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Merken   Drucken   08.10.2012, 08:42 Schriftgröße: AAA

"Wetten Dass..?" ohne Gottschalk: Lanz schön öde

Den wahren Kern von "Wetten Dass..?" wollte Markus Lanz in der Nachfolge von Thomas Gottschalk freilegen. Seine erste Sendung zeigt: Das war keine gute Idee. Ein Abend mit Europas langweiligster Unterhaltungsshow.
© Bild: 2012 Reuters/HANDOUT
Den wahren Kern von "Wetten Dass..?" wollte Markus Lanz in der Nachfolge von Thomas Gottschalk freilegen. Seine erste Sendung zeigt: Das war keine gute Idee. Ein Abend mit Europas langweiligster Unterhaltungsshow.
von Hamburg

Zwei Tasten auf der Fernbedienung, eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Drückt man an diesem Samstagabend auf die Nummer vier, blickt die blonde Simone in die Kamera und erzählt zu trauriger Musik von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter, von der Gewalt in ihrer letzten Beziehung, und davon, dass sie jetzt als "Supertalent" ein neues Leben beginnen will. Dann tanzt sie an einer Stange, wie sie sonst in Stripclubs stehen und Thomas Gottschalk schaut zufrieden. Das ist bewegend und emotional, aber auch schmuddelig, voyeuristisch und RTL.

Drückt man auf die zwei, sitzt dort fast zwanzig Minuten lang eine Frau mit verbundenen Augen und betatscht Bällchen aus Hundehaar und bittet den aufgedrehten Markus Lanz, sie ja nichts zu fragen. Ob sie es schafft fünf von 22 Hunderassen an ihren Haaren zu erfühlen, ist eigentlich auch egal. Es gibt nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren. Nicht für sie, das Publikum, nicht für ihren Promi-Wettpaten Wotan Wilke Möhring - der müsste im Fall einer Niederlage nur ganz harmlos seinen Namen tanzen. Das alles tut niemandem weh und ist Fernsehen, so spannend wie die badische Meisterschaft im Raufasertapezieren. "Wetten Dass..?" im ZDF mochte jahrelang die nach Zuschauern größte TV-Show in Europa sein, seit diesem Samstag ist sicher: Sie ist wohl auch die langweiligste.

Wenn RTLs "Supertalent" für die geschmacksverirrte Gegenwart der deutschen TV-Unterhaltung steht, dann ist "Wetten Dass..?" das Relikt aus einer längst vergilbten Zeit, als eine TV-Sendung noch kaum Konkurrenz hatte - als es nur drei Sender gab, keine Videotheken und die Kneipen gerne auch schon früher zumachten.

Nach langem Warten und unter großem Geprassel der Boulevardmedien moderierte Markus Lanz, bis dahin vor allem bekannt geworden als Moderator von "Markus Lanz", in Düsseldorf seine erste "Wetten Dass..?"-Sendung als Nachfolger von Thomas Gottschalk. Es war ein Abend voller Erwartungen: Ist Lanz den großen Gottschalk-Fußstapfen gewachsen? Und schafft er es, den 200 Episoden alten Show-Tanker fit für die 2010er-Jahre zu machen?

In den ausgiebigen Vorberichten auf dem eigenen Sender - das ZDF räumte am Samstag sogar das Vorabendprogramm für eine Countdown-Sendung frei - hatte Lanz seine Strategie bereits offenbart. Er glaube an das von Frank Elstner Anfang der 1980er Jahre entwickelte Show-Konzept, an die Wetten und die Kandidaten. Die sollten im Mittelpunkt stehen. "Was wir eigentlich wollen, ist den Kern von 'Wetten Dass..?' freizulegen", hatte Lanz verkündet.

Nach über drei Stunden Livesendung ist klar: das hat Lanz geschafft. Jahrelang von Gottschalks improvisierten Moderationen, seinem heimeligen Sofa-Geplauder und Gästen-aufs-Knie-Gelange übertüncht, liegt der Kern des Show-Konzepts nun frei. Und jeder Zuschauer kann sich überzeugen: "Wetten Dass..?" ist ein Show-Format ohne Dramaturgie und Spannungsbogen, bei dem nicht einmal das elementarste Spielprinzip funktioniert. Kandidaten führen absonderliche Kunststücke auf und Prominente wetten, dass es die Kandidaten schaffen oder nicht. Nur wetten praktisch eh niemand gegen den Kandidaten und ob der die Wette besteht oder scheitert ist für den Ausgang der Show völlig unerheblich. Der Wettkönig, also Sieger des Abends, wird eh per Telefonabstimmung gewählt.

Dabei haben Lanz und seine Redaktion alles versucht, das Konzept aufzupeppen. Die Kandidaten sitzen jetzt im Saal sichtbar, aber von den Kameras weitgehend unbeachtet während der ganzen Sendung auf einer Empore. Sie werden in kleinen Einspielfilmchen vorgestellt, aber über ihre Motivation erfährt man erschreckend wenig. Markus Lanz tritt in der Mitte der Sendung gegen einen Zuschauer an. Und das visuell spektakulärste Spiel, das der Redaktion einfiel, war allen Ernstes: Wer schafft die meisten Liegestützten mit einem Bierkasten auf dem Rücken.

Wie zu Helmut Kohls Zeiten

So plätschert der Fernsehabend seicht vor sich hin, ohne Highlights und Aufreger. Jennifer Lopez tanzt, Karl Lagerfeld nuschelt, die obligatorische Traktorwende scheitert nach fünf Sekunden. Cindy aus Marzahn läuft in Glitzerkleidern durch die Halle und ein Mann bedient mit seinen Ohrläppchen einen Morseapparat. Als Helmut Kohl noch Kanzler war, galt so etwas in Deutschland einmal als Unterhaltung.

Markus Lanz moderiert fröhlich und rastlos wie ein frisch aufgeladenes Duracell-Häschen. Dass ihm vor Aufregung die Hände zittern, gibt er offen zu. Seine besten Momente aber hat er auf dem Sofa, wenn er im Gespräch mit den Gästen subtil aber direkt persönlich wird. Er redet mit Fußballstar Rafael van der Vaart über dessen ärmliche Kindheit in einer Wohnwagensiedlung und mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft über ihre übereilte Hochzeit. Dann wünscht man sich fast, die Show bestünde nur aus Lanz, den Gästen und dem Sofa. Ohne diese ganzen schnarchigen Wetten. Aber diese Sendung gibt es ja schon und die heißt "Markus Lanz" und läuft viermal die Woche im ZDF.

Unterhaltung geht anders

Die Samstagabend-Unterhaltung hat sich anderswo längst weiter entwickelt als "Wetten Dass..?". Stefan Raab kämpft in "Schlag den Raab" vier oder fünf Stunden ohne Pause und Durchhänger mit einem Kandidaten um Millionen. "Das Supertalent" quetscht seine Kandidaten und ihre Geschichten in Zeitlupe bis zur letzten Träne aus. Und selbst Florian Silbereisen - wer's mag - peppt seine "Feste der Volksmusik" in der ARD für sein Seniorenpublikum mittlerweile mit albernen Stunts auf.

"Wetten Dass..?" galt lange Jahre als die letzte große Konsensshow. Auf das Fernsehprogramm auf das sich alle über Schichten und Alterskohorten hinweg, außer den "Tatort" vielleicht, noch am ehesten einigen können. Doch dafür hat sich das Konzept mittlerweile schon zu lange überlebt. Vielleicht ist die Zeit der Konsensshows ja vorbei. Vielleicht ist die Tatsache, dass die Castingshows der Privaten und das Öffentlich-Rechtliche-Museumsstück "Wetten Dass..?" gerade gleichzeitig anfangen gewaltig zu schwächeln, auch eine Chance für etwas Neues. Wie wäre es einmal mit einer echten Konsensshow, einer Sendung mit Spannung und mit Niveau. Moderiert von Markus Lanz - dem größten lebenden deutschsprachigen Konsens-Showmaster.

  • FTD.de, 08.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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