegekräfte als Geschäftsfeld zu nutzen. Seit September vermittelt Care.com über ein Joint-Venture Pflegekräfte von den Philippinen nach Kanada - ein Testballon. Der Service sei in Zukunft auch für Deutschland denkbar, wo bis 2030 laut Bertelsmann Stiftung 500.000 Pflegekräfte fehlen werden.
Profitabel war Care.com nach eigenen Angaben, bis man angefangen habe, in die weltweite Expansion zu investieren, so Marcelo. Ein Börsengang sei eines Tages denkbar - um sich gegen den wachsenden Wettbewerb im Netz behaupten und weiter investieren zu können. "Ich bin nicht auf einem verrückten Drogentrip und glaube, die Welt beherrschen zu können", sagt sie. Angebote wie Sittercity.com gehören in den USA zu den ärgsten Rivalen. "Aber wenn wir unseren Job gut machen, können wir erwarten, der größte Anbieter zu sein."