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Merken   Drucken   28.08.2007, 09:00 Schriftgröße: AAA

Web bin ich?

Das Netz spaltet unsere Persönlichkeit in verschiedene Ichs. Weil Profiler-Sites wie Spock.com sie wieder zu einem zusammenfügen, sollte man aufpassen, wie man sich wo präsentiert. Eine Anleitung zur virtuellen Schizophrenie.
von Lennart Wegner

 

Ein typisches Xing-Profil. Dieser Nutzer ist kein Premium-Mitglied   Ein typisches Xing-Profil. Dieser Nutzer ist kein Premium-Mitglied

Karrieren brauchen Kontakte. Die finden sich im Internet einfacher als irgendwo sonst. Etwa beim börsennotierten Businessnetzwerk Xing  (sprich: Crossing). Hier werden virtuelle Beziehungen geknüpft, die irgendwann zu realen werden sollen, es werden nützliche bis exotische Dienstleistungen feilgeboten, und natürlich wird sich auch präsentiert: mit Fotos, einem Lebenslauf und mit einer Liste von Geschäftskontakten. Das ist alles nett und manchmal sogar hilfreich, birgt aber die süße Versuchung, das Privatleben mit zur Arbeit zu bringen. Die Stolperfalle: das offene Gästebuch. Darin ergänzen sich dann - für Suchmaschinen ebenso wie für Neugierige einsehbar - quatschbesoffene Kommentare von Ex-Kollegen mit anzüglichen Grußbotschaften alter Liebschaften zu einem Mosaik der Peinlichkeiten. Und kaum hat man das Gästebuch eine Weile nicht abgestellt, schon weiß jeder, dass man von Ihnen zwar einen prima Kneipenzug, aber vielleicht nicht unbedingt ein sauberen Projektablauf erwarten kann. Und wenn diese Details erst mal von einem sozialen Profiler wie Spock.com erfasst sind, hat man noch sehr lang etwas von ein paar lustigen Abenden.

www.xing.com

Screenshot der Homepage des größten deutschen ...   Screenshot der Homepage des größten deutschen Online-Studentennetzwerks StudiVZ

Auf der Uni, so lehren deren Winkel im Web, lernt man abzuschreiben. So hat die Studentenplattform StudiVZ alles Wesentliche vom US-Pendant Facebook übernommen. Auf dem virtuellen Campus des deutschen Ablegers sind die kreuzbraven Studenten eher eine Seltenheit: Dem Hochschul-Ich geht es im Netz wie an der Uni nicht ausschließlich um gute Noten. Es präsentiert sich auf seiner Profilseite oft weniger als spaßfreier Akademiker, sondern lieber als versierter Serienexperte, Frauenheld oder extracurricularer Sympath. Doch Studenten sollten noch mal in sich gehen, bevor sie sich mit vollem Namen in Gruppen wie "Scheine kann man wiederholen - Parties nicht" oder "Smart & Sexy: Cellisten" organisieren. Suchmaschinen ist es egal, dass der erhoffte Arbeitgeber wenig Verständnis für semierotische Fotos mit Streichinstrumenten hat. Sie können diese Bilder auch noch Jahre später ausspucken.

www.studivz.de

Screenshot der Homepage von twitter.com   Screenshot der Homepage von twitter.com

Die Ursache dramatisch sinkender Aufmerksamkeitsspannen sind die elektronischen Medien. Medien wie Twitter, das aus dem Elend des Kürzestzeitgedächtnisses Kapital schlägt. Auf 160 Zeichen, der Länge einer üblichen SMS, schreiben die Mitglieder einem Kreis von Anhängern, ihren "Followers", was sie gerade tun. Diese tourettesyndromähnlichen Zweizeiler erzählen dann Sachen wie: "Überleg' grad ob ich aufhören soll zu rauchen? Schmeckt nicht so gut, schaut aber cool aus ..." Wer an Formulierungen feilt oder auf Orthografie achtet, macht es falsch. Bei Twitter werden kaum zu Ende gedachte Gedanken veröffentlicht. Das geht so einfach und schnell, dass man bald Sätze abgründiger Bedeutungslosigkeit lostwittert, von denen einen manche aus der Gruppe der denkenden Wesen disqualifizieren. Als Frazr gibt es Twitter nun auch auf Deutsch.

www.twitter.com; www.frazr.de

Auf ihren selbst gestalteten Webseiten stellen sich jugendliche ...   Auf ihren selbst gestalteten Webseiten stellen sich jugendliche Nutzer von Myspace vor

Ursprünglich war Myspace eine Onlinefestplatte, auf der man unnützen Megabyte-Plunder einmotten konnte, doch seit 2003 lagert hier der Traum der ewigen Jugend. Das Popkultur-Ich macht sich auf Myspace nicht nur mit Fotos, Angaben zu Hobbys und Lieblingsmusik interessant, es spielt auf der ganzen Klaviatur der Selbstdarstellung. Einige der 100 Millionen Nutzer verdichten diese Möglichkeiten auf ihren Profilseiten zu blutdrucksteigernden Multimediafeuerwerken mit minutenlangen Ladezeiten. Das eigentlich Myspace-Faszinosum aber ist: die Schamlosigkeit, mit der hier private und nicht selten kompromittierende Botschaften, Bilder und Videos hin und her gepostet werden. Sie geben schon heute manchem Personalchef einen maßgeblicheren Eindruck eines Bewerbers als manche Mappe.

http://de.myspace.com/

Beinah jeder hat bereits mit dem Gedanken gespielt, eine Website auf seinen Namen anzumelden. Leider endet die Mehrzahl derer, die es dann auch angehen, mit einer Bildschirmseite, auf der unter einem stilisierten Baustellenschild verkündet wird: "Hier entsteht momentan die Internetpräsenz von Familie Fischer." "Momentan" dauert dann meistens ein paar Jahre. Viel zu selten wird auf privaten, unabhängigen Websites echter Content bereitgestellt. Dabei lassen sich hier die Grenzen der Präsentationsformen sprengen. Zwar ist der Aufwand ein höherer und das Publikum vergleichsweise ein kleines. Trotzdem lässt sich, wer meint, ein unteilbares Ego zu haben, am besten auf seiner privaten Internetpräsenz besuchen. Gerade für Nutzer mit speziellen Interessen gibt es keine Alternative zu www.hierkönnteihrname stehen.de

  • FTD.de, 28.08.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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